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Was soll eigentlich der Wirbel um die Tagesschau App?

18.02.2010 | Von Jörg Schieb

Tipps

Mit welcher Hysterie selbst ansonsten seriöse Medien wie Frankfurter Allgemeine oder Spiegel (Online) mit dem Thema GEZ umgehen, erschreckt mich immer wieder. Bei einer BILD überrascht einen plumpe Agitation nicht, doch bei seriösen Medien erwarte ich eine kritische Distanz – und die ist beim Thema GEZ-Gebühren allzu oft nicht gegeben.

Die Zeitungen und Zeitschriften schreiben ja selbst: Sie fühlen sich bedroht durch die Ausbreitung der öffentlich-rechtlichen Medien im Internet. Aber wenn man sich selbst bedroht fühlt, kann man dann noch kritisch, distanziert und objektiv berichten? Wohl kaum – und leider gelingt das auch nur den Wenigsten.

Die künstliche Aufregung um die Tagesschau-App ist wohl das beste Beispiel. Allein die Ankündigung dieser an sich unbedeutenden Software wird zum Anlass genommen, den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören.

Da ist zum Beispiel von der Verschwednung von Gebührengeldern die Rede.

Verschwendung von Gebührengeldern? Lächerlich! Eine App wie die geplante Tagesschau App zu entwickeln kostet vielleicht 4’000€, wenn es hoch kommt. Das sind 0,0000555% des Gesamtetats der öffentlich-rechtlichen Sender. Hintergrund: Rund 7,2 Milliarden Euro stehen den Sendern jährlich an GEZ-Gebühren zur Verfügung. Wenn davon 4’000€ für die umstrittene Application ausgegeben werden, kann das wohl kaum als Verschwendung von GEZ-Gebühren bezeichnet werden – im Gegenteil, denn durch die App werden ohnehin vorhandene Inhalte kostengünstig weiter aufbereitet.

Ich finde: Die künstliche Aufregung ist eine Verschwendung intellektueller Ressourcen, die durchschaubare Argumentation ein Armutszeugnis, zumindest was das Argument der angeblichen Gebührenverschwendung anbelangt. Lächerlich. Ein einziger gut gemachter Kulturbeitrag im Fernsehen ist teurer als die Tagesschau App. Dass sich Gremien damit beschäftigen müssen, dass sich Redakteure bei Zeitungen und Zeitschriften damit beschäftigen, ist angesichts dieser Kosten einfach nur lächerlich.

Interessanter ist die Frage, ob es überhaupt eine Application geben darf, ob ein öffentlich-rechtlicher Sender Software entwickeln und anbieten darf, um auf ohnehin vorhandene Inhalte bequemer zuzugreifen. Das ist die einzig intelligente Frage in diesem Zusammenhang, die man aber auch respektvoll stellen darf (und sollte) – ohne jede Hysterie und Propaganda.

Ich denke: So eine Applikcation darf es nicht nur geben, es muss sie sogar geben. Denn natürlich müssen die öffentlich-rechtlichen Sender mit der Zeit gehen (tun sie es nicht, wird ihnen das auch wieder vorgeworfen). Durch die App werden keine zusätzlichen Inhalte zur Verffügung gestellt, sondern nur die ohnehin kostenlos im Web zur Verfügung gestellten Inhalte neu aufbereitet präsentiert, eben wie auf iPhone, iPod und iPad üblich. Das ist eine folgerichtige und logische Entscheidung und ganz sicher im Interesse der Gebührenzahler – und nur darum kann es ja gehen.

Natürlich, Zeitungen und Zeitschriften müssen sich stärker anstrengen, um neben der Tagesschau App zu bestehen. Aber warum diese Herausforderung nicht annehmen? Warum so wenig Selbstbewusstsein? Abgesehen davon hat die Tagesschau einen eng umrissenen Themenkatalog, seriöse Nachrichten aus Deutschland, Europa und der Welt, ein bisschen Service, das war’s.

Wichtig zu wissen: Ich arbeite als freier Journalist für öffentlich-rechtliche Sender, vor allem für den WDR (und gelegentlich auch für die Tagesschau). Ich weiß die professionelle Arbeit der Kollegen zu schätzen – auch als Nachrichtenkonsument.




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4 Kommentare to “Was soll eigentlich der Wirbel um die Tagesschau App?”

  1. ich meint:

    Derzeit gibt’s für knapp unter 6 € ein Radio bzw. ein Radio inkl. neuartigem Rundfunkgert (Wap fähiges Handy, UMTS Handy, Kompuda etc.). Nur für einen Fernseher muss man im Monate dann ca. 18 € berappen.

