Panoramafreiheit: Was wir draussen fotografieren dürfen und was nicht

von | 22.06.2023 | Digital

Seit der Wiedereinführung von Google Street View in Deutschland diskutieren viele über die Grenzen des Fotografierens im öffentlichen Raum. Was ihr wissen müsst: Die Panoramafreiheit regelt, was erlaubt ist – und das unterscheidet sich drastisch zwischen den Ländern.

Die Panoramafreiheit, auch als Straßenbildfreiheit bekannt, ist ein entscheidender rechtlicher Begriff, der jeden betrifft, der fotografiert oder filmt. Mit der Renaissance von Street View-Diensten und der Allgegenwart von Smartphone-Kameras wird das Thema immer relevanter.

In Europa dürfen Gebäude in der Regel fotografiert werden

Deutschland: Liberale Regelung mit klaren Grenzen

In Deutschland ist die Panoramafreiheit nach §59 UrhG relativ großzügig geregelt. Ihr dürft Gebäude, Denkmäler und andere Kunstwerke fotografieren, die dauerhaft an öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen stehen. Das schließt auch die kommerzielle Nutzung ein – ein wichtiger Punkt für Content Creator und Unternehmen.

Die Bedingungen sind klar: Das Werk muss von einem öffentlich zugänglichen Ort aus sichtbar und dauerhaft installiert sein. „Dauerhaft“ bedeutet hier mindestens zwei Jahre. Temporäre Installationen oder Kunstwerke in Museen fallen nicht darunter.

Europa: Ein Flickenteppich der Regelungen

Während Deutschland zu den liberaleren Ländern gehört, herrscht in Europa ein regelrechter Wildwuchs. Frankreich hat 2016 seine Gesetze gelockert und erlaubt nun auch die kommerzielle Nutzung von Architekturfotos – allerdings nur für Gebäude, nicht für moderne Kunstwerke im öffentlichen Raum.

Italien bleibt restriktiv: Hier braucht ihr für kommerzielle Nutzung von Fotos berühmter Gebäude oft eine Genehmigung. Selbst das Kolosseum oder der Schiefe Turm von Pisa können problematisch werden, wenn ihr die Bilder verkaufen wollt.

Belgien ist noch strenger: Dort gibt es praktisch keine Panoramafreiheit. Jede Veröffentlichung von Fotos urheberrechtlich geschützter Gebäude kann theoretisch abgemahnt werden.

Digitale Revolution verändert die Spielregeln

Die Diskussion um die Panoramafreiheit hat durch KI-gestützte Bilderkennung und automatisierte Content-ID-Systeme eine neue Dimension bekommen. Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube können mittlerweile automatisch erkennen, welche Gebäude oder Kunstwerke auf euren Bildern zu sehen sind.

2024 führten mehrere große Tech-Konzerne erweiterte Bilderkennungssysteme ein, die auch architektonische Details identifizieren können. Das hat zu einer Zunahme automatischer Takedown-Requests geführt, selbst in Ländern mit liberaler Panoramafreiheit.

Praktische Tipps für den Alltag

Kommerzielle Nutzung prüfen: Plant ihr, eure Fotos zu verkaufen oder für Werbezwecke zu nutzen? Dann informiert euch vorher über die lokalen Bestimmungen. Was für private Posts okay ist, kann kommerziell problematisch werden.

Innenräume sind tabu: Die Panoramafreiheit gilt nur für Außenaufnahmen von öffentlichen Orten. Sobald ihr ein Gebäude betretet oder von privaten Grundstücken fotografiert, gelten andere Regeln.

Moderne Kunst ist heikel: Während historische Gebäude meist unproblematisch sind, können moderne Skulpturen oder zeitgenössische Architektur noch urheberrechtlich geschützt sein. Im Zweifel: Nachfragen.

Drohnen ändern alles: Mit Drohnenaufnahmen bewegt ihr euch in einer rechtlichen Grauzone. Hier gelten neben der Panoramafreiheit auch Luftfahrtgesetze und Persönlichkeitsrechte.

Internationale Unterschiede beachten

In den USA ist die „Fair Use“-Regelung großzügiger als die meisten europäischen Gesetze. Dort dürft ihr praktisch alles fotografieren, was von öffentlichen Straßen aus sichtbar ist.

Japan hingegen hat sehr restriktive Regelungen für moderne Architektur. Viele berühmte Gebäude dort sind noch urheberrechtlich geschützt.

Zukunft der Panoramafreiheit

Die EU diskutiert seit Jahren über eine Harmonisierung der Panoramafreiheit. Ein einheitliches europäisches Regelwerk würde vieles vereinfachen, ist aber am Widerstand einzelner Länder gescheitert.

Mit dem Aufkommen von KI-generierten Bildern und Virtual Reality entstehen neue rechtliche Fragen: Gilt die Panoramafreiheit auch für KI-Modelle, die mit Straßenbildern trainiert wurden? Die Gerichte werden in den kommenden Jahren Antworten finden müssen.

Fazit: Die Panoramafreiheit ist ein komplexes Thema, das sich je nach Land drastisch unterscheidet. Informiert euch vor Reisen über die lokalen Bestimmungen und seid bei kommerzieller Nutzung besonders vorsichtig. Im Zweifel gilt: Lieber einmal zu viel nachfragen als eine teure Abmahnung zu riskieren.

Zuletzt aktualisiert am 18.02.2026