Warum wir Amazon endlich kritischer betrachten sollten

von | 28.12.2018 | Digital

Amazon gilt als besonders erfolgreich – und ist es auch. Obwohl Jeff Bezos 2021 den CEO-Posten abgegeben hat, bleibt der Konzern unter Andy Jassy weiterhin einer der mächtigsten der Welt. Allerdings mit teilweise fragwürdigen Methoden: Amazon sammelt Daten und wertet sie zum eigenen Nutzen aus. Amazon kopiert erfolgreiche Produktideen. Und Amazon nutzt geschickt Steuerschlupflöcher. Genügend Gründe, das Unternehmen aus Seattle kritisch zu betrachten.

Wir reden viel über die Probleme von Meta, TikTok und X (ehemals Twitter). Davon gibt es zweifellos zahlreiche. Aber ein anderer digitaler Riese kommt meist ungeschoren davon: Amazon.

 

Auch Amazon sammelt Daten – massenhaft

Offensichtlich ist Amazon geschickter als andere Tech-Giganten. Die Kunden sind zufrieden, weil es bei Amazon so ziemlich alles gibt – und die Pakete meist auch schnell ankommen. Dank Prime-Mitgliedschaft oft am selben Tag. In Sachen Kundenservice setzt Amazon weiterhin Maßstäbe. Keine Frage. Doch wer mal nicht nur seinen eigenen Komfort im Auge hat, sondern genauer hinschaut, erkennt auch in Amazon ein riesiges Problem.

Denn Amazon sammelt Daten im noch größeren Stil als früher. Nicht nur über eure Einkäufe, sondern auch über Alexa-Gespräche, Prime Video-Gewohnheiten, Kindle-Leseverhalten und Ring-Überwachungskameras. Diese Datenmengen werden mit KI-Systemen ausgewertet, um Kaufverhalten noch präziser vorherzusagen.

2024 führte Amazon sogar „Amazon Q“ ein – einen KI-Assistenten, der alle gesammelten Daten nutzt, um noch bessere Vorhersagen zu treffen. Die Vision: Pakete kommen an, bevor ihr wisst, dass ihr etwas braucht. Das klingt nach Science-Fiction, ist aber bereits Realität.

Machtmonopol und unfaire Praktiken

Mittlerweile verdient Amazon über 40 Milliarden Dollar jährlich allein mit Werbung – Tendenz stark steigend. Hersteller sind praktisch gezwungen, bei Amazon Anzeigen zu schalten, um überhaupt gefunden zu werden. Das ist digitale Erpressung in Reinform.

Viel problematischer ist aber die Machtkonzentration. Wer heute etwas verkaufen will, kommt an Amazon kaum vorbei. In Deutschland wickelt Amazon inzwischen über 50% des Online-Handels ab. Deshalb kann Amazon die Regeln diktieren: Gebühren erhöhen, Margen drücken, Lieferbedingungen verschärfen.

Und was bei Drittanbietern gut läuft, kopiert Amazon gnadenlos mit seinen „Amazon Basics“-Produkten oder anderen Eigenmarken. 2025 waren es bereits über 200 verschiedene Marken, die Amazon selbst betreibt. Das Perfide: Amazon nutzt die Verkaufsdaten der Marketplace-Händler, um deren erfolgreichste Produkte zu identifizieren und dann selbst zu produzieren.

Steuertricks und unfairer Wettbewerb

Das Steuerproblem ist 2026 noch gravierender geworden. Während die EU mit dem Digital Services Act und der Mindeststeuer von 15% für Großkonzerne gegengesteuert hat, finden Amazon und Marketplace-Händler immer neue Schlupflöcher.

Besonders problematisch: Marketplace-Händler aus Drittländern verkaufen über Amazon-Fulfillment ihre Waren in Europa, ohne korrekte Steuern zu zahlen. Schätzungen gehen von Steuerausfällen in Milliardenhöhe aus. Lokale Händler können bei diesem unfairen Wettbewerb nicht mithalten.

AWS: Die unsichtbare Macht

Fast noch mächtiger als der Online-Handel ist Amazon Web Services (AWS). Über ein Drittel des Internets läuft auf AWS-Servern – von Netflix über Spotify bis hin zu Regierungswebsites. Diese Infrastruktur-Macht macht Amazon praktisch unkontrollierbar. Ein AWS-Ausfall kann ganze Wirtschaftszweige lahmlegen, wie 2024 mehrfach geschehen.

Was können wir tun?

Die Politik reagiert langsam. Der EU Digital Markets Act stuft Amazon als „Gatekeeper“ ein und soll für mehr Wettbewerb sorgen. Doch echte Veränderungen sind kaum spürbar.

Als Verbraucher haben wir aber Alternativen: Lokale Online-Shops stärken, bewusst bei kleineren Händlern kaufen, Second-Hand-Plattformen nutzen. Jeder Einkauf ist ein Stimmzettel für die Art von Wirtschaft, die wir wollen.

Amazon ist längst kein reiner Online-Händler mehr, sondern ein digitales Ökosystem mit enormer Macht. Es wird Zeit, dass wir diese genauso kritisch betrachten wie andere Tech-Giganten. Die Bequemlichkeit von heute kann die wirtschaftliche Vielfalt von morgen kosten.

 

Zuletzt aktualisiert am 06.03.2026