Made to Measure: Was Google alles mit unseren Daten anstellt

von | 12.09.2021 | Digital

Der Dokumentarfilm „Made to measure“ der Künstlergruppe Laokoon zeigt schockierend konkret, wie aussagekräftig die Daten sind, die Tech-Giganten über uns sammeln. Während KI-Systeme immer raffinierter werden und die Datensammlung 2026 neue Dimensionen erreicht hat, wird dieser Film relevanter denn je.

Die meisten von uns nutzen Google täglich – und längst nicht mehr nur für die Suche. Google Maps navigiert uns durch den Tag, YouTube kennt unsere Vorlieben, Gmail liest mit, Google Photos analysiert unsere Erinnerungen. Doch was bedeutet diese totale Durchleuchtung wirklich?

Die Künstlergruppe Laokoon hat vor einigen Jahren gezeigt, was sich allein aus Suchanfragen rekonstruieren lässt. Das Ergebnis war erschreckend – und ist heute noch brisanter. Denn inzwischen nutzen Unternehmen fortgeschrittene KI-Algorithmen, um aus unseren digitalen Spuren noch präzisere Profile zu erstellen.

Künstlergruppe Laokoon

2026: KI macht Datenprofile noch präziser

Was im Film „Made to Measure“ noch wie Science Fiction wirkte, ist heute Realität geworden. Large Language Models analysieren unsere Texte, Computer Vision erkennt unsere Gesichter und Verhaltensweisen, und Machine Learning-Algorithmen können aus scheinbar harmlosen Datenpoints intime Details unseres Lebens ableiten.

„Es gibt heute noch nie dagewesene Möglichkeiten, Menschen zu verstehen – besser als sie sich selbst.“

Google, Meta, Amazon und Co. sammeln nicht nur Daten – sie verstehen sie auch immer besser. Ein Beispiel: Googles Bard (heute Teil von Gemini) kann aus euren Suchverläufen nicht nur eure Interessen ableiten, sondern auch euren emotionalen Zustand, eure Beziehungsprobleme oder gesundheitliche Sorgen erkennen.

Wer sich „Made to measure“ anschaut, kann erahnen, wohin die Reise geht.

„KI-Systeme sammeln heute nicht nur unsere Gedanken – sie interpretieren und antizipieren sie.“

Im Film werden Szenen einer Probantin nachgestellt

Im Film werden Szenen einer Probantin nachgestellt

Wenn Daten zum Drehbuch werden

Der Film zeigt in gespielten Szenen das Leben einer Person nach – quasi nur mit den Daten als Drehbuch. Was damals revolutionär war, ist heute Standard bei Tech-Konzernen. Nur dass sie keine Filme drehen, sondern Werbung schalten, Preise anpassen oder Entscheidungen über Kredite und Versicherungen treffen.

Die Künstlergruppe suchte über Facebook nach Freiwilligen, die ihre Daten hergeben. Eine Frau stellte ihre kompletten Google-Daten zur Verfügung. Eine Schauspielerin spielte ihr Leben nach – nur basierend auf digitalen Spuren.

„2026 braucht es keine Schauspielerin mehr – KI kann deepfake-Videos aus den Daten generieren.“

Das Erschreckende: Die Rekonstruktion war so präzise, dass selbst die betroffene Person schockiert war. Ihre intimsten Gedanken, ihre Sorgen, ihre Beziehungen – alles lag offen.

Neue Dimensionen der Überwachung

Was 2021 noch experimentell war, ist heute Geschäftsmodell. Unternehmen nutzen:

  • Predictive Analytics: KI sagt voraus, was ihr als nächstes kauft, wen ihr wählt, ob ihr krank werdet
  • Behavioral Targeting: Algorithmen kennen eure Schwächen und nutzen sie für Werbung
  • Social Credit Systeme: In China Realität, in Europa als „Digital Identity“ diskutiert
  • Biometrische Überwachung: Gesichtserkennung, Ganganalyse, Stimmprofile

Cosima Terrasse, eine der Filmemacherinnen, beschreibt es so: „Wir haben Einblicke in die Persönlichkeit, in die Psyche eines Menschen – ohne dass dieser es merkt.“

Der gläserne Mensch ist Realität

„Wir hatten kein Drehbuch“, erklärt Terrasse. „Nur Daten. Die Schauspielerin musste zwischen den Datenpunkten die Geschichte füllen.“ Heute übernehmen das KI-Systeme automatisch.

Jede Google-Suche, jedes YouTube-Video, jede Maps-Anfrage wird analysiert. Hinzu kommen:
– Smartphone-Sensoren (Beschleunigung, Lage, Mikrofon)
– Smart-Home-Geräte (Alexa, Google Nest)
– Fitness-Tracker und Smartwatches
– Zahlungsdaten von Kreditkarten und Apps
– Soziale Netzwerke und Messaging-Apps

Das Resultat: Ein digitaler Zwilling, der euch manchmal besser kennt als ihr euch selbst.

„Made to measure“ wird zur Prophezeiung

Was der Film als Experiment zeigte, ist heute Alltag geworden. Der Unterschied: Die meisten merken es nicht. Googles neue „Search Generative Experience“ zeigt, wie KI aus euren Fragen nicht nur Antworten generiert, sondern eure Persönlichkeit analysiert.

Die Online-Version von „Made to measure“ ging noch einen Schritt weiter: Sie beobachtete die Zuschauer beim Zuschauen. Jeder Klick, jede Pause, jedes Verweilen wurde aufgezeichnet und ausgewertet.

Auch ihr werdet beobachtet – beim Lesen

Genau das passiert täglich mit uns allen. Nur bekommt ihr die Auswertung normalerweise nicht zu sehen. Google Analytics, Facebook Pixel, TikTok-Tracker – sie alle erstellen psychologische Profile.

Der Film war 2021 eine Warnung. 2026 ist er dokumentarische Realität geworden.

Was weiß Google über euch?

Wer wissen will, wie viel Google über ihn sammelt, kann seine Daten herunterladen. Aber Vorsicht: Der Download kann mehrere Gigabyte umfassen.

Neu seit 2024: Google muss durch den Digital Services Act transparenter werden. In den Einstellungen könnt ihr jetzt sehen, warum ihr bestimmte Werbung bekommt und welche Rückschlüsse aus euren Daten gezogen wurden.

Trotzdem bleibt die Kernfrage: Leben wir noch privat, oder sind wir längst gläserne Menschen in einer digitalisierten Welt?

„Made to Measure“ gibt eine erschreckend klare Antwort.

Google: Daten-Export

Zuletzt aktualisiert am 24.02.2026