Viele Nachrichtenseiten zwingen Besucher zur Wahl zwischen Tracking und Bezahl-Abo. Nach Max Schrems‘ Beschwerde 2023 haben sich die rechtlichen Rahmenbedingungen geschärft – doch neue Herausforderungen durch KI und Dark Patterns entstehen täglich.
Wer sich online mit gut recherchierten Artikeln versorgen möchte, findet im Netz ein breites Angebot. Die meisten Artikel sind kostenlos zu haben. Werbung im Umfeld bringt den Anbietern und Verlagen einen gewissen Umsatz. Doch damit die Anzeigen erscheinen und die nötigen Tracker installiert werden dürfen, müssen Userinnen und Usern zustimmen – gleich zu Beginn der Session. So will es die DSGVO (Datenschutzgrundverordnung).
Tracker akzeptieren – oder Abo abschließen: Der Status quo 2026
Doch bei vielen Verlagen sehen die Cookie-Banner immer noch anders aus: Die Besucher haben nicht die Wahl zwischen „Akzeptieren“ und „Ablehnen“ der Cookies, sondern zwischen „Werbung und Tracking akzeptieren“ – und „Abo abschließen“. Spiegel, FAZ, heise.de, ZEIT – alle Großen machen es weiterhin so, trotz rechtlicher Unsicherheiten.
Nach Max Schrems‘ erfolgreicher Beschwerde 2023 haben einige Portale ihre Consent-Banner angepasst, aber viele halten am „Pay or Okay“-Modell fest. Die Gerichte sind gespalten: Während französische Behörden das Modell teilweise akzeptieren, sehen deutsche Datenschützer es kritischer.
Ich persönlich habe großes Verständnis für die Verlage: Die aufwendig recherchierten Artikel und sorgsam gemachten Fotoaufnahmen müssen schließlich irgendwie bezahlt werden. Werbung und Tracker akzeptieren auf der einen Seite und kostenpflichtiges Abo abschließen auf der anderen Seite – das scheint mir in der Sache eine faire Wahl zu sein.
Doch die DSGVO sieht vor, dass die Zustimmung zu den gesetzten Cookies (und damit dem Einsatz der Tracker) freiwillig erfolgen muss. Stellt sich die Frage: Ist es eine freiwillige Entscheidung, wenn ich nur zwischen kostenlos und kostenpflichtig entscheiden kann?

Max Schrems‘ Beschwerde und die Folgen
Der österreichische Datenschutz-Aktivist Max Schrems hatte 2023 eine eindeutige Haltung: Seine Organisation noyb reichte offizielle Beschwerden gegen diese Praxis ein – und nannte dabei sechs deutsche Nachrichtenportale. Schrems‘ Argument: Die Nutzer könnten sich, anders als in der DSGVO vorgesehen, nicht frei entscheiden, sondern müssten ein Abonnement abschließen, wenn sie nicht einwilligen wollten.
Die Ergebnisse sind gemischt: Einige Portale mussten ihre Banner überarbeiten und bieten nun eine echte „Ablehnen“-Option – oft versteckt oder mit eingeschränkter Funktionalität. Andere argumentieren weiterhin erfolgreich, sie hätten die Bedingungen in enger Zusammenarbeit mit Datenschutzbehörden entwickelt.
Neue Herausforderungen durch KI und Personalisierung
Das Tracking-Problem hat sich 2026 durch KI-basierte Personalisierung noch verschärft. Moderne Werbenetzwerke nutzen Machine Learning, um aus wenigen Datenpunkten detaillierte Nutzerprofile zu erstellen. Google’s Privacy Sandbox und Apple’s App Tracking Transparency haben zwar das direkte Tracking eingeschränkt, aber neue Formen des „Fingerprinting“ entstehen täglich.
Viele Verlage setzen inzwischen auf sogenannte „Contextual Advertising“ – Werbung basierend auf dem Artikelinhalt statt auf Nutzerdaten. Das funktioniert zwar weniger präzise, ist aber DSGVO-konform und benötigt keine Einwilligung.
Dark Patterns und manipulative Banner-Designs
Ein weiteres Problem sind die sogenannten Dark Patterns in Cookie-Bannern: Grelle „Akzeptieren“-Buttons neben winzigen „Ablehnen“-Links, versteckte Einstellungen oder Banner, die sich nach dem Ablehnen alle paar Minuten wieder öffnen. Die EU-Kommission hat 2025 schärfere Richtlinien erlassen, aber die Umsetzung hinkt hinterher.
Besonders perfide: Einige Seiten zeigen nach dem Ablehnen von Cookies eine deutlich langsamere, werbefreie Version – technisch legal, aber ethisch fragwürdig.
DSGVO 2.0 und neue Regulierung
Die Diskussion um eine DSGVO-Reform läuft auf Hochtouren. Datenschützer fordern ein generelles Tracking-Verbot mit Opt-In statt der aktuellen Opt-Out-Regelung. Die Digitalwirtschaft warnt vor dem Ende des „freien Internets“.
Ein Kompromiss könnte die Einführung einer „Tracking-Steuer“ sein: Wer personalisierte Werbung zeigen will, zahlt eine Abgabe, die an die Nutzer zurückfließt. Ähnliche Modelle testet bereits Taiwan mit Erfolg.
Viel besser wäre eine DSGVO, die schlichtweg das Datensammeln verbietet – oder an strenge Bedingungen knüpft. Wenn sich die großen Konzerne die Zustimmung holen oder wenigstens jederzeit eine Widerspruchsmöglichkeit vorsehen müssten, dann müssten nicht Millionen Webseitenbetreiber mit der DSGVO kämpfen.
Was können Nutzer tun?
Bis zur finalen rechtlichen Klärung bleibt euch als Nutzer nur der Griff zu technischen Hilfsmitteln: Browser-Erweiterungen wie uBlock Origin, Ghostery oder CookieAutoDelete blockieren Tracker automatisch. Moderne Browser wie Firefox oder Brave haben Anti-Tracking-Features bereits integriert.
Alternativ unterstützt ihr Qualitätsjournalismus durch direkte Abos – viele Verlage bieten inzwischen flexible Monats- oder Artikel-basierte Modelle an.
So funktionieren Cookies
Die Diskussion zeigt: Zwischen Pressefreiheit, Datenschutz und wirtschaftlicher Realität eine Balance zu finden, bleibt eine der großen digitalpolitischen Herausforderungen unserer Zeit.
Zuletzt aktualisiert am 24.02.2026