Druckfrisch liegt sie vor mir, die neue ARD/ZDF Online-Studie, mittlerweile in ihrer 26. Ausgabe. Kleiner Scherz. Denn natürlich wird die Online-Studie nicht gedruckt verteilt, sondern zum Download angeboten. Alles andere wäre auch verrückt – aber natürlich absolut denkbar. Wer seine Nase in die Studie steckt, wird erkennen: Das Internet hat längst gewonnen. Die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschoben.
Bei den 14-29-Jährigen ist das Internet mit über 380 Minuten Nutzungsdauer pro Tag längst uneinholbar auf Platz 1. Das klassische Fernsehen dümpelt in dieser Altersgruppe bei unter 90 Minuten herum – Tendenz weiter fallend. Aber auch bei den Älteren bröckelt die TV-Dominanz: Streaming, Social Media und Online-Videos erobern immer mehr Lebenszeit.
YouTube, TikTok und Co. bestimmen die Agenda
Die Zahlen sind eindeutig: YouTube verzeichnet in Deutschland täglich über 50 Millionen Aufrufe, TikTok erreicht über 20 Millionen Nutzer monatlich. Dazu kommen Instagram Reels, Twitch-Streams und unzählige Podcasts. Die Unterhaltungsbranche hat sich komplett ins Netz verlagert – mit einem fatalen Nebeneffekt.
Denn hier liegt das Problem: Gut gemachte Informationssendungen oder gar seriöse Nachrichten gibt es in dieser Online-Welt praktisch nicht. Die großen Streaming-Giganten Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, Apple TV+ und Paramount+ investieren Milliarden – aber ausschließlich in Entertainment. Serien, Filme, Dokutainment – aber keine News. Kein Journalismus. Keine Berichterstattung.
Wo bleiben die News im Streaming-Zeitalter?
Selbst die neueren Player wie Joyn, RTL+ oder WOW (ehemals Sky Ticket) setzen fast ausschließlich auf Unterhaltung. Nachrichten? Fehlanzeige. Regionale Berichterstattung? Gibt’s nicht. Investigativer Journalismus? Zu teuer, zu riskant.
Dabei zeigt sich gerade in Krisenzeiten wie wichtig seriöse Informationsquellen sind. Corona, Ukraine-Krieg, Klimawandel – wer erklärt komplexe Zusammenhänge, wenn nicht mehr das öffentlich-rechtliche System? Die sozialen Medien jedenfalls nicht. Dort herrschen Meinungsblasen, Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten.
Die Krux mit der „Zwangsgebühr“
Natürlich befeuert dieser Medienwandel die Diskussion um den Rundfunkbeitrag. „Warum soll ich für ARD und ZDF zahlen, wenn ich nur Netflix schaue?“, fragen sich viele. Eine nachvollziehbare Reaktion, aber kurzsichtig gedacht.
Denn während Netflix und Co. nur profitable Zielgruppen bedienen, müssen die Öffentlich-Rechtlichen alle erreichen: vom Kleinkind bis zum Rentner, von der Großstadt bis zum 200-Seelen-Dorf. Das kostet und lohnt sich rein kommerziell oft nicht.
Was bieten nur die Öffentlich-Rechtlichen?
Regionale Berichterstattung über den Stadtrat in Hintertupfingen? Macht nur der lokale ÖR-Sender. Verbraucherschutz-Sendungen, die wirklich wehtun? „Plusminus“, „WISO“ und Co. haben schon manchen Konzern ins Schwitzen gebracht. Investigative Recherchen zu Cum-Ex-Skandal oder Wirecard? Meist sind es ÖR-Journalisten, die monatelang recherchieren.
Die privaten Sender? RTL, Sat.1 und ProSieben haben ihre News-Redaktionen über Jahre zusammengestrichen. Magazine wie „Stern TV“ oder „Galileo“ kratzen nur noch an der Oberfläche. Echten Investigativ-Journalismus findet man dort nur noch in homöopathischen Dosen.
Die Zukunft der Information
Die ARD/ZDF Online-Studie zeigt also nicht nur einen Medienwandel, sondern eine Gesellschaftsgefahr auf. Eine Demokratie braucht unabhängige, gut finanzierte Medien. Medien, die auch unbequeme Wahrheiten aussprechen dürfen. Die nicht von Werbekunden oder Investoren abhängig sind.
Klar, auch die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich ändern. Mehr Online-Content, bessere Apps, zeitgemäße Formate. Die ARD Mediathek und ZDF Mediathek haben sich deutlich verbessert, Funk erreicht junge Zielgruppen erfolgreich auf YouTube und TikTok.
Fazit: Entertainment vs. Information
Der Trend ist unumkehrbar: Das Internet dominiert unsere Mediennutzung. Aber Entertainment allein reicht nicht für eine funktionierende Gesellschaft. Wer würde investigative Recherchen finanzieren, wenn es keine öffentlich-rechtlichen Sender mehr gäbe? Wer würde über kommunalpolitische Entscheidungen berichten? Wer würde Minderheitenprogramme produzieren?
Die Antwort ist ernüchternd: niemand. Kommerziell lohnt sich das nicht. Deshalb ist das öffentlich-rechtliche System trotz aller Kritik unverzichtbar – gerade in Zeiten von Filterblasen und Fake News.
Beängstigend wäre eine Medienlandschaft ohne unabhängigen Journalismus. Das wäre das Ende der vierten Gewalt – und ein schlechtes Geschäft für die Demokratie.
Zuletzt aktualisiert am 17.04.2026

