Überwachungsfotos bestellen? Kein Problem

von | 19.11.2020 | Digital

Überwachungskameras sind allgegenwärtig – und werden zur Gefahr für die Privatsphäre. Aktuelle Fälle zeigen: Der Zugriff auf Kamerasysteme ist einfacher als gedacht. Über dubiose Telegram-Kanäle lassen sich Überwachungsfotos bestellen, KI-Gesichtserkennung macht die Suche nach Zielpersonen zum Kinderspiel.

Fast überall hängen in Großstädten Überwachungskameras. Mal gut sichtbar, mal versteckt angebracht. Wir haben uns daran gewöhnt – und nehmen sie deshalb nicht mehr wirklich wahr. Ein fataler Fehler, wie aktuelle Entwicklungen zeigen.

Aus Krimiserien kennen wir das: Die Polizei besorgt sich Aufnahmen von Überwachungskameras. Hollywood erweckt oft den Eindruck, als könnten Hacker die Kameras jederzeit fernsteuern und Personen systematisch verfolgen. Die Realität hat die Fiktion längst eingeholt.

Wie verschiedene Recherchen belegen, ist der Zugriff auf städtische Überwachungssysteme erschreckend einfach geworden. Besonders dramatisch zeigt sich das in autoritären Staaten, aber auch in westlichen Demokratien häufen sich die Sicherheitslücken.

Überwachungsfotos per Telegram-Bestellung

Ein besonders krasser Fall wurde durch die russische Aktivistengruppe Roskom Swoboda aufgedeckt: Eine 20-jährige Aktivistin kontaktierte über Telegram eine dubiose Kontaktperson, die Zugriff auf Moskaus Überwachungskameras versprach.

Das Angebot war erschreckend professionell: Kunden können ein Foto einer Zielperson einreichen, die Anbieter durchsuchen dann mit KI-Gesichtserkennung die Aufnahmen tausender Kameras. Ein privater Fahndungsdienst ohne jede Kontrolle.

Für umgerechnet etwa 175 Euro erhielt die Testkäuferin 79 Fotos von sich selbst – aufgenommen an verschiedenen Orten in Moskau über vier Wochen hinweg. Die Bilder stammten aus U-Bahn-Stationen, Bussen und Straßenkreuzungen. Ein lückenloser Bewegungstrack ihrer Aktivitäten.

KI macht Gesichtserkennung zur Massenware

Technisch ist solche Überwachung heute trivial geworden. Cloud-Anbieter wie Amazon Web Services, Google Cloud oder Microsoft Azure bieten Gesichtserkennungs-APIs praktisch schlüsselfertig an. Die KI-Modelle werden immer präziser und schneller.

Moderne Gesichtserkennungssysteme erreichen Trefferquoten von über 99 Prozent. Sie funktionieren auch bei schlechter Bildqualität, verschiedenen Blickwinkeln oder teilweise verdeckten Gesichtern. Selbst Masken können viele Systeme mittlerweile umgehen, indem sie andere biometrische Merkmale wie Augenpartie oder Gangmuster analysieren.

Die Kosten sind dramatisch gesunken: Was früher Geheimdienste vorbehalten war, können heute kleine kriminelle Gruppen oder Privatpersonen nutzen. Ein beunruhigender Trend mit weitreichenden Folgen.

Mit geeigneter Software nach Gesichtern zu suchen, ist heute einfach geworden

Weltweites Problem mit lokalen Folgen

Das Problem beschränkt sich nicht auf Russland. In China überwacht das Social Credit System bereits Millionen Menschen rund um die Uhr. In den USA nutzen Polizeibehörden Clearview AI, um Verdächtige in sozialen Medien zu identifizieren. Auch in Deutschland nehmen Überwachungskameras zu – und damit die Risiken.

Besonders brisant: Viele Systeme sind schlecht gesichert. Standardpasswörter, veraltete Software oder unverschlüsselte Datenübertragung machen den Zugriff für Kriminelle einfach. Die Suchmaschine Shodan listet tausende ungeschützte Kameras weltweit auf – ein Paradies für Voyeure und Stalker.

Services wie PimEyes zeigen das Missbrauchspotential: Mit einem einzigen Foto lassen sich Personen im ganzen Internet aufspüren. Die Grenzen zwischen öffentlicher Sicherheit und totaler Überwachung verschwimmen.

Schutz vor digitaler Verfolgung

Was können wir tun? Komplett unsichtbar werden ist unmöglich, aber das Risiko lässt sich reduzieren:

  • Bewusstsein schärfen: Wo hängen Kameras in eurem Umfeld? Apps wie „Surveillance under Surveillance“ zeigen Kamerastandorte.
  • Bewegungsmuster variieren: Immer dieselben Routen zu nutzen, macht die Verfolgung einfacher.
  • Gesichtsschutz überdenken: Sonnenbrillen oder Caps erschweren die Erkennung, sind aber kein vollständiger Schutz.
  • Datensparsamkeit: Je weniger Fotos von euch online stehen, desto schwerer wird die KI-Suche.

Politisch müssen strengere Regeln her: Überwachungssysteme brauchen bessere Sicherheitsstandards, Zugriffsprotokolle und regelmäßige Audits. Der aktuelle Wildwuchs gefährdet uns alle.

[av_video src=’https://vimeo.com/386471740′ mobile_image=“ attachment=“ attachment_size=“ format=’16-9′ width=’16‘ height=’9′ conditional_play=“ av_uid=’av-1wbyvi‘]

So funktioniert das Einsammeln von Fotos und Gesichts-Scans im großen Stil

Die Zukunft der Überwachung

Die Entwicklung beschleunigt sich weiter. Neue KI-Modelle erkennen nicht nur Gesichter, sondern auch Emotionen, Alter oder Gesundheitszustand. Predictive Policing soll Verbrechen vorhersagen, bevor sie passieren. Die Grenze zum Minority Report wird dünner.

Gleichzeitig entstehen Gegenbewegungen: Privacy-Tools werden besser, Gesetze wie die DSGVO setzen Grenzen, Aktivisten decken Missstände auf. Der Kampf um digitale Privatsphäre hat gerade erst begonnen – und wir alle sind mittendrin.

Zuletzt aktualisiert am 27.02.2026