Google unter Druck: Was Kartellmaßnahmen wirklich bewirken

von | 07.01.2022 | Digital

Das Bundeskartellamt hat formal die „überragende marktübergreifende Bedeutung“ von Google festgestellt. Nach Jahren weiterer Verfahren zeigt sich: Die Maßnahmen greifen nur bedingt – und neue KI-Herausforderer mischen den Markt auf.

Google kennt jedes Kind. Also die Suchmaschine Google. Vor allem hier bei uns in Europa ist Google die wichtigste Suchmaschine überhaupt – auch wenn ChatGPT, Claude und andere KI-Tools inzwischen mächtige Konkurrenz geworden sind. Was wir wissen wollen, wird noch immer gegoogelt, aber die Zeiten ändern sich rasant. Der gleichnamige Konzern, der längst „Alphabet“ heißt, ist nach wie vor mächtig, sehr mächtig – doch die Regulierungsbehörden haben in den letzten Jahren ordentlich nachgelegt.

Seit 2021 hat das Bundeskartellamt die marktbeherrschende Stellung von Google offiziell anerkannt und seitdem mehrere Maßnahmen durchgesetzt. Doch reicht das angesichts der rasanten KI-Entwicklung noch aus? Und was bedeutet das für uns Nutzer?

Google Maps mit neuen Funktionen

Google darf seine eigenen Dienste nicht weiter bevorzugen

Kartellrecht im KI-Zeitalter: Neue Herausforderungen

Die Großen der Branche – Google, Apple, Meta, Amazon, Microsoft und die neuen KI-Player wie OpenAI – spielen nach wie vor oft nach ihren eigenen Regeln. Doch die Landschaft hat sich seit 2021 dramatisch verändert. ChatGPT und andere generative KI-Tools haben Googles Monopol bei der Informationssuche erstmals ernsthaft herausgefordert. Microsoft integriert OpenAI-Technologie in Bing, und plötzlich reden alle von einer „neuen Ära der Suche“.

Das Bundeskartellamt und die EU-Kartellbehörde haben ihre Gangart verschärft. Die offizielle Einstufung von Google als Unternehmen mit „überragender marktübergreifender Bedeutung“ war nur der Anfang. Inzwischen sind konkrete Auflagen verhängt worden – mit messbaren Auswirkungen auf den Wettbewerb.

Diese Einstufung ermöglicht es den Bonner Wettbewerbshütern, gezielt einzugreifen. Sie können Auflagen erteilen oder Verbote verhängen, damit Google seine Marktmacht nicht missbraucht. Google hat diese Einstufung akzeptiert und arbeitet seitdem – wenn auch widerwillig – an der Umsetzung der Auflagen.

Konkrete Erfolge: Was sich bereits geändert hat

Seit 2021 hat sich einiges getan. Das Bundeskartellamt fokussiert sich auf fairen Wettbewerb – und da gab es durchaus Fortschritte:

Google darf seine eigenen Dienste in Suchanfragen nicht mehr so dreist bevorzugen wie früher. Shopping-Vergleiche, Reiseportale und lokale Dienstleister berichten von verbesserter Sichtbarkeit in den Suchergebnissen.

Beim mobilen Betriebssystem Android gibt es nun echte Wahlmöglichkeiten: Nutzer können beim ersten Start zwischen verschiedenen Browsern und Suchmaschinen wählen. Chrome ist nicht mehr automatisch vorinstalliert, alternative Browser wie Firefox, Edge oder Brave stehen gleichberechtigt zur Auswahl.

Besonders spannend: Die Auswahl alternativer Suchmaschinen wurde erweitert. Neben DuckDuckGo und Bing finden sich jetzt auch spezialisierte Anbieter wie Ecosia oder Startpage. Und seit 2025 werden sogar KI-basierte Suchassistenten wie Perplexity als Option angeboten.

Dasselbe gilt für vorinstallierte Apps: Google Docs, Google Maps oder Gmail sind nicht mehr die einzigen sichtbaren Optionen. Android-Nutzer sehen jetzt Alternativen wie Microsoft Office, Apple Maps (wo verfügbar) oder ProtonMail gleichberechtigt präsentiert.

