Onlinecensorship.org: Wo wird was warum gesperrt?

von | 22.11.2015 | Tipps

Die Electronic Frontier Foundation setzt sich für Bürgerrechte im Netz ein. Jetzt hat die Initiative ein neues Projekt gestartet, das Sperrungen und Löschungen in Social Media auflistet. Auf diese Weise kann man besser verstehen lernen, was in den Social Media zensiert wird – und warum.

Meta (Facebook/Instagram), X (ehemals Twitter), TikTok, YouTube, Apple, Microsoft: Die großen Onlinedienste und Sozialen Netzwerke haben ihre eigenen Spielregeln. Während Hasskommentare oft nur zögerlich oder gar nicht entfernt werden, führt jeder Verdacht auf vermeintlich problematische Inhalte bei den Plattformen zum sofortigen Entfernen von Postings.

Und wer als Frau „Isis“ mit Vornamen heißt, der muss damit rechnen, dass das komplette Konto gesperrt wird. Man hört immer wieder von solchen Einzelfällen. Etwa den, wo Facebook einen Hersteller von BHs daran gehindert hat, einen Artikel zu promoten, wo der Frage nachgegangen wird, welche Größe für die Damen denn nun die richtige sein könnte… Albern.

Und ernst zugleich. Denn die großen Anbieter machen ihr eigenes Ding. Deshalb wurde jetzt onlinecensorship.org gestartet. Ziel des Projekt: Social-Media-Unternehmen zu mehr Transparenz zu bewegen. Sie sollen Rechenschaft ablegen über Lösch- und Sperrvorgänge. Das lobenswerte Angebot wurde gemeinsam von der Electronic Frontier Foundation (EFF) und Visualizing Impact auf die Beine gestellt. Hier können Nutzer gesperrte oder gelöschte Inhalte melden und Angaben zur Begründung des Social Media Unternehmens machen.

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Wie die Plattform funktioniert

Die Datenbank sammelt systematisch Berichte über Content-Moderation der großen Tech-Konzerne. Nutzer können dort melden, wenn ihre Inhalte gelöscht oder Accounts gesperrt wurden. Dabei werden nicht nur die betroffenen Posts dokumentiert, sondern auch die offiziellen Begründungen der Plattformen erfasst.

Besonders interessant: Die Plattform kategorisiert die gemeldeten Fälle nach Themenbereichen wie Politik, Kunst, Journalismus oder LGBTQ+-Inhalte. So entstehen Muster, die zeigen, welche Arten von Content besonders häufig von automatisierten Filtern oder menschlichen Moderatoren ins Visier genommen werden.

Aktuelle Entwicklungen bei der Content-Moderation

Seit 2024 hat sich die Landschaft der Content-Moderation drastisch verändert. X unter Elon Musk hat viele Moderations-Richtlinien gelockert, während TikTok aufgrund politischen Drucks in verschiedenen Ländern schärfere Kontrollen eingeführt hat. Meta experimentiert mit KI-gesteuerten Moderationssystemen, die zwar schneller arbeiten, aber auch häufiger Fehlentscheidungen treffen.

Besonders problematisch: Die Intransparenz der Algorithmen. Während die EU mit dem Digital Services Act mehr Transparenz fordert, bleiben viele Entscheidungsprozesse für Nutzer undurchschaubar. Onlinecensorship.org sammelt genau diese Daten und macht sie öffentlich zugänglich.

Neue Herausforderungen durch KI

Die verstärkte Nutzung von KI in der Content-Moderation bringt neue Probleme mit sich. Automatisierte Systeme haben Schwierigkeiten mit Kontext, Ironie oder kulturellen Nuancen. Ein satirischer Post kann als Hassrede eingestuft werden, während subtile Propaganda-Inhalte durchrutschen.

Zudem entstehen durch den Einsatz von Generative AI neue Herausforderungen: Deepfakes werden immer schwerer erkennbar, während gleichzeitig echte Inhalte fälschlicherweise als KI-generiert markiert werden. Die Plattform dokumentiert auch solche Fälle und hilft dabei, Muster in der automatisierten Moderation zu erkennen.

Rechtslage und internationale Unterschiede

Was in Deutschland als legitime Meinungsäußerung gilt, kann in anderen Ländern strafbar sein. Die großen Plattformen müssen mit dieser Komplexität umgehen und wenden oft den kleinsten gemeinsamen Nenner an – was häufig zu übermäßiger Zensur führt.

Der EU-Digital Services Act verpflichtet große Plattformen seit 2024 zu mehr Transparenz bei Moderationsentscheidungen. Trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum wird ein Posting gelöscht? Nach welchen Kriterien entscheiden Algorithmen? Onlinecensorship.org versucht, diese Wissenslücken zu schließen.

Was Nutzer tun können

Wer von Zensur betroffen ist, sollte den Fall bei onlinecensorship.org melden. Je mehr Daten gesammelt werden, desto besser lassen sich Muster erkennen und problematische Praktiken aufdecken. Außerdem können Nutzer:

  • Screenshots von gelöschten Inhalten machen
  • Offizielle Begründungen der Plattformen dokumentieren
  • Beschwerden bei Datenschutzbehörden einreichen
  • Alternative Plattformen mit transparenteren Richtlinien nutzen

Die Initiative zeigt: Transparenz ist der erste Schritt zu fairerer Content-Moderation. Nur wenn wir verstehen, wie die Algorithmen entscheiden, können wir sie auch verbessern.

Zuletzt aktualisiert am 11.04.2026