True Crime Trend mit Folgen

Amoklauf Heidelberg: Falscher Mann verdächtigt

Kurz nach Bekanntwerden des Amoklaufs vom Montag in Heidelberg wurde ein junger Mann als Täter verdächtigt. Der hatte mit der Sache aber gar nichts zu tun.

Anfang der Woche hatten wir wieder einen folgenreichen Amoklauf in Deutschland. Diesmal an der Uni in Heidelberg. Ein totes Opfer, ein toter Täter. Solche Ereignisse sind immer sehr schnell ein großes Thema. „Eilmeldung!“, steht dann im Handy-Display, weil Journalisten über den Fall berichten.

Man weiß ja nicht, wie sich so ein Amoklauf ausweitet. Aber auch im Netz geht’s dann los: Berichte, Spekulationen – Denunziationen. Schnell werden Personen verdächtigt. Gerne auch schon mal die Falschen… Und das kann im Zeitalter von WhatsApp, Facebook und Twitter schnell Folgen haben…

Tatort: Heidelberg - an der Uni
Tatort: Heidelberg – an der Uni

Das Netz fahndet nach Fakten – und Schuldigen!

Wir wollen nicht über den Amoklauf selbst berichten, sondern was im Netz passiert ist, nachdem die Polizei den Amoklauf gemeldet hat.

Es ist eigentlich immer derselbe Vorgang zu beobachten: Kaum ist die Meldung in der Welt, dass ein Amoklauf in Gang ist, gehen die Menschen ins Netz, um sich zu informieren. Die Radionachrichten kommen bestenfalls zur nächsten halben Stunde wieder – das Internet hat immer auf. Und da kursieren dann auch schon mal gerne Augenzeugenberichte… Was die Menschen aber immer besonders interessiert: Wer ist der Täter? Im Netz kursierte da am Montag relativ schnell ein Verdacht: Tobias L. aus Baden-Württemberg könnte es sein.

Es gab sogar ein Foto als Beweis: Der 25-jährige mit Gewehr auf einem Filmset. „Klar, der war’s!“, denkt die Community… Das Handy des Betroffenen stand nicht mehr still. Es gingen unentwegt Nachrichten auf Instagram ein – und der aus verständlichen Gründen völlig verstörte Tobias L., mit der Sache nicht das Geringste zu tun, sah sich in der Situation, sich in einem „Reel“ – einem Video auf Instagram – öffentlich zu erklären, er sei es nicht gewesen und habe damit nichts zu tun. Aber der Mob war kaum noch zu halten.

Wie konnte das passieren?

Schrecklich, sich das vorzustellen: Man wird einfach zum Täter erklärt und im Netz bedrängt. Wie konnte denn das passieren?

Nun, da kommen immer verschiedene Dinge zusammen: Die Dynamik des Internet – und jemand, der entweder verrückt genug ist, einfach so etwas in die Welt zu setzen oder sogar ganz bewusst jemandem schaden möchte. In dem Fall könnten es Ex-Freunde von Tobias gewesen sein, die das wie einen „Streich“ betrachtet haben könnten. Einfach mal behaupten: Die Meute wird sich drauf stürzen. Und so ist es auch gewesen. Die Menschen suchen im Internet nach Fakten, Hintergründen und Erklärungen. Und alles, was da angeboten wird, geht viral.

Egal aus welcher Quelle es kommt. Ein Verdacht ist immer besser als nichts und verbreitet sich explosionsartig im Netz, ohne jede Kontrolle. Eine Polizei würde einen Verdacht prüfen, Journalisten ebenso und nie einen Verdächtigen nennen oder ein Foto zeigen. Im Netz gibt es solche Regeln nicht. Die einen wollen Informationen, die anderen freuen sich über die Aufmerksamkeit. Wer in einer solchen Situation eine Falschnachricht streut, kann sich der Aufmerksamkeit gewiss sein: So viele Likes und Sternchen gibt es sonst nirgendwo. Auch wenn man anonym bleibt.

Phänomen oder Trend?

Man muss von einem Mechanismus sprechen. Schon Journalisten werden ja gerne und durchaus zu Recht als „Meute“ beschrieben, die sich alle gleichzeitig auf etwas stürzen. Im Netz ist es schlimmer: mehr Menschen, aber gar keine Anstandsregeln. Manche wollen anderen schaden, andere aber auch was Gutes tun: Ich, der Privatdetektiv, kriege doch bestimmt was raus… Und dann wird recherchiert. Online. Sie machen sich keine Gedanken, dass Spekulationen Panik auslösen oder Schaden verursachen können. Man muss aber auch von einem Trend sprechen.

Vor allem in den USA gibt es eine riesige Community, mit Zehntausenden von Menschen, die nicht aufgeklärte echte Verbrechen aufklären wollen. Der „True Crime“ Trend – etwa minutiös in Podcast nacherzählte echte Verbrechen – beflügeln diesen Trend. Es gibt sogar ein Portal: websleuths.com. Hier werden Dutzende von Kriminalfällen von Hobby-Sherlock-Holmes debattiert, Mutmaßungen ausgesprochen und Fälle gelöst. Solche Menschen kontaktieren sogar Angehörige von Opfern, obwohl sie das nicht wollen. Es gibt ihnen ein gutes Gefühl, sebst an einer „echten“ Sache dran zu sein, kann aber eine Menge Schaden anrichten.

Wie geht man damit um?

Nun ist es ja eine Sache, in einem Forum mit Gleichgesinnten über Fälle zu sinnieren oder öffentlich in Social Media Spekulationen auszustoßen.

Tobias L. – er ist Autist – war verständlicherweise unglaublich aufgeregt, hat das Video auf Instagram als Statement veröffentlicht und sich bei der Polizei Mannheim gemeldet. Sicher eine gute Idee, damit die Behörde Bescheid weiß. Denn die Polizei mag es gar nicht, wenn Spekulationen öffentlich kursieren. Das bindet Kapazitäten, verunsichert, muss manchmal wieder eingefangen werden. Da wir aber heute alle mehr oder weniger viel von uns in den Sozialen Medien preisgeben, können wir alle zum Opfer werden.

Es ist leichter als früher, etwas über Menschen in Erfahrung zu bringen. Das mag es manchmal leichter machen, den echten Täter zu ermitteln. Auch im vorliegenden Fall war schnell bekannt, dass der echte Täter die Tat angekündigt hat. Aber es können eben auch Spekulationen sich viral verbreiten. Wir alle sind gut beraten, schnell kursierende Informationen aus dem Netz nicht einfach zu trauen, sondern darauf zu warten, dass sie professionell eingeordnet werden.

 

 

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