Digitalisierung in Deutschland: Warum klappt es einfach nicht?

von | 26.05.2021 | Digital

Deutschland steht vor einer neuen Bundestagswahl – und wieder versprechen alle Parteien eine digitale Offensive. Doch der Blick zurück ist ernüchternd: Trotz jahrelanger Ankündigungen dümpeln wir weiter im europäischen Digitalisierungs-Mittelfeld. Eine aktuelle Bertelsmann-Studie zeigt, dass Deutschland bei der Verwaltungsdigitalisierung weiter hinter den Erwartungen zurückbleibt. Wie konnte es soweit kommen?

Manche Erkenntnis ist so quälend offensichtlich, dass einen nur noch ein humorvoller Umgang damit rettet. Anders lässt es sich nicht erklären, dass wir Deutschen über Funklöcher, Papierformulare in Behörden und völlig unzureichenden Glasfaser-Ausbau nur noch ironische Bemerkungen machen: Weil wir es nicht anders kennen und – schlimmer noch! – gar nichts anderes mehr erwarten.

Deutschland hinkt weiter hinterher

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während Estland bereits 2024 eine vollständig digitalisierte Verwaltung vorweisen konnte und selbst Italien bei der Digitalisierung der Behördengänge überholt hat, kämpfen deutsche Bürger noch immer mit dem veralteten Elster-System und halbfunktionalen Onlinediensten. Das Onlinezugangsgesetz (OZG) sollte bis Ende 2022 alle Verwaltungsleistungen digital verfügbar machen – heute, Anfang 2026, sind wir noch lange nicht am Ziel.

Als wären die Verbraucher schuld. Zwar finden sich auch in aktuellen Studien Hinweise, dass unzureichende Angebote und schlecht gemachte Benutzeroberflächen von behördlichen Angeboten die Menschen verunsichern. Doch den Verbrauchern gewissermaßen die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist schon ein starkes Stück.

E-Learning

Was ist aus den großen Versprechen geworden?

Auch seien „Datenschutzbedenken so groß wie in keinem anderen Land Europas“, hieß es schon 2021. Zweifellos richtig, aber sicher nicht der Grund für die eigentlichen Probleme. Die da wären: schlechte Infrastruktur, unzureichender Glasfaser-Ausbau, zu wenig Sachkompetenz und Gestaltungswillen in den Ministerien.

Die Ampel-Koalition hatte sich 2021 viel vorgenommen: Ein Digitalministerium sollte her, Deutschland zur „digitalen Speerspitze“ werden. Drei Jahre später ist das Digitalministerium da – unter Volker Wissing (FDP) -, aber die erhofften Durchbrüche blieben aus. Stattdessen erlebten wir weitere Pannensoftware wie die problembehaftete Luca-App-Nachfolger und endlose Diskussionen um die E-Rezept-Einführung.

KI-Revolution verschlafen – schon wieder

Besonders bitter: Während andere europäische Länder längst KI-basierte Verwaltungsservices einsetzen und damit Bearbeitungszeiten drastisch verkürzen, diskutieren deutsche Behörden noch über Grundsatzfragen. Die ChatGPT-Revolution seit Ende 2022 ist an der deutschen Verwaltung weitgehend vorbeigegangen. Estland nutzt bereits KI-Assistenten für Bürgeranfragen, Dänemark automatisiert mit Machine Learning Steuererklärungen – Deutschland warnt vor den Risiken.

5G-Ausbau: Versprechen vs. Realität

Auch beim 5G-Ausbau zeigt sich das altbekannte deutsche Muster: große Ankündigungen, zähe Umsetzung. Zwar hat sich die Netzabdeckung seit 2021 verbessert, doch echte 5G-Standalone-Netze mit den versprochenen Latenzzeiten unter 10 Millisekunden gibt es nur punktuell. Während Südkorea bereits 6G-Testnetze aufbaut, kämpfen deutsche Nutzer weiter mit Funklöchern auf Hauptverkehrsstrecken.

Digitalisierung der Behörden, des Gesundheitswesens, der Forschung und Bildung, Ausbau der Netze (mobil wie Glasfaser) – es gibt so viele drängende Themen. Einiges ist vorangekommen, aber viel zu langsam und oft halbherzig.

Die strukturellen Probleme bleiben

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Deutschland fehlt eine kohärente Digitalstrategie. Stattdessen wird in Ressort-Silos gedacht, Kompetenzen werden hin- und hergeschoben, und am Ende blockieren sich Bund, Länder und Kommunen gegenseitig. Das Digitalministerium sollte das ändern – bisher jedoch ohne durchschlagenden Erfolg.

Besonders frustrierend: Andere Länder machen vor, wie es geht. Dänemark hat sein „Digital by Default“-Prinzip konsequent umgesetzt, die Niederlande setzen auf nutzerfreundliche APIs zwischen Behörden, und selbst das lange als rückständig geltende Italien hat bei der digitalen Identität die Nase vorn.

Chancen der neuen Legislaturperiode

Die anstehende Bundestagswahl bietet eine Chance für einen Neustart. Die Parteien haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt – zumindest in ihren Wahlprogrammen. Von der KI-Offensive bis zur Blockchain-Strategie ist alles dabei. Entscheidend wird sein, ob diesmal konkrete Maßnahmen folgen und nicht wieder nur schöne Worte.

Denn eines ist klar: Die nächste technologische Welle rollt bereits an. Quantencomputing, fortgeschrittene KI-Systeme und das Internet of Things werden die nächsten Jahre prägen. Deutschland kann es sich nicht leisten, auch diese Entwicklung zu verschlafen.

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Rückblick: Die digitalpolitischen Versprechen der vergangenen Jahre

Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Deutschland braucht endlich eine Digitalisierung, die den Namen verdient – und Politiker, die über Ankündigungen hinaus auch liefern können.

Zuletzt aktualisiert am 25.02.2026