Deutsche verstehen Algorithmen nicht – trotz KI-Boom

von | 28.04.2018 | Tipps

Alle reden über KI, Algorithmen und Digitalisierung – aber wie sieht es mit den Basics in diesem Bereich aus? Wer Computer programmieren kann, der weiß, was ein Algorithmus ist. Aber alle anderen? Die Bertelsmann Stiftung wollte es genauer wissen und hat für eine Studie erforscht, was die Deutschen über Algorithmen wissen. Die erschreckende Erkenntnis: Rund die Hälfte der Deutschen weiß überhaupt nicht, was ein Algorithmus ist. Nur ein Bruchteil kann erklären, was das ist. Dabei regieren Algorithmen heute die Welt – mehr denn je.

Laut offizieller Definition ist ein Algorithmus eine „eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems“. Jeder Algorithmus besteht aus endlich vielen Einzelschritten, die zum Ziel führen. Eine Beschreibung, die perfekt auf Computerprogramme zutrifft: Hier werden Aufgaben, also Probleme gelöst. Blitzschnell und für uns unsichtbar, aber Schritt für Schritt.

Deshalb ist von Algorithmen die Rede. Egal, ob ein Programm bei der Bank unseren Kontostand berechnet, ein KI-System bei Google die Suchanfragen bearbeitet oder bei Amazon eine Bestellung in Gang gesetzt wird: Algorithmen tun ihre Arbeit. Programmierer haben diese Handlungsanweisungen irgendwann aufgeschrieben – und daran halten sich die Maschinen, egal, ob Fehler enthalten sind, egal, ob moralisch verwerflich oder nicht.

Laut Stiftung weiß kaum einer, was ein Algorithmus ist

Jetzt hat die Bertelsmann Stiftung herausgefunden: Die meisten Deutschen haben den Begriff Algorithmus zwar schon mal gehört, doch die Hälfte kann mit dem Begriff gar nichts anfangen, nur ein verschwindend geringer Teil kann den Begriff erklären. Diese Unwissenheit hat sich seit der ersten Erhebung kaum verbessert – obwohl Algorithmen mittlerweile noch viel dominanter in unserem Leben sind.

Es ist ein Desaster, schließlich leben wir in einer durch und durch digitalisierten Welt. ChatGPT, Claude und Co. sind in aller Munde, aber die wenigsten verstehen, was dahintersteckt. Es muss nicht jeder zum Programmierer werden, das ist klar. Aber es gehört meiner Ansicht nach heute zu den Grundfertigkeiten, so wie Lesen und Schreiben, wenigstens die Grundprinzipien der Informatik zu kennen. Denn nur, wer zumindest prinzipiell versteht, wie Datenverarbeitung läuft, was Algorithmen sind, wie sie entstehen, was sie tun, was ihre Möglichkeiten und wo ihre Grenzen sind, kann ansatzweise beurteilen, was es bedeutet, wenn Algorithmen über unser Leben bestimmen – und das tun sie.

Es geht nicht so sehr darum, eine Alternative vorzuschlagen oder gar zu entwickeln, sondern darum, den Status quo zu beurteilen – sich eine Meinung zu bilden. Wir wollen ja auch, dass Menschen wissen und verstehen, wie die politische Meinungsbildung funktioniert, wie man sich kritisch mit Medien auseinandersetzt.

Aber niemand erwartet offenbar ernsthaft, dass wir uns kritisch und kompetent mit der Digitalisierung beschäftigen. Aus einer solchen Kultur entstehen weder Zuckerbergs oder Sam Altmans, noch gibt es welche, die solche Menschen durchschauen und aufhalten. Es ist also doppelt schlecht für uns.

Algorithmen bestimmen über unser Leben

Überall sind Computerprogramme im Einsatz, also Algorithmen. Natürlich in den naheliegenden Fällen, am Computer, im Smartphone, auf dem Smart-TV, in der Apple Watch oder den AirPods. Aber auch im Thermomix. Die Rezepte kommen aus dem Netz. In der Wärmepumpe. Im Elektroauto mit Autopilot. Die Ampelanlage an der Kreuzung. Der Aufzug, den wir benutzen. Smart-Home-Systeme, die Beleuchtung, Heizung und Sicherheit steuern. Das Online-Banking, das mittlerweile Standard ist.

