Auch dieses Jahr hat es wieder Big Brother Awards geregnet: Mit dem Preis werden Firmen, Produkte oder Projekte ausgezeichnet, die die Überwachung fördern oder den Datenschutz ignorieren. Ein interessanter Preis, den die Betroffenen allerdings viel zu oft ignorieren.

Jedes Jahr im April vergibt der kleine Verein digitalcourage einen Preis, den Big Brother Award. Mit dem Big Brother Award wird ausgezeichnet, wer es mit dem Datenschutz nicht so genau nimmt, wer Daten im großen Stil sammelt, wer die Überwachung fördert. Dabei kommen nicht nur Unternehmen, Institutionen, Produkte oder Projekte in Frage, die aktuell ein Problem in Sachen Überwachung und Datenschutz darstellen, sondern auch solche, die das in Zukunft sein könnten.

Das Lauschangriffsdöschen Alexa

Jetzt sind die diesjährigen Preisträger bekannt. Prominentester Preisträger ist Amazon – für das, so die Jury “neugierige, vorlaute, neunmalkluge und geschwätzige Lauschangriffsdöschen”. Kritisiert wird vor allem, dass alles, was gesagt wird, in die Cloud wandert und dort auch gespeichert bleibt. Mitunter landen dort auch Gesprächsfetzen, die unbeabsichtigt aufgenommen worden. Niemand weiß, wer sich das alles anhören kann – und was smarte Lautsprecher, wie Alexa, womöglich sonst noch alles aufzeichnen.

Der Mensch als Überwachungsobjekt und Konsument

Auch Microsoft hat eine Auszeichnung bekommen, weil Windows 10 laut Jury unentwegt Diagnosedaten überträgt und selbst erfahrene Benutzer kaum eine Möglichkeit haben, das zu verhindern. Prämiert wurde außerdem das Konzept der “Smart Cities”, also der Städte, die mit Kameras und Sensoren überzogen werden, um sie angeblich sicherer zu machen.

Die Forma Soma Analytics ist für die Gesundheits-App “Kelaa” ausgezeichnet worden, die auch von Unternehmen eingesetzt wird, um das seelische Wohlbefinden ihrer Mitarbeitern zu überwachen. Die vollständige Liste aller Preisträger gibt es auf der Homepage des Big Brother Awards.

Ein längeres Gespräch mit Padeluun – dem “Vater” des Big Brother Awards

So gehen die Preisträger mit der Kritik um

Ich habe übrigens allen Preisträgern gratuliert – und wollte wissen, was sie über den Preis denken. Reagiert haben Amazon, Microsoft und Soma Analytics. Letztere am souveränsten, sie haben eigens eine Gegen-Laudatio verfasst (hier zum Nachlesen).

Microsoft hat sich für die kritische Begleitung bedankt und ihre Sicht geschildet (hier der Text). Amazon ist praktisch gar nicht auf den Preis eingegangen, sondern hat lediglich erklärt, mit dem Datenschutz sei alles in Ordnung.

Persönlich würde mir von den “Preisträgern” wünschen, dass sie überhaupt reagieren auf den Preis – und wenn sie es tun, dann nicht beleidigt oder abwiegelnd, sondern völlig offen. Offen für Kritik – und für einen Diskurs. Denn die vom Big Brother Award prämierten Projekte sind zumindest problematisch, oft auch zweifelhaft oder sogar abstoßend. Es braucht eine öffentliche Diskussion darüber, was den Datenschutz betrifft – und wie viel Datensammeln unsere Gesellschaft zulassen möchte.