Die re:publica. Was vor 12 Jahren als Klassentreffen deutscher Blogger begonnen hat, ist mittlerweile eine der wichtigsten Digital-Konferenzen weltweit. In Europa auf alle Fälle. Das Motto der diesjährigen Konferenz: tl;dr. Internet-Sprech für: Too long, didnt read. Die Macher wollen dazu aufrufen, wieder in die Tiefe zu gehen.

Der Hang zur Verflachung ist groß im Netz. Aber ist er auch aufzuhalten? Darüber macht sich unser Netzdenker Jörg Schieb Gedanken – und hat auf der re:publica nach Antworten gesucht.

re:publica-Chef Markus Beckedahl sieht einen Hang, nach einfachen Antworten zu suchen – und die werden im Netz auch gerne bedient. Ist doch wirklich so: Da wird auf Twitter ein Zitat rausgehauen – und alle regen sich auf.

Vor allem die Sozialen Netzwerke sind Turbos für Aufregung und Hysterie. Da wird ein Zitat völlig aus dem Zusammenhang gerissen – und es schwappt eine Welle der Empörung durch die Netze. Alle regen sich auf. Alle haben eine Meinung – und müssen die natürlich auch sagen.

Und unter dieser Welle der Hysterie gehen die Fakten vollkommen unter. Kaum einer fragt: Was ist denn vorher gewesen, was hat er oder sie denn noch gesagt, in welchem Kontext steht das? Diese Form der Debatte hat Auswirkungen – bis in den Journalismus hinein. Denn wenn Journalisten gehört werden wollen, können sie die vorhandenen Mechanismen nicht völlig ignorieren. Zumindest im Netz nicht.

Wie kömnnen wir gegensteuern?

Absolut – und das ist wirklich die gute Nachricht, die man meiner Ansicht nach von der re:publica mitbringen kann. Es wurde viel darüber gesprochen, welche Wirkung das Netz auf den Journalismus, auf die politische Debatte, auf die Meinungsbildung hat. Gezielte Desinformation lässt sich am besten mit Fakten und tiefgehenden Informationen bekämpfen.

Nach diesem „Long Read“, wie das genannt wird, gibt es durchaus ein Bedürfnis. Meint: Wenn die Inhalte relevant sind, wenn sie gut präsentiert werden, dann nehmen sich viele Menschen auch die nötige Zeit dafür.

Weniger ablenken lassen

Aber wie ankommen gegen die Flut an Verlockungen: Wer gelesen, angehört oder angeschaut werden will muss doch laut sein…

Nicht unbedingt. Qualität setzt sich durch, sagen viele. Ich habe mit Sascha Lobo gesprochen, der für Long Read die Lanze bricht. Nun ist er nicht unbedingt ein Mann der leisen Töne. Das spielt bei dem Kampf um Aufmerksamkeit natürlich auch eine Rolle. Aber er hat Tipps für Kreative und Macher:

Erfahrungsgemäß gibt es durchaus eine Vielzahl von Menschen, die eine so lange Textwüste wie meine Artikel manchmal sind, auch wirklich bis zu Ende lesen. Wir haben das gleiche Phänomen in vielen anderen digitalen Medien: Podcasts zB sind ein riesen Boom-Ding. Es gibt Podcasts, die sind 1,5, 2, 3 Stunden lang – und werden trotzdem von einer überraschenden Zahl, 60-70 Prozent, bis zu Ende gehört. Will sagen: TL;DR ist eigentlich eine Aufforderung, von Anfang an und sofort zu zeigen – aus Sicht der Kreativen – was drin ist. Und wenn man das schafft, wenn man das richtig macht, dann bleiben die Leute auch dran.

Sascha Lobo

Also: Wer sich mit ausführlichen, tiefgehenden Informationen durchsetzen will, der muss sie sozusagen gut „verpacken“. Das wissen wir Journalisten natürlich – das kennen wir aus unserem Alltag.

Aber in der Tat ist es so, dass die Geduld bei Netz-Nutzer sehr gering ist. Wenn nicht nach wenigen Zeilen oder Sekunden klar ist, dass es sich lohnt weiterzulesen oder dranzubleiben, sind die Leute wieder weg. Daher ist es in der Tat wichtig, gleich am Anfang deutlich zu machen, was man bekommt, wenn man dran bleibt.

Problem: Die Sozialen Netzwerke

Klingt schön und gut – aber vor allem die Sozialen Netzwerke sind doch anders gestrickt. Überall Verlockungen und Angebote.

In der Tat: Facebook vor allem, aber auch Instagram und Co. sind nicht die Verfechter des Tiefgangs. Die Algorithmen belohnen das, was reizt und ankommt. Das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern – ein Grund, diese Netzwerke nicht unbedingt als wichtigste Informationsquelle zu wählen. Dennoch: Je mehr Menschen gut gemachte, tiefgehende Informationen lesen, hören anschauen, desto präsenter werden sie dann sogar auch in den Sozialen Netzwerken.

Voll im Trend: Podcasts

Es gibt ja Podcasts von Radiosendungen. Also die Sendungen oder einzelne Rubriken noch mal zum Nachhören. Oder wenn man etwas verpasst hat. Auch hier von TTB und generell von WDR5. Die sind sowieso schon beliebt. Dann gibt es aber auch Podcasts, die exklusiv fürs Netz hergestellt werden. Und die haben oft eine Länge von ein, zwei Stunden – und werden gerade deswegen geliebt.

Hier gehen die Macher in die Tiefe, nehmen sich Zeit. Die Hörer auch. Zusammen mit Dennis Horn habe ich auch gerade einen Podcast gestartet: Cosmotech, der Digital-Podcast. Alle zwei Wochen – eine Stunde. Ein sehr journalistisches Format. Mit intensiven Recherchen und Gesprächen – eine Stunde ohne Musik. Und der Podcast wird gehört. So wie viele andere auch. Diesen Trend finde ich ermutigend.

Cosmotech: Dennis und Horn und ich/Foto: WDR/Fußbrink