Throwback: Comdex ’95 – Als die Datenautobahn noch Zukunftsmusik war

von | 09.01.2018 | Digital

Bei der Durchsicht meiner Artikel bin ich auf einen FAZ-Beitrag über die Comdex’95 gestoßen. Die Comdex war damals das, was heute die CES ist – eine der wichtigsten IT-Messen der Welt. Aus heutiger Sicht ist es faszinierend zu lesen, womit wir uns 1995 beschäftigt haben. Denn vieles, was damals als futuristische Vision galt, ist längst überholt – während andere Prognosen überraschend präzise waren.

In Las Vegas wurde der Information Highway geteert

Das zentrale Thema auf der amerikanischen Computermesse Comdex war die Datenautobahn – ein Begriff, der heute nostalgisch anmutet, aber damals die Fantasie beflügelte.

Die alljährlich im November stattfindende Comdex war Amerikas größte Computermesse – nach Ausstellungsfläche und Besucherzahlen war die Cebit in Hannover allerdings dreimal größer. Mehr als 200.000 Besucher machten sich auf den Weg in die Wüste, um sich über aktuelle Trends aus der Branche der Bits und Bytes zu informieren.

Zentrales Thema war diesmal die „Datenautobahn“ – ein Begriff, der das Internet umschrieb, bevor es seinen heutigen Namen etablierte. Überall wurden die Segnungen der Online-Welt gepriesen, besonders die des damals noch jungen Internet. Ausnahmslos jeder war bemüht, Profit aus der Online-Hysterie zu schlagen – egal wie. Selbst Monitorhersteller schreckten nicht davor zurück zu behaupten, durch ihre Geräte sehe man das „Globale Dorf“ besonders deutlich.

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Auch Chipbauer Intel, dem es im Grunde egal sein konnte, was die Leute zum Rechnerkauf bewegt, machte eine tiefe Verbeugung vor dem Zeitgeist: In überdimensionalen Lettern prangte Intels Werbebotschaft über dem Comdex-Eingang: „Getting the World connected“. Eine Vision, die heute durch Milliarden vernetzte Geräte, 5G, IoT und KI längst Realität geworden ist.

Bill Gates als Prophet der digitalen Zukunft

Das war auch die Message des inoffiziellen Branchen-Gurus Bill Gates. Der umstrittene Microsoft-Chef, mittlerweile ein Medienereignis für sich und Publikumsmagnet, füllte am zweiten Messetag problemlos den größten Saal am Ort. Knapp 7.000 Zuhörer fanden im Aladdin-Theater Platz, weitere 3.000 begehrten Einlass, mussten aber aus Platzmangel draußen bleiben. Die Pechvögel konnten die knapp einstündige Rede des „Bit-Messias“ nur auf einer Leinwand mitverfolgen.

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Der Multimilliardär demonstrierte anhand leicht verkitschter Videoeinspielungen, wie gängige Büroanwendungen in naher Zukunft aussehen könnten. Die Software des nächsten Jahrtausends werde vom Anwender lernen, orakelte Gates, statt wie damals üblich den Anwender zu zwingen, die komplizierte Programmbedienung zu lernen. Diese „anpassungsfähige Software“ sei in der Lage, Routineaufgaben selbstständig zu erledigen und gesprochene Befehle zu verstehen.

Erstaunlich präzise Vorhersagen

Aus heutiger Sicht war Gates erstaunlich präzise: Was er 1995 als Vision formulierte, kennen wir heute als KI-Assistenten wie ChatGPT, Claude oder Copilot. Sprachsteuerung durch Alexa, Siri und Google Assistant ist längst Alltag. Machine Learning und adaptive Algorithmen bestimmen unseren digitalen Alltag – von personalisierten Netflix-Empfehlungen bis zu intelligenten E-Mail-Filtern.

Verdeutlicht wurde zudem, dass Datenaustausch und Informationsbeschaffung via Internet schon bald für jeden PC-Benutzer selbstverständlich sein werden. Auch hier lag Gates richtig: Heute sind wir nicht nur über PCs, sondern über Smartphones, Tablets, Smart-TVs und unzählige andere Geräte permanent vernetzt.

Lou Gerstner von IBM, der einen Tag vor Bill Gates seine Rede hielt, und Bob Frankenberg von Novell, er war einen Tag später an der Reihe, bliesen in dasselbe Horn: Das Internet wurde als Motor, Chance und Rückgrat der Branche zugleich gesehen. Glaubt man den drei Branchengrößen, schien nichts mehr ohne das Internet zu gehen. Wer eine der drei Veranstaltungen besucht hat, konnte sich die jeweils anderen beiden sparen. Noch nie waren die „Schlüsselreden“ (Keynotes) im Kern so ähnlich.

Skurrile Marketing-Aktionen und vergessene Technologien

Übertroffen wurde Bill Gates, was die Anzahl an Zuhörern betrifft, nur durch die Popgruppe Fleetwood Mac. Die Band spielte vor rund 13.000 Zuschauern im Festsaal des MGM-Hotels. Kommen durfte jeder, der auf der Messe rechtzeitig eine der kostenlos verteilten Eintrittskarten ergattern konnte. Eingeladen zu dieser ungewöhnlichen Feier hatte Vobis-Mitbegründer Theo Lieven – ein Name, der heute nur noch IT-Veteranen etwas sagt.