Android ist das marktbeherrschende mobile Betriebssystem

Android ist das marktbeherrschende mobile Betriebssystem

Was Verbraucher heute merken

Tatsächlich haben wir als Nutzer durchaus etwas von den Kartellmaßnahmen:

Mehr Wahlfreiheit: Neue Android-Phones fragen beim ersten Start explizit nach euren Präferenzen für Browser, Suchmaschine und Standard-Apps. Das war früher undenkbar.

Bessere Suchergebnisse: Kleinere Anbieter und spezialisierte Dienste sind in Google-Suchergebnissen sichtbarer geworden. Das merkt ihr besonders bei Shopping-Suchen oder lokalen Dienstleistern.

KI-Alternativen: Paradoxerweise hat der Regulierungsdruck Google gezwungen, offener mit KI-Konkurrenten umzugehen. ChatGPT, Claude und Co. werden in Android-Geräten nicht mehr systematisch benachteiligt.

Der Markt ist dynamischer geworden. Start-ups haben wieder echte Chancen, sichtbar zu werden – auch wenn es nach wie vor schwierig ist, gegen die Giganten anzukommen.

Datenschutz-Nebeneffekt: Obwohl Kartellrecht sich nicht primär um Datenschutz kümmert, profitieren wir indirekt. Mehr Wettbewerb bedeutet mehr datenschutzfreundliche Alternativen, die als Verkaufsargument damit werben, weniger Daten zu sammeln.

Die DSGVO ist ein Regelmonster, das die Großen kaum trifft

Die DSGVO ist ein Regelmonster, das die Großen kaum trifft

EU-Gesetze zeigen Wirkung – endlich

Inzwischen greifen auch die EU-Regelwerke, die lange kritisiert wurden. Der Digital Markets Act (DMA) und Digital Services Act (DSA) sind seit 2024 voll wirksam – und zeigen durchaus Biss.

Google, Meta, Apple und Co. müssen ihre Plattformen öffnen, Interoperabilität ermöglichen und transparenter werden. Das betrifft auch KI-Systeme: Große Sprachmodelle unterliegen strengen Transparenzpflichten.

Besonders der DMA zeigt Wirkung: Messenger-Interoperabilität kommt 2026, App-Stores müssen alternative Zahlungsmethoden zulassen, und die „Gatekeeper“ dürfen ihre eigenen Dienste nicht mehr so dreist bevorzugen.

Trotzdem: Die großen Probleme bleiben

Aber mal ehrlich: Reicht das alles? Google ist immer noch übermächtig, nur jetzt mit KI-Turbo. Googles Bard/Gemini, Microsofts Copilot und OpenAIs ChatGPT kämpfen um die KI-Vorherrschaft – und dabei entstehen neue Monopole.

Die wirklich großen Probleme sind nicht gelöst:

KI-Konzentration: Nur eine Handvoll Konzerne kontrolliert die KI-Infrastruktur. Google, Microsoft, Amazon und OpenAI teilen den Markt unter sich auf.

Datenmonopole: Google sammelt nach wie vor Unmengen an Daten – jetzt auch aus KI-Interaktionen.

Cloud-Abhängigkeit: Die meisten KI-Dienste laufen auf Infrastruktur von Amazon, Microsoft oder Google. Diese Abhängigkeit wächst täglich.

Die DSGVO bleibt ein Bürokratiemonster, das kleine Unternehmen abschreckt, während die Großen Armadas von Anwälten beschäftigen, um Schlupflöcher zu finden.

Fazit: Fortschritte ja, Revolution nein

Die Kartellmaßnahmen gegen Google greifen – aber langsam und begrenzt. Immerhin: Der Markt ist beweglicher geworden, KI-Konkurrenz wächst, und wir haben mehr Wahlmöglichkeiten.

Doch die Grundprobleme bleiben: Zu wenige, zu mächtige Konzerne kontrollieren zu viel von unserer digitalen Infrastruktur. Und mit KI entsteht gerade die nächste Konzentrationswelle.

Die Politik muss mutiger werden – und schneller. Sonst regulieren wir die Vergangenheit, während die Zukunft schon wieder von neuen Monopolisten bestimmt wird.

Zuletzt aktualisiert am 22.02.2026