re:publica 2017: Wie ein Aufruf für Pressefreiheit zur Warnung wurde

von | 08.05.2017 | Tipps

Was 2017 mit einem leidenschaftlichen Aufruf für Pressefreiheit begann, ist heute wichtiger denn je: Die re:publica hat sich von einem Blogger-Treffen zur wichtigsten Digitalkonferenz im deutschsprachigen Raum entwickelt. Der damalige Appell gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit zeigt rückblickend, wie visionär die Organisatoren waren – denn die Herausforderungen für unabhängigen Journalismus haben sich verschärft.

Bei der elften re:publica 2017 reflektierten Journalistinnen und Aktivisten aus Ägypten, Polen, Ungarn und der Türkei über ihre Erfahrungen mit eingeschränkter Meinungsfreiheit. Die polnische Aktivistin Katarzyna Szymielewicz sprach über die immer kleiner werdenden Räume für zivilgesellschaftliches Engagement in Polen und Ramy Raoof erklärte, wie Bürgerrechtsbewegungen in Ägypten auch durch den Einsatz von Technologien immer weiter beschränkt werden. Márton Gergely, ehemals stellvertretender Chefredakteur der ungarischen Tageszeitung „Népszabadság“, die aus politischen Gründen eingestellt wurde, stellte die wichtige Rolle unabhängiger Medien dar.

Der türkische Journalist Can Dündar berichtete von der Terrorismus-Anklage während seiner Zeit als Chefredakteur der größten türkischen Zeitung. Außerdem zeigte er Bilder von der Zelle des damals in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel.

Tanja Haeusler (l-r), Andreas Gebhard und Markus Beckedahl eröffnen am 08.05.2017 die re:publica (#rp17) in Berlin. Foto: re:publica/Gregor Fischer

Tanja Haeusler (l-r), Andreas Gebhard und Markus Beckedahl eröffnen am 08.05.2017 die re:publica (#rp17) in Berlin. Foto: re:publica/Gregor Fischer

„Weltweit steht die Presse- und Kommunikationsfreiheit unter Druck. Um darauf aufmerksam zu machen und Solidarität mit Bloggerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen aus anderen Ländern zu zeigen, stellen wir für dieses Thema und ihre Anliegen unsere Eröffnungssession zur Verfügung“, sagte damals Markus Beckedahl, Mitgründer der re:publica.

Von der Vision zur bitteren Realität

Sieben Jahre später zeigt sich: Diese Warnung war berechtigt. Die Situation für unabhängigen Journalismus hat sich weltweit verschlechtert. KI-generierte Desinformation überschwemmt soziale Netzwerke, autoritäre Regime nutzen Überwachungstechnologien zur Unterdrückung kritischer Stimmen, und auch in westlichen Demokratien geraten Medien unter ökonomischen und politischen Druck.

Besonders die Entwicklung von Deepfakes und KI-generierten Inhalten stellt neue Herausforderungen für die Pressefreiheit dar. Was 2017 noch Zukunftsmusik war, ist heute Realität: Jeder kann mit wenigen Klicks täuschend echte Videos und Audios erstellen, die Politiker diskreditieren oder falsche Nachrichten verbreiten.

Digitale Zivilcourage wird wichtiger

Das damalige Motto „Love out Loud!“ war ein Aufruf zur digitalen Zivilcourage – ein Konzept, das heute relevanter ist denn je. Johnny Haeusler formulierte es so: „Das diesjährige Motto ist auch ein Aufruf zur digitalen Zivilcourage. Ein Aufruf dazu, denjenigen zur Seite zu stehen, die im Netz Opfer von verbalen Attacken oder Bedrohungen werden. Oft genügt dazu ein unterstützender Tweet oder Kommentar von uns als Einzelnen, denn wenn solche Unterstützung von vielen kommt, übertönt sie den Hass und zeigt den Angegriffenen: Du bist nicht allein.“

Tanja Haeusler ergänzte damals kämpferisch: „Die Welt, auch die virtuelle, wollen wir nicht den Arschlöchern überlassen. Fuck yeah! Love out Loud!“

Die re:publica heute: Mehr als nur eine Konferenz

Die re:publica hat sich seit 2017 erheblich weiterentwickelt. Aus einer Konferenz mit 1100 Sprechern aus 65 Ländern ist ein ganzjähriges Netzwerk geworden, das sich für digitale Rechte und Meinungsfreiheit einsetzt. Die Themen haben sich erweitert: Neben klassischen Netzthemen stehen heute KI-Ethik, Klimawandel und digitale Nachhaltigkeit im Fokus.

Die MEDIA CONVENTION Berlin, die damals zum vierten Mal parallel zur re:publica stattfand, hat sich ebenfalls etabliert und behandelt aktuelle Fragen der Medien- und Netzpolitik sowie Markttrends der digitalen Mediengesellschaft.

Was bleibt von 2017?

Der Berliner Bürgermeister Michael Müller hob damals die besondere Bedeutung der Digitalisierung für Berlin hervor und schloss sich dem Appell für Pressefreiheit an: „Es muss darum gehen, wie wir uns unsere Werte – vor allem auch Presse- und Meinungsfreiheit – erhalten. Viele haben diese Werte für selbstverständlich gehalten – man muss jetzt aber erkennen, dass man für sie immer wieder kämpfen und sich engagieren muss.“

Diese Worte sind heute aktueller denn je. Die re:publica 2017 war ein Weckruf – und die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, dass dieser Weckruf nötig war. Die digitale Gesellschaft braucht Menschen, die für Pressefreiheit, gegen Desinformation und für demokratische Werte eintreten.

Die Botschaft von damals gilt noch immer: Wir dürfen die digitale Welt nicht den Hassern und Desinformanten überlassen. Digitale Zivilcourage ist keine Option, sondern Pflicht für alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen.

Zuletzt aktualisiert am 03.04.2026