    Der Gedankengang ist logisch: Wir (die ÖR inkl. GEZ als stasiartiger Eintreiber des Geldes) bieten unsere Inhalte einfach SO online an, dass sie jeder (auch) mit einem neuartigen Rundfunkgerät empfangen kann. Wir müssen dann natürlich auch mehr für dieses SUPER-Angebot kassieren als diese läppischen 6 € – und das obwohl es im Netz viele BESSERE Angebote gibt. Ein Internetuser hat ja dann prinzipiell die Möglichkeit auf den Inhalt der ÖR zuzugreifen – deswegen MUSS er auch bezahlen! – Ganz nach der Art und Weise, wie der Fernsehbesitzer zur Kasse gebeten wird, wenn er an seinem Videorekorder einen Fernseher anschließt, der dummerweise (wie alle Fernsehgeräte) einen TV-Tuner eingebaut hat. – Zack werden 18 € fällig auch wenn keine Antenne im Haus vorhanden ist…. Einfach nur, weil man ein Fernsehgerät „bereit hält“.

    Ein ganz klares NEIN zu den dooven APPs von den ÖR-Sendern. Die sollen ihr Fernsehprogramm machen und sich sonst zurückhalten – und nicht dauernd nach Wegen suchen, Ihr Angebot so auszuweiten, dass alle 100 Mio Bürger in Ihrer GEZ-Datenbank auch die 18 € im Monat abdrücken MÜSSEN, nur weil sie einen Taschenrechner besitzen!

    So eine Farce!
    Grüße

  2. dessert meint:

    Die öffentlich-rechtl. suchen nur ein Grund, um die Abgabe für PC (neuartiges Gerät) rechtfertigen zu können. Sie investieren diese 4000,00 Euro, wobei die Rechnung niemals richtig sein kann, um später weitere Milliarden einnehmen zu können.

  3. Lars meint:

    Also da kann ich nur 100%ig zustimmen!
    Mir war schon die Hysterie rund um die Mediathek der Öffentlichen völlig unersichtlich. Tatsächlich wird es, wie schon erwähnt, in erster Linie um Konkurenzdenken gehen. Die kritisch berichtenden Medien sehen sich um ihre „Kunden“ gebracht.

    Mir fällt diesbezüglich auch noch das ewige Gerangel um den MS Internet-Explorer ein. Also seit es andere Browser gibt, und das ist schon lange so (ich habe damals schon fast nur den Netscape Navigator genutzt – er ruhe in frieden), kann man sich einen anderen Browser installieren. Fürderhin bringt doch jedes OS sein Internetanzeigeprogramm mit (Apple den Safari, Linux oft den Konqueror usw.). Hier geht es doch vermutlich nur darum die Marktposition von M$ zu schwächen (was natürlich im Grunden nicht wirklich verkehrt ist). Aber gelingt das mit der Zwangs-Auswahlmöglichkeit des Browsers – wohl kaum!

    Lars war’s

  4. Mark meint:

    4000 Euro, da muss ich doch mal den Focus zitieren:

    „NDR-Vize-Intendant Beyer (55) beziffert die Programmierkosten auf 30000 Euro.“

    Bei den öffentlich rechtlichen wird das halt immer etwas teurer. Als ob die öffentlich rechtlichen nicht schon genug Werbung für Apple machen würden, lügen sie auch noch in diesem Zusammenhang über offene Platformen die da bedient werden sollen. Auch ja? Eine offene Plattform wäre da maximal noch j2me. Wo ist den die app für Android? Symbian? Windows Mobile? diverse Mobile Linux Versionen?

    Die ARD kann heute noch nicht einmal einen kompletten tagesthemen Stream in das Web stellen, weil man die Sendezeit in den tagesthemen vertraglich and den DFB vergibt und sich gleichzeitig vertraglich verpflichtet das nicht im Internet zu zeigen.

    Ihrem klassischen Rundfunkauftrag, den sie angeblich im Internet auch haben, ihren Rundfunkstaatsvertraglichen Pflicht zur gleichwertigen Versorgung der Bevölkerung mit Rundfunk kommen sie nicht nach.

    Aber ständig was neues. Wenn sich dann irgendwann mal wirklich einer über Gleichberechtigung beschwert, kann mann ja dann ein paar Millionen extra fordern. Aber erstmal Gebiete abstecken.