Egal, was wir tun: Algorithmen bestimmen, ob das passiert, was wir wollen – und wie. Algorithmen entscheiden, welche Nachrichten wir zu sehen bekommen bei Facebook, Instagram oder TikTok, was in der Timeline erscheint. Welche Freunde wir vorgeschlagen bekommen. Welche Videos uns auf YouTube oder Netflix empfohlen werden.

Ob Fotos in Ordnung gehen oder nicht. Ob sie automatisch verbessert oder sogar komplett KI-generiert sind. Welches Kino uns vorgeschlagen wird, wenn wir nach aktuellen Filmen fragen. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob uns ein Restaurant vorgeschlagen wird, weil es gut ist, weil es gut bewertet wurde, oder weil es dafür bezahlt. Alles völlig intransparent für uns. Eine Diktatur der Algorithmen ist das, in der wir leben.

KI verstärkt das Problem

Besonders brisant wird es bei Künstlicher Intelligenz. Large Language Models wie GPT-4, Claude oder Gemini treffen Entscheidungen auf Basis von Trainingsdaten, die wir nicht vollständig kennen. Sie generieren Texte, Bilder und sogar Videos, die täuschend echt aussehen können. Deepfakes werden immer perfekter, KI-generierte Nachrichten schwerer von echten zu unterscheiden.

Algorithmische Entscheidungsfindung bestimmt, wer einen Kredit bekommt, welche Bewerbung aussortiert wird, sogar welche medizinischen Diagnosen gestellt werden. Predictive Policing sagt vorher, wo Verbrechen passieren könnten. Gesichtserkennung überwacht uns in der Öffentlichkeit. All das passiert oft ohne unser Wissen oder Einverständnis.

Wer nicht versteht, wie diese Systeme funktionieren, kann auch nicht beurteilen, ob ihre Entscheidungen fair oder diskriminierend sind. Ob sie Vorurteile reproduzieren oder tatsächlich objektiv agieren.

Transparenz und Kontrolle sind nötig

Wir müssten als Gesellschaft ja nicht zulassen, dass jeder programmieren darf, was er will. In der Medizin gibt es Ethikkommissionen, die darüber entscheiden, ob ein Versuch ethisch vertretbar ist oder nicht. Die EU hat mit dem AI Act einen ersten Schritt gemacht, aber das reicht nicht.

Wieso so etwas nicht für Algorithmen einführen – zumindest in bestimmten Bereichen, da wo es gesellschaftlich eine Rolle spielt, was Algorithmen tun. Vor allem Künstliche Intelligenz ist ein Problem: Hier entscheiden Programme über Wohl und Wehe, selbstlernend, ohne klare Programmierung. Es ist doch unverantwortlich, so etwas völlig unkontrolliert geschehen zu lassen.

Natürlich soll nicht jeder Entwickler seine komplette Programmierung offenlegen. Mit einer „qualifizierten Transparenz“ wäre das Problem aber zu lösen: Offenlegung gegenüber qualifizierten Mitarbeitern oder Behörden, in vertrauensvoller Atmosphäre. So etwas müsste erfolgen. Aber der Druck dafür entsteht natürlich nicht, wenn kaum einer weiß, was Algorithmen sind.

Also hat die Studie deutlich mehr Brisanz, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Was müsste Deiner Meinung nach passieren?

Die Grundprinzipien der Informatik und KI müssten Schulstoff sein. Es geht um digitale Medienkompetenz im besten Sinne. Jeder benutzt ChatGPT oder andere KI-Tools, aber kaum einer weiß, wie sie funktionieren. Das wäre so, als ob wir jeden Tag essen – aber rein gar nichts über Gemüse, Fleisch und Vitamine wüssten. Das muss sich ändern, damit kompetenter über die digitale Zukunft gestritten und entschieden werden kann. Sonst bleiben wir passive Konsumenten in einer Welt, die andere für uns programmieren.

Zuletzt aktualisiert am 10.03.2026