Fotos von Kindern: Oft peinlich, herabwürdigend und ehrabschneidend. Manche Mütter machen sogar mit voller Absicht Fotos von ihren Kindern, wie sie eigentlich gar nicht aussehen: Um sich selbst aufzuwerten und/oder um Geld damit zu verdienen. InstaMoms genannt. Eine Aktion will alle Erwachsenen wachrütteln.
Ein Foto machen, ein Video drehen? Heute nun wirklich ein Klacks. Das Smartphone liegt immer griffbereit – und damit lässt sich praktisch jede Situation festhalten. Als Foto, als Video, als TikTok-Clip. Viele Aufnahmen landen danach sofort in den Sozialen Medien.
Viele Eltern denken nicht einmal nach, ob das OK ist. Schon sind die Aufnahmen für alle zu sehen: Das niedliche Baby, das schläft. OK. Der breiverschmierte Mund beim ersten Essen. Na ja. Der nackte Hintern. Wie bitte? Und damit fangen die Sünden gerade mal an.
Privatsphäre und Rechte der Kinder im großen Stil missachtet
Auch Kinder haben eine Privatsphäre – nur scheren sich die meisten Erwachsenen nicht darum. Sie halten immer ihre Kamera hin. Und das nicht nur für das private Familienalbum (wie früher und schon schlimm genug), sondern gleich für die ganze Welt.
Denn früher oder später landen die meisten Aufnahmen nun mal bei Instagram, TikTok, Facebook, YouTube und Co. Die Netzwerke funktionieren wie Brandbeschleuniger, denn Content mit Kindern performt hervorragend. Der Algorithmus belohnt süße Kinderfotos mit Reichweite und Engagement – ein perfider Kreislauf.
Viele Eltern und viele Erwachsene sollten sich schämen. Denn gedankenlos alles online zu stellen ist fahrlässig, oft genug sogar verantwortungslos bis kriminell. Besonders problematisch: Einmal im Netz veröffentlichte Inhalte lassen sich praktisch nie wieder vollständig löschen.
Deshalb gibt es die Aktion #DeinKindAuchNicht. Hier haben sich Erwachsene in typischen Kindersituationen fotografieren lassen: Weinend, auf dem Klo sitzend, an der Brust trinkend, total verschmiert – nackt und ungeschützt.
Weil Erwachsene zu sehen sind – unter anderem der Schauspieler Wilson Gonzales Ochsenknecht – wirken die Aufnahmen schockierend und verstörend. Dieselben Fotoaufnahmen mit Kindern erscheinen uns normal. Wie verrückt ist das? Das macht die Aktion wunderbar deutlich. Motto: Einmal bitte die Perspektive ändern.
Toyah Giebel erklärt die Hintergründe der Aktion
InstaMoms und TikTok-Eltern sind besonders schlimm
Ich habe mit der Initiatorin Toyah Diebel darüber gesprochen. Sie hat selbst noch keine Kinder, findet es aber abstoßend, wie leichtfertig sich viele Erwachsene und leider sogar auch Eltern über die Interessen ihrer Kinder hinwegsetzen. Es ist auch abstoßend.
Besonders widerlich sind sogenannte InstaMoms und TikTok-Eltern. Mütter und Väter, die über ihre Kinder Karriere auf Social Media machen wollen. Sie schminken ihre Kinder wie Models, ziehen ihnen Klamotten an, positionieren sie in Sets – und lassen sie posen.
Oft genug, um Werbeeinnahmen, Sponsoring-Deals oder Affiliate-Provisionen zu generieren. Die kleinen Mädchen sehen erwachsener aus als sie sind. Eine Fundgrube für Pädophile – eine völlige Pervertierung der Elternrolle. „Das ist schlicht Kinderarbeit!“, sagt Toyah Diebel.
Es ist krank und verantwortungslos, sage ich. Es sollte unter strenge Strafe gestellt werden. Denn wie verwerflich ist es, seine eigenen Kinder für einen derartigen Mumpitz zu missbrauchen?
Neue Gefahren durch KI und Deepfakes
Die Risiken haben sich in den letzten Jahren noch dramatisch verschärft. Mit KI-Tools können Kinderfotos heute problemlos manipuliert oder in anderen Kontexten missbraucht werden. Deepfake-Technologie macht es möglich, Gesichter von Kindern in jede beliebige Situation hineinzumontieren.
Was einmal harmlos als süßes Babyfoto gepostet wurde, kann Jahre später in komplett anderen, möglicherweise verstörenden Zusammenhängen auftauchen. Die Kinder haben dann keinerlei Kontrolle über ihr digitales Abbild.
Dazu kommt: Viele der heute geposteten Kinderfotos werden in wenigen Jahren peinlich oder sogar rufschädigend sein – wenn die Kinder ins Teenager- oder Erwachsenenalter kommen. Der Klassenkamerad findet das alte Video vom Trotzanfall. Der potenzielle Arbeitgeber stößt auf den Post vom Töpfchen-Training. Die digitale Vergangenheit holt jeden ein.
Was Eltern bedenken sollten
Bevor ihr das nächste Foto eures Kindes postet, fragt euch: Würde ich wollen, dass von mir als Kind solche Aufnahmen im Internet kursieren? Würde ich als Erwachsener wollen, dass diese Situation von mir öffentlich zu sehen ist?
Kinder können noch nicht selbst entscheiden, ob sie in sozialen Medien präsent sein wollen. Diese Entscheidung sollten sie später selbst treffen können – mit einem unbeschriebenen digitalen Blatt.
Und für alle anderen gilt: Wenn ihr Aufnahmen von fremden Kindern seht, die euch unangemessen erscheinen – meldet sie. Die Plattformen haben mittlerweile schärfere Richtlinien zum Schutz von Minderjährigen.
Auch solche Verrücktheiten der angeblich sozialen Netzwerke macht die Aktion #DeinKindAuchNicht deutlich. Danke dafür! Es ist höchste Zeit, dass wir alle sensibler werden für die Rechte und die Würde von Kindern – auch im digitalen Raum.
Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026