Warum Streamingdienste immer teurer werden: Die wahren Gründe

von | 28.07.2022 | Digital

Netflix, Amazon Prime, Disney+, Max, Paramount+ und alle anderen: Die Streamingdienste erhöhen kontinuierlich ihre Preise – trotz wachsender Konkurrenz. Offiziell sind Inflation und höhere Produktionskosten schuld. Doch die wahren Gründe liegen tiefer und zeigen strukturelle Probleme der Branche auf.

Filme und Serien streamen gehört heute zum Alltag wie früher das lineare Fernsehen. „Binge Watching“ – das Verschlingen ganzer Serien-Staffeln am Stück – ist längst ein etablierter Begriff. Die Streaming-Revolution hat unser Sehverhalten grundlegend verändert: Wir entscheiden selbst, wann, wo und was wir schauen.

Das Problem: Das einst übersichtliche Angebot ist zu einem unüberschaubaren Dschungel geworden. Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, Max (ehemals HBO Max), Apple TV+, Paramount+, Sky, WOW, DAZN, MagentaTV, RTL+ und viele kleinere Anbieter buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Und praktisch alle werden kontinuierlich teurer.

Wer streamt es?

Unübersichtliches Angebot: Wer streamt es? hilft weiter…

Preisexplosion bei allen Anbietern

Die Preiserhöhungen der letzten Jahre waren drastisch. Amazon Prime kostet mittlerweile 95,99 EUR jährlich oder 9,99 EUR monatlich – eine Steigerung von über 40% seit 2022. Netflix verlangt für das Standard-Abo inzwischen 13,99 EUR monatlich, das Premium-Paket kostet sogar 19,99 EUR. Disney+ hat seine Preise seit dem Deutschland-Start fast verdoppelt und kostet nun 9,99 EUR pro Monat.

Besonders dreist: DAZN, ursprünglich als günstige Alternative zum Pay-TV gestartet, verlangt mittlerweile bis zu 44,99 EUR monatlich für das Komplettpaket. Das ist mehr als die meisten Sky-Pakete kosten. Auch Apple TV+ (9,99 EUR), Paramount+ (7,99 EUR) und Max (9,99 EUR) haben ihre Preise kontinuierlich angehoben.

Offizielle Begründung überall: gestiegene Produktionskosten, Inflation und höhere Lizenzgebühren. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Das Wachstum ist vorbei

Der wichtigste Grund für die Preiserhöhungen: Das goldene Zeitalter des Streaming-Wachstums ist beendet. Jahrelang konnten Netflix und Co. ihre Umsätze fast automatisch durch ständig wachsende Nutzerzahlen steigern. Diese Zeiten sind definitiv vorbei.

Der Markt ist gesättigt. Fast jeder, der streamen möchte, tut das bereits. Neue Kunden zu gewinnen wird immer schwieriger und teurer. Gleichzeitig steigt die Wechselbereitschaft: Kunden abonnieren gezielt einzelne Dienste für bestimmte Serien und kündigen danach wieder – das sogenannte „Churn“-Problem.

Netflix hat in mehreren Quartalen sogar Kunden verloren. Amazon Prime Video wächst hauptsächlich noch in Entwicklungsländern. In gesättigten Märkten wie Deutschland stagnieren die Zahlen.

Der Inhalt wird schlechter, nicht besser

Paradoxerweise verschlechtert sich das Angebot trotz höherer Preise. Viele Streamingdienste haben ihre Ausgaben für neue Inhalte gekürzt. Netflix hat ganze Produktionsstudios geschlossen und unzählige vielversprechende Serien nach nur einer Staffel abgesetzt.

Gleichzeitig fragmentiert sich der Content immer stärker. Disney hat seine Inhalte von anderen Plattformen abgezogen, um Disney+ attraktiver zu machen. Warner Bros. Discovery macht dasselbe mit Max. Das Ergebnis: Kein einzelner Dienst hat mehr ein wirklich umfassendes Angebot.

Stattdessen setzen die Anbieter verstärkt auf billige Reality-TV-Formate und ausländische Produktionen. Die teuren Prestige-Serien, die das Streaming einst auszeichneten, werden seltener.

Lapidare E-Mail von Amazon

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Werbung als neuer Kostentreiber

Ein besonders perfider Trend: Werbung wird zum Standard. Netflix, Disney+ und Amazon Prime Video haben alle werbefinanzierte Basis-Tarife eingeführt. Was als günstige Alternative beworben wird, ist faktisch eine Preiserhöhung für alle, die weiterhin werbefreie Inhalte sehen möchten.

Dabei werden die werbefreien Tarife überdurchschnittlich verteuert. Netflix Standard mit Werbung kostet 4,99 EUR, ohne Werbung 13,99 EUR – eine massive Preisdifferenz für das gleiche Grundangebot.

Account-Sharing wird bekämpft

Netflix hat 2023 den Kampf gegen das Teilen von Zugangsdaten massiv verschärft. Wer seinen Account mit Familie oder Freunden teilt, muss zusätzlich zahlen. Diese „Sharing-Gebühren“ sind faktisch weitere Preiserhöhungen durch die Hintertür.

Auch andere Anbieter ziehen nach. Disney+ und Amazon Prime Video haben ähnliche Maßnahmen angekündigt oder bereits umgesetzt.

Die Rechnung geht nicht auf

Die Strategie der Streamingdienste ist riskant. Umfragen zeigen: Immer mehr Deutsche reduzieren ihre Streaming-Abos oder kündigen ganz. Besonders jüngere Nutzer springen gezielt zwischen Diensten – ein Monat Netflix für die neue Staffel „Stranger Things“, dann Disney+ für Marvel-Serien, danach Amazon Prime für „The Boys“.

Dieses „Streaming-Hopping“ wird durch die Preiserhöhungen noch attraktiver. Warum 50-60 EUR monatlich für mehrere Dienste zahlen, wenn man für 10-15 EUR gezielt das schauen kann, was einen interessiert?

Gleichzeitig wächst die Piraterie wieder. Illegale Streaming-Seiten verzeichnen deutlich steigende Nutzerzahlen – ein direkter Effekt der Preiserhöhungen und Content-Fragmentierung.

Wohin führt das?

Die Streaming-Branche steuert auf eine Konsolidierung zu. Nicht alle aktuellen Anbieter werden überleben. Kleinere Dienste wie Paramount+ oder Apple TV+ könnten mittelfristig aufgeben oder von größeren Konkurrenten übernommen werden.

Für Verbraucher bedeutet das: Die goldene Zeit des günstigen, vielfältigen Streamings ist vorbei. Wir kehren zu einer Situation zurück, die dem alten Pay-TV ähnelt – wenige teure Anbieter mit fragmentierten Inhalten.

Die einzige Gegenstrategie: bewusster konsumieren. Wer strategisch zwischen Diensten wechselt und nicht alle gleichzeitig abonniert, kann Geld sparen und trotzdem alles schauen, was ihn interessiert. Die Zeit der Streaming-Monogamie ist definitiv vorbei.

Zuletzt aktualisiert am 21.02.2026