Erinnert ihr euch noch an Rezo und sein berühmtes „Die Zerstörung der CDU“-Video? Das war 2019 – und seither hat sich die Medienlandschaft dramatisch verändert. Heute sind es nicht mehr nur einzelne YouTube-Videos, die Politik erschüttern, sondern ganze Ökosysteme aus TikTok, Instagram, Podcasts und neuen Plattformen wie Discord oder BeReal, die politische Meinungsbildung prägen.
Das Rezo-Video war damals ein Weckruf – aber eigentlich nur der Anfang einer Revolution. Heute bestimmen Creator auf TikTok mit Millionen Followern die politische Debatte, Twitch-Streamer diskutieren live mit Politikern und auf X (ehemals Twitter) entscheiden sich Wahlen in Echtzeit. Was 2019 noch Ausnahme war, ist heute Normalität geworden.
TikTok übernimmt: Wo sich heute Politik entscheidet
Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2025 zeigt es deutlich: Über 70% der unter 30-Jährigen informieren sich primär über soziale Medien zu politischen Themen. TikTok hat dabei YouTube als wichtigste Plattform für politische Inhalte bei jungen Menschen abgelöst. Kurze, emotionale Videos mit prägnanten Botschaften erreichen hier in wenigen Stunden Millionen.
Doch es geht längst nicht mehr nur um einzelne Viral-Hits. Ganze Creator-Netzwerke haben sich spezialisiert: Auf komplexe Themen wie Klimapolitik, Wirtschaftspolitik oder Außenpolitik. Creators wie MrWissen2go, maiLab oder der „Politikstube“-Podcast von Jan Böhmermann erreichen regelmäßig mehr Menschen als die Tagesschau.
Dabei wird ein eigener Slang gesprochen, den die etablierte Politik oft noch nicht versteht.
‚Die Zerstörung von‘ war 2019 nur der Anfang. Heute sprechen Creators von ‚komplett zerlegen‘, ‚faktenchecken bis zum Umfallen‘ oder ‚receipts droppen‘ – alles Metaphern für fundierte Kritik, die in den sozialen Medien verstanden werden.
Wer als Politiker heute erfolgreich kommunizieren will, muss diese Codes verstehen. Und vor allem: authentisch rüberkommen.

Die neuen Vorbilder: Wie professionelle Creator Politik machen
Tilo Jung ist nach wie vor aktiv und erfolgreicher denn je. Sein „Jung & Naiv“-Format hat mittlerweile über eine Million Abonnenten. Aber er ist längst nicht mehr allein: Creators wie Rayk Anders, Lisa Sophie Laurent oder das Team von „STRG_F“ haben gezeigt, wie investigativer Journalismus auf Social Media funktioniert.
Tilo Jung erklärt seinen anhaltenden Erfolg so: „Wir duzen uns nach wie vor. Das ist authentisch und schafft Nähe. Aber wir haben unsere Standards professionalisiert. Fact-Checking, Quellenarbeit, Transparenz – das erwarten die Zuschauer heute. Die Zeiten, wo man einfach so eine Meinung raushauen konnte, sind vorbei.“
Genau das ist der Unterschied zu 2019: Die Creator-Szene hat sich professionalisiert. Viele arbeiten heute mit Redaktionen, haben eigene Fact-Checker und halten journalistische Standards ein – oft sogar strenger als traditionelle Medien.

Wie Politik heute kommunizieren muss
Die Lernkurve war steil – aber viele Politiker haben verstanden. Bundeskanzler Olaf Scholz ist auf TikTok, die Grünen setzen auf Instagram-Stories und sogar die CSU experimentiert mit Twitch-Streams. Aber es geht nicht darum, einfach überall präsent zu sein.
„Politik muss endlich verstehen, dass es nicht reicht, alte Botschaften in neue Formate zu packen“, erklärt Digital-Strategin Léa Steinacker, die mehrere Parteien bei ihrer Social-Media-Kommunikation berät. „Die Menschen erwarten Transparenz, direkte Antworten und vor allem: Ehrlichkeit bei Fehlern.“
Das zeigt sich besonders bei kontroversen Themen. Während Politiker früher Skandale aussitzen konnten, werden sie heute in Echtzeit fact-gecheckt. Jede Aussage wird sofort überprüft, jede Ungereimtheit aufgedeckt.
Ein gutes Beispiel ist der Umgang mit der Klimakrise: Während traditionelle Medien oft noch „Pro und Contra“ abwägen, haben Creator wie Rezo oder maiLab längst den wissenschaftlichen Konsens zur Grundlage ihrer Inhalte gemacht. Politik, die das ignoriert, wirkt schnell weltfremd.
Herausforderungen und Gefahren
Aber es gibt auch Schattenseiten: Desinformation verbreitet sich genauso schnell wie fundierte Kritik. Algorithmen können Filterbublen verstärken und polarisierte Debatten anheizen. Besonders problematisch wird es, wenn ausländische Akteure versuchen, über gefakte Creator-Accounts Meinungen zu manipulieren.
Die EU hat mit dem Digital Services Act 2024 erste Regulierungen eingeführt. Plattformen müssen transparenter werden, wie ihre Algorithmen funktionieren. Creator mit großer Reichweite müssen Werbung und politische Inhalte kennzeichnen.
Viele erfolgreiche Creator haben freiwillig eigene Standards entwickelt: Sie kennzeichnen Kooperationen, offenbaren ihre Finanzierung und korrigieren Fehler transparent. „Wer langfristig erfolgreich sein will, muss vertrauenswürdig sein“, sagt Tilo Jung.
Der Blick nach vorn: Was kommt als nächstes?
KI-generierte Inhalte werden die nächste Herausforderung. Schon heute experimentieren Creator mit KI-Avataren und automatisierten Fact-Checks. Gleichzeitig entstehen neue Plattformen wie BeReal oder Discord-Communities, wo Politik in ganz anderen Formaten diskutiert wird.
Die Lehre aus der Rezo-Ära: Politik muss zuhören, lernen und sich anpassen. Wer glaubt, die „neuen Medien“ seien nur ein Hype, hat den Wandel nicht verstanden. Social Media ist nicht mehr „neu“ – es ist einfach „Medium“. Punkt.
Die Zukunft gehört denen, die authentisch, transparent und auf Augenhöhe kommunizieren. Egal ob Politiker oder Creator.
Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026