Der Datenskandal um Cambridge Analytica und Facebook hat die Sensibilität für Datenmissbrauch deutlich erhöht. Was 2018 noch für Aufsehen sorgte, ist heute längst Alltag im digitalen Geschäft. Die damals durch die Bild am Sonntag (BAMS) bekannt gewordene Praxis einer Post-Tochter, CDU und FDP mit Daten zu versorgen, war nur die Spitze des Eisbergs.
Inzwischen hat sich die Datenwirtschaft massiv weiterentwickelt. Was 2018 noch für „fünfstellige Beträge“ verkauft wurde, ist heute ein Milliardengeschäft. Die Deutsche Post DHL Group hat ihre Datensparte mittlerweile zu einem der profitabelsten Geschäftszweige ausgebaut – und steht damit nicht allein da.
Auch wenn damals keine persönlichen Daten direkt weitergegeben wurden, sondern anonymisierte Wahrscheinlichkeitswerte für politische Gesinnung, war das erst der Anfang. Die Post verriet den Auftraggebern mit Werten zwischen 1 und 100, wie die politische Neigung in Haushalten aussehen könnte – zunächst anonymisiert über mehrere Haushalte gleichzeitig, meist 6,6 Haushalte.

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Von Briefkästen zu Datenprofilen
Heute ist die Datenlage noch viel umfassender. Daten vom Kraftfahrtbundesamt, Angaben über Familiensituation, Kaufkraft, Alter, Bildung und Wohnsituation sind nur der Grundstock. Hinzu kommen inzwischen Daten aus Online-Käufen, App-Nutzung, Bewegungsprofile und sozialen Medien. Die Algorithmen sind so verfeinert, dass sich individuelle Profile erstellen lassen, die erschreckend präzise sind.
Die DSGVO sollte eigentlich schützen, aber clevere Datenanbieter haben längst Wege gefunden, rechtssicher zu operieren. Sogenannte „Lookalike-Audiences“ und „Wahrscheinlichkeitsmodelle“ umgehen geschickt die strengen Regeln. Was früher grob anonymisiert war, wird heute durch KI-Algorithmen wieder personalisierbar gemacht.
Besonders brisant: Die Methoden sind mittlerweile so ausgefeilt, dass sich auch aus „anonymisierten“ Datensätzen mit hoher Trefferquote Rückschlüsse auf konkrete Personen ziehen lassen. Forscher haben bereits mehrfach bewiesen, dass sich vermeintlich anonyme Daten durch Kreuzreferenzierung wieder individualisieren lassen.
Das neue Geschäftsmodell: Mikrotargeting 2.0
Was 2018 noch rudimentär war, ist heute Hochpräzisions-Marketing. Parteien nutzen inzwischen KI-basierte Tools, die in Echtzeit auswerten können, welche Botschaften bei welchen Zielgruppen wirken. Die Zeiten, in denen Wahlkampf mit Plakaten und TV-Spots gemacht wurde, sind vorbei.
Stattdessen erhalten Wähler maßgeschneiderte politische Botschaften über Social Media, personalisierte Newsletter und sogar WhatsApp-Nachrichten. Dabei werden nicht nur demografische Daten genutzt, sondern auch psychografische Profile: Welche Ängste, Hoffnungen und Werte hat eine Person? Darauf zugeschnittene Botschaften sind viel wirkungsvoller als pauschale Wahlwerbung.

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Regulierung hinkt hinterher
Trotz verschärfter Gesetze bleibt die Durchsetzung schwierig. Datenanbieter operieren oft grenzübergreifend oder nutzen Schlupflöcher. Während die EU mit dem Digital Services Act und dem AI Act nachzuziehen versucht, sind die Unternehmen meist einen Schritt voraus.
Das Problem: Viele Nutzer geben ihre Daten freiwillig preis, ohne zu verstehen, wie umfassend sie ausgewertet werden. Jeder App-Download, jeder Online-Kauf, jeder Klick wird erfasst und zu einem Gesamtbild zusammengefügt, das oft präziser ist als das, was Familie und Freunde über uns wissen.
Was bedeutet das für die Demokratie?
Die Entwicklung ist bedenklich: Wenn Politiker ihre Botschaften so zielgenau ausrichten können, dass verschiedene Wählergruppen völlig unterschiedliche „Wahrheiten“ zu hören bekommen, wird demokratischer Diskurs schwierig. Statt informiert zu werden, werden Wähler manipuliert.
Die Lösung liegt nicht nur in besseren Gesetzen, sondern auch in mehr digitaler Bildung. Jeder sollte verstehen, wie Datensammlung funktioniert und welche Macht dadurch entsteht. Nur so können wir als Gesellschaft entscheiden, wo die Grenzen liegen sollen.
Denn eins ist klar: Das Geschäft mit unseren Daten läuft auf Hochtouren – und wird ohne gesellschaftlichen Widerstand weiter wachsen. Es liegt an uns, die Regeln zu bestimmen.
Zuletzt aktualisiert am 10.03.2026
