Wer ein eingeschränktes Sehvermögen hat und sich in einer Stadt trotzdem zurechtfinden möchte, kann damit leicht Schwierigkeiten haben. Während Microsoft seine Soundscape-App 2022 einstellte, sind inzwischen deutlich bessere Alternativen entstanden, die das Konzept der Audio-Navigation revolutioniert haben.
Die Idee von Soundscape war brilliant: Über 3D-Audio bekamt ihr Informationen zu Ladengeschäften und Straßen, an denen ihr gerade vorbeigeht. Die Stimme kam dabei aus der Richtung des Kopfhörers, in der sich das beschriebene Objekt befand. Wart ihr beispielsweise vor dem Apple Store, der sich links befand, hörtet ihr die Ansage auch aus dem linken Kopfhörer.
Bild: Microsoft
Soundscape lebt als Open Source weiter
Nach der Einstellung durch Microsoft übernahm die Scottish Tech Army das Projekt und entwickelt es unter dem Namen „Soundscape Community“ weiter. Die App ist kostenlos verfügbar und läuft auf iOS und Android. Ihr findet sie in den App Stores unter „Soundscape Community Edition“.
Die Community-Version bietet alle ursprünglichen Features: Spatial Audio für Orientierung, Wegpunkte setzen und verfolgen, sowie Audiomarkierungen für wichtige Orte. Besonders praktisch ist der „Beacon“-Modus, der euch akustisch zu einem Ziel führt.
Moderne Alternativen übertreffen das Original
Inzwischen gibt es jedoch noch ausgefeiltere Lösungen. Die App „Be My Eyes“ hat ihre KI-Funktion „Be My AI“ massiv ausgebaut. Sie nutzt GPT-4 Vision und kann über die Kamera detaillierte Beschreibungen der Umgebung liefern. Haltet ihr das Smartphone hoch, beschreibt die App präzise, was sich vor euch befindet – von Ampeln bis zu Geschäftsschildern.
Apple integriert Audio-Navigation direkt ins System
Apple hat mit VoiceOver und der Funktion „Bildbeschreibungen“ ebenfalls nachgelegt. Seit iOS 16 erkennt das System automatisch Texte, Objekte und sogar Personen auf Fotos und kann diese vorlesen. In Kombination mit der verbesserten Karten-App bekommt ihr detaillierte Audio-Anweisungen für die Navigation.
Die „Detaillierte Sprachnavigation“ in Apple Maps beschreibt inzwischen nicht nur Abbiegungen, sondern auch Orientierungspunkte: „In 100 Metern rechts abbiegen nach der Apotheke“ oder „Links halten, das Café befindet sich auf der rechten Seite“.
Google Maps wird inklusiver
Google hat seine Maps-App um „Live View für Fußgänger“ erweitert. Während diese Funktion primär visuell arbeitet, bietet sie in Kombination mit TalkBack (Androids Screenreader) detaillierte Audio-Beschreibungen. Das System erkennt über die Kamera Straßenschilder, Hausnummern und Geschäfte und liest diese vor.
Neu ist auch die Integration von Auracast-Technologie in öffentliche Verkehrsmittel. Busse und Bahnen senden Durchsagen direkt an kompatible Hörgeräte und Kopfhörer – ohne zusätzliche App.
Spezialisierte Apps für verschiedene Bedürfnisse
Für unterschiedliche Situationen haben sich spezialisierte Apps etabliert:
BlindSquare kombiniert Foursquare-Daten mit GPS und liefert kontinuierliche Updates über die Umgebung. Die App läuft im Hintergrund und informiert automatisch über interessante Orte in der Nähe.
Seeing AI von Microsoft (ja, die machen weiterhin Accessibility-Apps) erkennt über die Kamera Texte, Produkte, Personen und Szenen. Besonders praktisch beim Einkaufen oder Lesen von Fahrplänen.
Lazarillo ist eine kostenlose GPS-App speziell für blinde und sehbehinderte Menschen. Sie funktioniert auch offline und bietet detaillierte Audio-Beschreibungen von Routen.
Hardware macht den Unterschied
Die neueste Generation von Kopfhörern und Hörgeräten unterstützt räumliches Audio deutlich besser. AirPods Pro mit „Personalized Spatial Audio“ passen den 3D-Klang an eure Ohrenform an. Bone-Conduction-Kopfhörer wie die Shokz OpenRun lassen die Ohren frei, sodass ihr Umgebungsgeräusche weiterhin wahrnehmt.
Künstliche Intelligenz revolutioniert die Navigation
Der größte Fortschritt kommt durch KI. ChatGPT, Claude und andere können inzwischen Bilder analysieren und detaillierte Wegbeschreibungen geben. Fotografiert eine Kreuzung, und die KI erklärt euch, welche Straßen abgehen und was sich wo befindet.
Startups wie „Aira“ bieten sogar Live-Assistenz: Über die Smartphone-Kamera seht geschulte Agenten, was ihr seht, und können in Echtzeit bei der Navigation helfen.
Die Zukunft ist bereits da
Audio-Navigation entwickelt sich rasant weiter. Was als Nischenlösung für Menschen mit Sehbehinderung begann, wird zunehmend mainstream. Viele nutzen Audio-Feedback beim Joggen, Radfahren oder wenn sie das Smartphone nicht in der Hand halten können.
Die Technologie zeigt: Barrierefreiheit kommt allen zugute. Was für Menschen mit Behinderungen entwickelt wird, macht Technologie für alle besser und intuitiver.
Zuletzt aktualisiert am 10.03.2026

