Cancel Culture: Wenn die Lauten das Sagen haben

von | 06.08.2020 | Internet

Das Netz kann ungeheure Kraft und Macht entfalten. Das weiß jeder, der selbst schon mal einen „Shitstorm“ erleben musste: Massenhafte Proteste, Kritik oder sogar Diffamierung in den sogenannten „Sozialen Netzwerken“. Mittlerweile gibt es immer häufiger organisierte Proteste gegen einzelne Personen aus dem Öffentlichen Leben – mit fatalen Konsequenzen für Meinungsvielfalt und demokratischen Diskurs.

Wir müssen wohl oder übel einen Begriff lernen, der die digitale Gesellschaft prägt: „Cancel Culture„.

Damit ist laut Wikipedia ein „systematischer Boykott von Personen oder Organisationen gemeint, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen bzw. Handlungen vorgeworfen werden“. In der Praxis ist es aber oft mehr als ein Boykott – häufig werden koordinierte Aktionen gefahren, vor allem im Netz.

Häufige Folge: Ein Beitrag, ein Foto, ein Audio, ein Video wird aus dem Web oder von einer Plattform entfernt, weil es (zu viel) Protest gibt. Ein klassisches Beispiel war die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die zum 100-jährigen Bestehen mit einem Audio-Beitrag von Dieter Nuhr warb, der einer von drei „Botschaftern“ der Gesellschaft war.

Phase I: Die Empörung – inhaltslose Proteste

Es gab einen Beitrag auf der Homepage der Gesellschaft – und den damals obligatorischen Tweet dazu. Was folgte, waren keine Lacher – wie sich das ein Kabarettist wünscht -, sondern Protest, Hohn und Spott. Doch wie im Netz so häufig üblich, wird nicht etwa der Beitrag an sich kritisch auseinander genommen, sondern es wird polemisiert. Gegen Nuhr.

Keineswegs das krasseste Beispiel: Wie man einen so „misogynen Menschen gerade zu einem solchen Feld sprechen“ lassen könne, schrieb eine Twitter-Userin. Misogyn – also frauenfeindlich. OK, das war eine Meinung – die ich zwar nicht teilen würde, die man aber ja haben kann. Kabarettisten müssen sowas wohl aushalten. Aber was hatte das bitte mit einem kabarettistischen Kommentar zum Thema Wissenschaft zu tun?

Richtig: Überhaupt nichts. Es ging einzig und allein darum, den Sender zu diskreditieren. Eine uralte Taktik, die sich Argumentum ad hominem nennt. Wir machen den Absender mal so richtig schlecht, dann müssen wir uns nicht mit seiner Botschaft auseinandersetzen. Das ist zwar billig – aber leider häufig erfolgreich.

Phase II: Die Unterwerfung – wir löschen das dann mal …

Kommen genug solcher meist inhaltsleeren ablehnenden Botschaften zusammen, entsteht in den sogenannten „Sozialen Netzwerken“ ein unaufhaltsamer Ping-Pong-Effekt. Ein Shitstorm droht, dem viele Verantwortliche oft nicht lange standhalten. Dann löschen sie unterwürfig den Beitrag – und denken, damit wäre es getan.

Das handhabte auch die DFG so, zumindest mit dem Beitrag auf der Webseite. Cancelled – deshalb Cancel Culture.

Zwar gab es danach auch Proteste ob des Einknickens – aber die waren meistens nicht so laut wie die davor. Der Mensch sehnt sich nach „Relief“ – nach Linderung.

Phase III: Die Lauten gewinnen – immer und immer wieder

Das Problem ist aber: Die Lauten haben zwar nicht recht, bekommen aber meistens recht. Und jedes Mal, wo sie mit ihrem aggressiven Geposte erfolgreich sind, werden sie beflügelt, in Zukunft genau so weiterzumachen. Success feeds success.

Natürlich sind es keine Mehrheiten, die sich beschweren. Die Mehrheit schweigt. Aber selbst wenn die Mehrheit protestieren würde, wäre das doch immer noch kein guter Grund, einen Beitrag zu entfernen. Denn das bedeutet ja: Nur was mehrheitsfähig ist, darf gepostet werden. Was der Masse gefällt. Im Grunde ist das dann eine Einschränkung der Meinungsfreiheit wie in China: Da schreiben einige wenige Herrschende vor, was erlaubt ist. Bei uns einige wenige, die besonders laut sind.

