Public Money, public Code: Wenn Behörden ihre Software teilen

von | 09.04.2019 | Internet

In deutschen Behörden, Hochschulen und Institutionen werden jedes Jahr Milliarden für Software ausgegeben. Warum steht diese Software nicht der Allgemeinheit zur Verfügung? Genau diese Frage stellt eine Initiative, die fordert, mit öffentlicher Hand finanzierte Software der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Das birgt einige interessante Möglichkeiten – und wird langsam Realität.

Die Zeiten ändern sich: Während Berlin noch vor Jahren mühsam 76.000 Rechner von Windows 7 auf Windows 10 umrüsten musste, setzen heute immer mehr öffentliche Einrichtungen auf Open-Source-Lösungen. Die französische Nationalversammlung nutzt LibreOffice, Barcelona migrierte komplett zu Open Source, und auch deutsche Kommunen wie München (beim zweiten Anlauf) und Schleswig-Holstein gehen neue Wege.

Freier Code für freie Bürger

Welche Software Kommunen, Behörden, Länder und Bund einsetzen, entscheiden sie selbst. Bedeutet: Wir Bürger bezahlen teure Softwarelizenzen – und haben nichts davon. Während Microsoft, Oracle und SAP Jahr für Jahr Milliardenbeträge aus öffentlichen Kassen kassieren.

Gut, das gilt auch für die steuerfinanzierten Kekse, die im Büro der Bundeskanzlerin bereit liegen. Aber Software ist ein anderes Thema. Vor allem Software, die aus der öffentlichen Hand finanziert und für oder in Behörden, Universitäten und öffentlichen Einrichtungen entwickelt wird.

„Public Money, public Code“ heißt eine Initiative, die genau das ändern will. Das Ziel: Software, die durch Steuergelder erstellt oder beschafft wird, sollte generell Open Source sein – also für jeden zugänglich. Die Free Software Foundation Europe (FSFE) treibt diese Forderung seit Jahren voran und kann inzwischen beachtliche Erfolge vorweisen.

Klingt für den Laien erst mal abenteuerlich. Wie: Jeder soll die Software meiner Behörde sehen dürfen, die meine Anträge bearbeitet? Das ist doch schlimm – nachher manipulieren Verrückte etwas daran…

Mehr Sicherheit durch das Viele-Augen-Prinzip

Verständliche Reaktion. Aber aller Erfahrung nach ist der umgekehrte Rückschluss richtig: Software, die von vielen Augenpaaren kontrolliert wird, weist weniger Fehler auf. Das „Viele-Augen-Prinzip“ („many eyes make all bugs shallow“) hat sich in der Praxis bewährt.

Weil Bugs schneller entdeckt und gefixt werden. Sicherheitslücken werden transparent kommuniziert statt versteckt. Abgesehen davon befreit sich die Öffentliche Hand aus den Zwängen der großen Konzerne, die Herr über den Code sind und jederzeit entscheiden können, wann und was sich an den Programmen ändert.

Erfolgsgeschichten häufen sich

Inzwischen gibt es konkrete Erfolge: Das schleswig-holsteinische Digitalisierungsministerium entwickelt seit 2022 konsequent Open Source. Die Bildungscloud mehrerer Bundesländer basiert auf offenen Standards. Sogar das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt Open Source für kritische Infrastrukturen.

Ein Paradebeispiel ist die Corona-Warn-App: Als Open-Source-Projekt entwickelt, konnte die Community Fehler finden und Verbesserungen vorschlagen. Transparenz schaffte Vertrauen – ein entscheidender Faktor bei sensiblen Anwendungen.

Synergien nutzen, Kosten sparen

Die Behörde aus Köln hat sehr wahrscheinlich denselben oder sehr ähnlichen Bedarf wie eine vergleichbare Behörde aus Stuttgart, Bochum oder Rostock. Warum alles mehrfach denken und entwickeln? Wenn Dortmund ein digitales Bürgerserviceportal entwickelt, können andere Kommunen davon profitieren und es an ihre Bedürfnisse anpassen.

Genau das passiert bereits: Die Open-Source-Software „OpenSlides“ für digitale Versammlungen wird von Parlamenten weltweit genutzt. Das Content-Management-System TYPO3 stammt ursprünglich aus Deutschland und läuft auf zigtausenden öffentlichen Websites.

KI macht neue Diskussion nötig

Durch den KI-Boom wird die Diskussion noch brisanter: Wenn Behörden ChatGPT, Claude oder andere proprietäre KI-Systeme für Bürgerdienste nutzen, fließen sensible Daten zu US-Konzernen. Open-Source-KI-Modelle wie Llama oder lokale Lösungen bieten Alternativen.

Die EU diskutiert bereits über „AI Sovereignty“ – digitale Souveränität auch bei Künstlicher Intelligenz. Deutschland hinkt hier noch hinterher, während Frankreich bereits nationale KI-Strategien mit Open Source verknüpft.

Grenzen der Transparenz

Ich würde allerdings nicht so weit gehen, die Forderung nach Öffentlichmachung des Programmcodes generell und ausnahmslos zu stellen. Es gibt Bereiche (Polizei, Geheimdienste, Bundeswehr), bei denen Sicherheitsaspekte überwiegen könnten.

Aber selbst hier zeigt sich: Verschlüsselungsalgorithmen werden heute standardmäßig offengelegt, weil nur so ihre Sicherheit überprüfbar ist. Das Gegenteil von „Security by Obscurity“ hat sich durchgesetzt.

Der Weg ist das Ziel

Die Initiative „Public Money, public Code“ ist mehr als ein Nerd-Projekt. Sie steht für digitale Souveränität, Transparenz und effiziente Nutzung von Steuergeldern. Erste Erfolge zeigen: Der Wandel hat begonnen. Jetzt geht es darum, ihn zu beschleunigen und systematisch voranzutreiben.

Denn am Ende profitieren alle: Bürger durch transparentere Verwaltung, Steuerzahler durch geringere Kosten, Unternehmen durch neue Geschäftsmodelle rund um Open Source, und die Demokratie durch mehr Offenheit.

Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026