Um auf sein gerade erst auf dem amerikanischen Markt eingeführtes Produkt WitchDesk aufmerksam zu machen, schien jedes Mittel recht. Auch eine Party mit 13.000 Gästen. WitchDesk war gewissermaßen eine Oberfläche für die Oberfläche, ein Aufsatz für Microsofts Windows – heute würden wir es als Desktop-Customization-Tool bezeichnen.

Mit Hilfe von WitchDesk ließ sich der Desktop leicht und bequem auf den persönlichen Geschmack anpassen. Einmal entsprechend eingerichtet – Programmierkenntnisse garantiert nicht erforderlich –, startete man die Textverarbeitung zum Beispiel, indem man mit der Maus auf die fotorealistisch abgebildete Schreibmaschine klickte. Auf Wunsch ertönte dann für einen Augenblick auch noch Getippe aus den PC-Boxen. Multimediaeffekte jeder Art, ob Foto, Musik, Sprache oder Video, waren in WitchDesk eingebaut.

Auszeichnungen und frühe Mobile Computing-Versuche

Die begehrte Auszeichnung „Best of Comdex“ erhielt nicht WitchDesk, sondern Apples Newton 2.0. Auf der Comdex wurde die zweite Generation von Apples notizbuchgroßen Handcomputern gezeigt – ein Vorläufer der heutigen Tablets und Smartphones, allerdings noch klobig und mit mäßiger Handschriftenerkennung.

Apple hatte nicht die Hardware des Personal Digital Assistant (PDA) überarbeitet, sondern die Software. Deutlich verbessert wurde die Handschriftenerkennung sowie die Kommunikationsmöglichkeiten, aber auch die Anbindung an Windows-PCs oder Apple Macintosh. Der Newton war seiner Zeit voraus – scheiterte aber an der noch nicht ausgereiften Technologie und kam etwa 15 Jahre zu früh auf den Markt.

Die Anfänge der Suchmaschinen

Viel Aufmerksamkeit ergatterte auch das Suchprogramm WebCompass von Quarterdeck. Damit konnten Internet-Benutzer die gängigen Online-Kataloge des World Wide Web, namentlich Yahoo, Lycos und NetCrawler, nach Suchbegriffen durchforsten. Der Vorteil des WebCompass: Das Programm durchsuchte alle Online-Kataloge gleichzeitig, wo sonst mehrere Arbeitsschritte erforderlich waren.

Aus heutiger Sicht wirkt das rührend – Google war noch nicht gegründet, Suchmaschinen waren primitive Kataloge, und das Web hatte vielleicht ein paar hunderttausend Seiten. Heute indexiert Google allein über 130 Billionen Seiten.

Zudem ließen sich die Rechercheergebnisse auf dem eigenen Rechner speichern, strukturieren und bei Bedarf regelmäßig auf den neuesten Stand bringen. Ein wirklich praktisches Werkzeug für all jene, die gerne und häufig im World Wide Web (WWW) „surften“ – ein Begriff, der das gemächliche Tempo des damaligen Internet treffend beschrieb.

Moral und Geschäft

Einige Anbieter, die im vergangenen Jahr Besuchertrauben um ihre Standtheken versammeln konnten, waren 1995 nicht mehr vertreten. All jene nämlich, die mit spärlich bekleideten Pin-Up-Girls am Stand für Online-Kalender, ausgefallene Computerspiele à la Strip Poker sowie Nur-für-Männer-CDs warben. Anstößige Anbieter wie diese wurden vom strikt um Seriosität bemühten Veranstalter Softbank kurzerhand ausgeschlossen.

Die Betroffenen veranstalteten deshalb eine eigene Messe „Adultex“ mit eindeutigem Schwerpunkt – in Gehweite für alle Comdex-Besucher. Ein Detail, das zeigt: Schon damals kämpfte die IT-Branche um Respectability und wollte sich vom Image der Nerd-Subkultur befreien.

Fazit: Visionäre und Scharlatane

Rückblickend war die Comdex ’95 ein faszinierender Moment der Technikgeschichte. Vieles, was als revolutionär beworben wurde – wie WitchDesk oder Newton – verschwand schnell in der Versenkung. Andere Visionen, besonders die von Bill Gates zur adaptiven Software und allgegenwärtigen Vernetzung, erwiesen sich als bemerkenswert präzise.

Die Messe zeigt auch, wie Marketing-Hype und echte Innovation Hand in Hand gehen: Während manche nur auf den Zug aufsprangen, legten andere tatsächlich die Grundlagen für unsere heutige digitale Welt. Die „Datenautobahn“ wurde nicht nur geteert – sie wurde zur digitalen Infrastruktur, die unser Leben heute bestimmt.

Zuletzt aktualisiert am 30.03.2026