Von Twitter zu TikTok – neue Plattformen, alte Mechanismen

Seit 2020 hat sich die Landschaft der sozialen Medien dramatisch verändert. TikTok ist zur dominierenden Plattform geworden, Twitter wurde zu X umbenannt und hat unter Elon Musk einen radikalen Wandel durchlaufen. Doch die Mechanismen der Cancel Culture funktionieren plattformübergreifend.

Auf TikTok entstehen Cancel-Kampagnen oft noch schneller und emotionaler. Das kurze Videoformat verstärkt emotionale Reaktionen, sachliche Diskussionen haben kaum eine Chance. Ein 15-Sekunden-Clip kann ausreichen, um jemanden zum Abschuss freizugeben. Die Algorithmen verstärken diesen Effekt, indem sie kontroverse Inhalte bevorzugen – weil sie mehr Engagement generieren.

Auch auf LinkedIn, das eigentlich als professionelles Netzwerk gilt, gibt es mittlerweile Cancel-Culture-Phänomene. Berufliche Existenzen stehen auf dem Spiel, wenn dort die Empörungsmaschine anspringt.

Die KI-Verstärkung: Wenn Algorithmen mitentscheiden

Neu ist die Rolle von KI-Systemen. Algorithmen verstärken Empörungswellen, weil sie auf Engagement optimiert sind. Je mehr Kommentare, Shares und Reaktionen, desto weiter wird ein Beitrag verbreitet. Das belohnt Kontroversen und bestraft ausgewogene Diskussionen.

Zugleich setzen Plattformen immer mehr auf automatisierte Moderation. KI-Systeme entscheiden vorab, was als „problematisch“ eingestuft wird – oft mit fragwürdigen Ergebnissen. Kontext geht verloren, Ironie wird nicht erkannt, satirische Übertreibungen als bare Münze genommen.

Die Wirkung von „Sozialen Netzwerken“: Nicht immer förderlich für die Demokratie

Wer bestimmt die Grenzen?

Die Frage wird immer drängender: Wer entscheidet eigentlich, was „cancellable“ ist? Es gibt keine demokratische Instanz, keine transparenten Kriterien. Oft reicht es aus, dass eine Aussage bestimmten ideologischen Denkmustern widerspricht oder als „unzeitgemäß“ empfunden wird.

Besonders problematisch wird es, wenn Cancel Culture auf Universitäten übergreift. Professoren trauen sich nicht mehr, kontroverse Themen anzusprechen. Studierende fordern „Trigger-Warnungen“ und „Safe Spaces“. Das Gegenteil von dem, was Bildung eigentlich leisten sollte: Zum kritischen Denken anregen.

Die schweigende Mehrheit und ihre Folgen

Studien zeigen: Die meisten Menschen trauen sich nicht mehr, ihre Meinung frei zu äußern – aus Angst vor sozialen oder beruflichen Konsequenzen. Das nennt sich „Schweige-Spirale“: Je weniger Menschen ihre abweichende Meinung äußern, desto isolierter fühlen sich die, die noch zweifeln.

Das Paradoxe: Während sich alle über Echokammern beklagen, schaffen wir durch Cancel Culture neue. Nur dass diesmal nicht Algorithmen sortieren, sondern sozialer Druck.

Was tun gegen die Cancel Culture?

Die Lösung liegt nicht in Zensur oder Regulierung – das wäre der falsche Weg. Stattdessen brauchen wir mehr Mut zur Differenzierung. Nicht jeder unbedachte Kommentar rechtfertigt eine Existenzvernichtung. Nicht jede kontroverse Meinung ist ein Angriff auf die Demokratie.

Organisationen und Unternehmen sollten lernen, Shitstorms auszuhalten, statt sofort einzuknicken. Denn jedes Nachgeben bestärkt die Mechanismen.

Die Meinungsfreiheit ist immer stärker gefährdet. Nicht, weil uns Gesetze einschränken, sondern weil es die Lauten tun (die sich umgekehrt niemals den Mund verbieten lassen würden). Die sogenannten „Sozialen Netzwerke“ sind da leider Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Zuletzt aktualisiert am 28.02.2026