Was für ein spektakulärer Absturz: Was einst als Facebooks große Vision einer globalen Digitalwährung namens Libra startete, ist längst Geschichte. Das Projekt, das 2019 die Finanzwelt in Aufruhr versetzte, wurde nach massivem Widerstand von Regulierungsbehörden weltweit eingestampft. Die letzten Reste verschwanden 2022 endgültig von der Bildfläche. Doch die Idee digitaler Währungen großer Tech-Konzerne ist damit keineswegs tot.
Von Libra zu Diem zu gar nichts
Facebooks ursprünglicher Plan war simpel und größenwahnsinnig zugleich: Mit über 3 Milliarden Nutzern weltweit eine stabile Digitalwährung etablieren, die klassische Banken überflüssig macht. Libra sollte durch einen Korb verschiedener Währungen gedeckt werden und schnelle, günstige Überweisungen ermöglichen. Nach heftiger Kritik wurde das Projekt in „Diem“ umbenannt und stark verwässert – doch selbst das reichte nicht.
Die Regulierungsbehörden machten klar: Eine private Währung eines US-Tech-Giganten mit globaler Reichweite kommt nicht infrage. Zu groß waren die Risiken für die Finanzstabilität, zu undurchsichtig die Kontrollstrukturen. 2022 verkaufte Meta (das frühere Facebook) schließlich alle Diem-Vermögenswerte an die Silvergate Bank – Ende einer Ära.
CBDCs: Wenn Staaten zurückschlagen
Während Facebook scheiterte, haben Zentralbanken weltweit die Zeichen der Zeit erkannt. Digitale Zentralbankwährungen (CBDCs) sind das neue heiße Thema. China testet bereits seit Jahren den digitalen Yuan in mehreren Millionenstädten. Die Europäische Zentralbank arbeitet intensiv am digitalen Euro, der frühestens 2028 kommen soll.
Der große Unterschied: CBDCs bleiben unter staatlicher Kontrolle. Sie bieten viele Vorteile digitaler Währungen – schnelle Transaktionen, niedrige Kosten, bessere Nachverfolgbarkeit – ohne die Macht privaten Konzernen zu überlassen. Über 90 Prozent aller Zentralbanken forschen mittlerweile an eigenen Digitalwährungen.
Apple Pay, Google Pay und die neue Realität
Trotz des Libra-Scheiterns haben sich die Machtverhältnisse im digitalen Bezahlen dramatisch verschoben. Apple Pay und Google Pay dominieren kontaktlose Zahlungen, PayPal und Klarna bestimmen den Online-Handel. In China zahlt praktisch niemand mehr bar – alles läuft über WeChat Pay und Alipay von den Tech-Riesen Tencent und Alibaba.
Die ursprünglichen Befürchtungen zu Libra sind damit teilweise eingetreten, nur anders als gedacht. Statt einer Facebook-Währung kontrollieren verschiedene Tech-Konzerne unterschiedliche Bereiche des Zahlungsverkehrs. Das Ergebnis: Noch mehr Daten in den Händen weniger Unternehmen, noch mehr Abhängigkeit von deren Infrastruktur.
Krypto-Chaos und Stablecoin-Wirren
Parallel zum Libra-Drama erlebte der Krypto-Markt Höhen und Tiefen epischen Ausmaßes. Bitcoin kratzte Ende 2021 an der 70.000-Dollar-Marke, stürzte dann aber wieder ab. Stablecoins wie Tether (USDT) und USD Coin (USDC) übernahmen teilweise die Rolle, die ursprünglich für Libra gedacht war – allerdings in viel kleinerem Maßstab und hauptsächlich für Krypto-Trader.
Der spektakuläre Kollaps von TerraUSD 2022 und die FTX-Pleite zeigten aber auch: Privat kontrollierte Digitalwährungen bleiben hochriskant. Regulierungsbehörden verschärften daraufhin weltweit die Regeln für Stablecoins und Krypto-Börsen.
Was bleibt vom großen Libra-Traum?
Aus heutiger Sicht wirkt Facebooks Libra-Ankündigung wie ein Weckruf für die etablierte Finanzwelt. Das Projekt selbst ist gescheitert, aber es hat eine Entwicklung beschleunigt, die ohnehin gekommen wäre: die Digitalisierung des Geldes.
Statt einer Facebook-Währung bekommen wir staatliche CBDCs. Statt Calibra-Wallets nutzen wir Apple Pay und Google Pay. Die Zukunft des Bezahlens ist digital geworden – nur anders als Zuckerberg es sich vorgestellt hatte.
Für Verbraucher bedeutet das: Mehr Komfort beim Bezahlen, aber auch neue Abhängigkeiten und Überwachungsmöglichkeiten. Die großen Fragen zu Datenschutz, Marktmacht und demokratischer Kontrolle sind geblieben – sie haben sich nur auf andere Akteure verteilt.
Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026
