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Chat-Scans gegen Verbreitung von Missbrauchsbildern

von | 13.05.2022 | Digital

Die EU-Regelung zur Chatkontrolle ist seit 2024 in Kraft – und die Kritik hat sich als berechtigt erwiesen. Was als Schutz vor Kindesmissbrauch gedacht war, entwickelt sich zum datenschutzrechtlichen Albtraum mit fragwürdigem Nutzen.

Die EU-Kommission hatte 2022 ein umstrittenes Regelwerk vorgestellt, das explizit Kinder schützen sollte. Nach zähen Verhandlungen trat 2024 eine abgeschwächte Version in Kraft. Die Idee: Internetdienste sollen verpflichtet werden, Kommunikation nach Missbrauchsbildern und verdächtigem Verhalten (Cyber-Grooming) zu durchsuchen. Zwei Jahre später zeigt sich: Die Befürchtungen der Kritiker waren nicht übertrieben.

Chats sollen überwacht werden

EU-Zentrum operiert seit 2024

Das EU-Zentrum gegen Kindesmissbrauch in Den Haag ist seit Anfang 2024 operativ. Die Behörde kann Onlinedienste anweisen, die Kommunikation ihrer Nutzer nach verdächtigen Inhalten zu scannen. Was zunächst nur für große Plattformen wie Meta, Google und TikTok galt, wurde inzwischen auf kleinere Dienste ausgeweitet.

Die Zahlen, die das Zentrum präsentiert, klingen zunächst beeindruckend: Über 200 Millionen verdächtige Dateien wurden 2025 gemeldet, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch Experten kritisieren: Die Flut an Falschmeldungen ist erdrückend. Über 90 Prozent der automatisch gemeldeten Inhalte erweisen sich als harmlos – darunter Familienfotos, Kunstwerke oder Memes.

„Wir ersticken in False Positives“, klagt ein Ermittler aus NRW, der anonym bleiben möchte. „Statt gezielt zu ermitteln, sortieren wir massenhaft Fehlalarme aus.“

KI-Scanner mit verheerenden Schwächen

Das Problem liegt in der Technik. Die verwendeten KI-Systeme zur Erkennung problematischer Inhalte arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und Hash-Vergleichen. Sie erkennen bekanntes Material relativ zuverlässig, versagen aber bei neuen Inhalten oder kontextabhängigen Situationen.

Besonders problematisch: Die Systeme können nicht zwischen legalen und illegalen Inhalten in ähnlichen Kontexten unterscheiden. Aufklärungs- und Präventionsmaterial von Hilfsorganisationen löst genauso Alarm aus wie tatsächliches Missbrauchsmaterial.

Verschlüsselung unter Druck

Der größte Knackpunkt bleibt die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Messenger wie Signal, WhatsApp und Threema setzen auf Client-Side-Scanning – sie scannen Nachrichten vor der Verschlüsselung auf dem Gerät. Das bedeutet: Eure Smartphones werden zu Überwachungsgeräten.

Apple hatte bereits 2021 ähnliche Pläne für iCloud-Fotos, zog diese aber nach massiver Kritik zurück. Unter EU-Druck führte das Unternehmen 2024 eine abgeschwächte Version ein, die nur bei Cloud-Uploads aktiv wird.

Signal-Gründer Moxie Marlinspike warnt: „Client-Side-Scanning macht Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zur Farce. Wenn das Gerät selbst nicht vertrauenswürdig ist, ist die Verschlüsselung wertlos.“

Unerwünschte Nebenwirkungen

Zwei Jahre nach Inkrafttreten zeigen sich die befürchteten Probleme:

Überwachungsausweitung: Mehrere EU-Länder fordern bereits, die Scanning-Technologie auch für Terrorismus und organisierte Kriminalität zu nutzen. Frankreich und Italien haben entsprechende Gesetzesvorlagen eingebracht.

Technische Umgehung: Kriminelle weichen auf selbst gehostete Server und verschlüsselte P2P-Netzwerke aus. Die Regelung trifft primär normale Nutzer, nicht die eigentlichen Täter.

Chilling Effect: Journalisten, Aktivisten und Whistleblower meiden EU-basierte Dienste. Der Messaging-Dienst Element verzeichnet 300 Prozent Wachstum bei Self-Hosting-Lösungen.

Wirtschaftliche Folgen: Mehrere Tech-Unternehmen haben ihre EU-Server verlagert oder bieten bestimmte Dienste nicht mehr an. Der Schweizer Messenger Threema verzeichnet deutlich mehr Nutzer aus der EU.

Ernüchternde Erfolgsbilanz

Die Erfolgsbilanz der Chatkontrolle ist mager. Zwar werden mehr verdächtige Inhalte gemeldet, aber die Aufklärungsquote ist sogar gesunken. Ermittler sind überlastet, Gerichte überfüllt mit Verfahren, die sich als haltlos erweisen.

Gleichzeitig zeigen Studien: Die tatsächliche Verbreitung von Missbrauchsmaterial ist nicht gesunken. Die Täter sind technisch versierter geworden und nutzen andere Wege.

„Wir bekämpfen das Problem am falschen Ende“, kritisiert die Datenschutzorganisation noyb. „Statt Massenüberwachung brauchen wir bessere Präventionsarbeit und mehr Ressourcen für echte Ermittlungen.“

Alternativen ignoriert

Experten verweisen auf wirksamere Ansätze: Stärkung der Präventionsarbeit, bessere Ausstattung von Ermittlungsbehörden und internationale Kooperation bei der Löschung bekannter Inhalte. Länder wie die Niederlande setzen erfolgreich auf spezialisierte Einheiten statt Massenüberwachung.

Auch technisch gäbe es weniger invasive Lösungen: Verbesserte Hash-Datenbanken für bekanntes Material, KI-gestützte Analyse öffentlicher Inhalte oder die Entwicklung privacy-preserving Technologien.

Die EU-Chatkontrolle bleibt ein warnendes Beispiel dafür, wie gut gemeinte Gesetze in digitalen Überwachungsapparat münden können. Der Schutz von Kindern ist zweifellos wichtig – aber nicht um jeden Preis.

Zuletzt aktualisiert am 21.02.2026

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