Einmal im Jahr vergibt der Bielefelder Verein Digitalcourage den Big Brother Award. Ausgezeichnet werden Ideen, Konzepte oder konkrete Projekte, die den Datenschutz nicht ernst nehmen oder die Privatsphäre beeinträchtigen könnten. Die Preise in den verschiedenen Kategorien sollen zum Nachdenken anregen – und tun dies meistens auch. Diesmal hat ein angesehenes Nachrichtenportal den BigBrotherAward erhalten.

Keine Frage: Um Datenschutz und Privatsphäre ist es nicht sonderlich gut bestellt. Die rasant zunehmende Vernetzung weltweit, auch und besonders aller Geräte, mag hier und da praktisch sein, führt aber auch zwingend zu einem maximalen Datenschutzproblem.

Digitalisierung an sich führt automatisch zu Datenschutzproblemen – zumindest, wenn man sich nicht intensiv mit der Frage beschäftigt, auf welche Weise die Datenschutzinteressen jedes einzelnen betroffen sein könnten.

Werbetracker und Facebook-Pixel

Diesen Job macht die Jury der Big Brother Awards. Jedes Jahr zeichnet die mehrköpfige Jury Angebote, Ideen und Konzepte in verschiedenen Kategorien aus, die dem Datenschutz und der Privatsphäre schaden. Ein Negativ-Preis für Datensünder, sozusagen. Jetzt wurden die Preisträger dieses Jahres bekannt gegeben. Darunter auch das Onlineangebot von ZEIT.de. Ausgezeichnet, wegen der Werbetracker auf der Webseite – und vor allem wegen der implementierten Facebook-Pixel.

Das Facebook-Pixel ermöglicht Facebook ein lückenloses Tracking der Interessen und gelesenen Artikel – nicht nur bei ZEIT.de, sondern bei praktisch allen News-Angeboten in Deutschland. 83% aller von onlinejournalismus.de überprüften Webangebote setzen das Facebook-Pixel ein – in der Regel, ohne dass die Leserinnen und Leser etwas davon erfahren.

Aus Sicht der Betreiber der Webangebote ist der Einsatz verständlich. Dennoch ist es richtig, dass durch den Big Brother Award für ZEIT.de das Thema nun diskutiert wird.

Speicherproben und Stimmanalysen

Ausgezeichnet wurden unter anderem: Peter Beuth, Innenminister von Hessen für Anschaffung und Einsatz einer Analyse-Software der CIA-nahen US-Firma Palantir, die auf diese Weise Zugang zum höchst sensiblen Datennetz der hessischen Polizei erhält.

Oder die Firma Ancestry. Weil sie Menschen mit Interesse an Familienforschung dazu verleitet, ihre Speichelproben einzusenden. Ancestry verkauft die Gendaten an die kommerzielle Pharmaforschung. Oder die Aachener Firma Precire für ihre Spachanalyse-Software. Precire wird nicht nur zur Vorauswahl von Bewerberinnen eingesetzt, sondern auch für Emotionsanalyse von Menschen, die eine Hotline anrufen.

Was mich an das Amazon-Patent erinnert: Auch Amazon kann anhand der Stimme die aktuelle Stimmungslage erkennen – wenn wir mit Alexa sprechen. Alle „Preisträger“ stehen stellvertretend für einen Trend. Teilweise für Gedankenlosigkeit. Aber auf jeden Fall für eine unterentwickelte Sensibilität für das Thema Datenschutz und Privatsphäre.