Google fragt, welche Werbung wir sehen wollen

von | 01.07.2016 | Tipps

Man könnte manchmal den Eindruck haben, nicht Techniker oder Informatiker hätten das Internet erfunden, sondern die Werbeindustrie. Denn im Grunde ist das Internet ein wahrgewordener Traum aller Werber: Hier finden sich rund um die Uhr Konsumenten, die den Werbetreibenden auch noch verraten, wofür sie sich gerade interessieren. Und die Werber können sehen, wie wir auf die Werbung reagieren. Wunderbar!

Google ist nach wie vor Weltmeister in Onlinereklame. Mit einem Werbeumsatz von über 280 Milliarden Dollar in 2024 dominiert der Konzern den digitalen Werbemarkt. Inzwischen hat Google seine Werbepersonalisierung noch weiter verfeinert und bietet Nutzern deutlich detailliertere Kontrollmöglichkeiten über ihre Daten und Werbeeinstellungen.

Wer ein Google-Konto hat, etwa bei Google Mail, der bekommt regelmäßig Einstellungsoptionen angezeigt. Wie funktioniert die moderne Werbepersonalisierung bei Google und welche Kontrolle haben wir wirklich?

Google verdient sein Geld nach wie vor hauptsächlich damit, uns Werbung zu präsentieren – nicht nur auf der Google-Suche oder YouTube, sondern über das gesamte Display- und Videowerbung-Netzwerk. Durch das „Google Ad Manager“-System werden Anzeigen auf Millionen von Websites geschaltet.

Die Personalisierung funktioniert heute über mehrere Ebenen: Neben klassischen Suchanfragen und Webseitenbesuchen nutzt Google auch Standortdaten, App-Nutzung, YouTube-Verlauf und sogar Offline-Käufe über Partner-Kreditkarten. In den My Ad Center Einstellungen könnt ihr sehen, was Google über euch weiß und sehr granular steuern, welche Werbung ihr seht.

google-logo-2015

Welche konkreten Möglichkeiten haben wir bei der Werbesteuerung?

Die Optionen sind mittlerweile sehr detailliert: Ihr könnt nicht nur grobe Kategorien wie „Eltern“ oder „Technologie“ an- oder abwählen, sondern auch spezifische Marken blockieren, bestimmte Werbeformate deaktivieren oder sogar festlegen, dass ihr nur umweltfreundliche Produkte beworben bekommen möchtet.

Besonders interessant: Google bietet jetzt auch „Topics API“ an – eine cookielose Alternative für interessensbasierte Werbung. Euer Browser lernt eure Interessen lokal und teilt nur grobe Themenbereiche mit Werbetreibenden, ohne persönliche Daten preiszugeben.

Zusätzlich könnt ihr in den Privacy-Einstellungen festlegen, ob Google eure Daten mit Partnern teilen darf, ob personalisierte Werbung auf anderen Geräten synchronisiert werden soll und sogar einstellen, dass bestimmte sensible Kategorien wie Gesundheit oder Finanzen komplett ausgeschlossen werden.

Anzeigen Kategorien

Aber bedeutet mehr Kontrolle auch wirklich mehr Datenschutz?

Hier wird es kompliziert: Google sammelt nach wie vor enorme Datenmengen, auch wenn ihr die Werbepersonalisierung einschränkt. Die DSGVO und neue Gesetze wie der Digital Services Act haben zwar mehr Transparenz gebracht, aber die Datensammlung selbst läuft weiter.

Neu ist allerdings Googles „Privacy Sandbox“: Chrome wird Third-Party-Cookies schrittweise abschaffen (der Rollout wurde mehrfach verschoben, aktuell ist 2026 geplant). Stattdessen sollen lokale APIs wie „Topics“ und „Protected Audience“ Werbung ermöglichen, ohne dass persönliche Daten den Browser verlassen.

Das bedeutet: Ihr habt mehr Kontrolle über das „Was“ und „Wie“ der Werbung, aber nicht unbedingt über das „Ob“ der Datensammlung – solange ihr Google-Dienste nutzt.

Was zeigt Google über unsere gespeicherten Daten?

Google ist tatsächlich transparenter geworden. Unter myactivity.google.com seht ihr detailliert eure gesamte Google-Historie: Suchanfragen, YouTube-Videos, besuchte Orte über Google Maps, verwendete Apps und sogar Sprachaufnahmen vom Google Assistant.

Neu ist der „Data Export“ über Google Takeout, mit dem ihr alle eure Daten in maschinenlesbaren Formaten herunterladen könnt. Praktisch für den Wechsel zu anderen Diensten oder einfach zur persönlichen Archivierung.

Besonders spannend: Im „Timeline“-Bereich könnt ihr sehen, wo ihr wart und was ihr gemacht habt – teilweise auf die Minute genau. Das kann praktisch sein („Wo war ich letzte Woche Dienstag?“), zeigt aber auch das Ausmaß der Überwachung.

Google MyActivity

Wie steht es um die Datentransparenz bei anderen Unternehmen?

Hier hat sich seit der DSGVO einiges getan: Unternehmen müssen auf Anfrage binnen 30 Tagen Auskunft über gespeicherte Daten geben. Das gilt für alle – von der Schufa über Amazon bis zu eurer Bank.

Meta (Facebook/Instagram) bietet ähnliche Transparenz-Tools wie Google. Apple hat mit „App Tracking Transparency“ sogar den Spieß umgedreht: Apps müssen explizit fragen, ob sie euch verfolgen dürfen. TikTok, Amazon und Microsoft haben ebenfalls umfangreiche Datenauskunfts-Portale.

Trotzdem nutzen die wenigsten diese Rechte. Studien zeigen: Weniger als 5% der Nutzer schauen regelmäßig in ihre Datenschutz-Einstellungen.

getmydata

Alternativen wie datenanfragen.de (Nachfolger von getmydata.de) helfen weiterhin bei Auskunftsanfragen. Neu sind auch spezialisierte Apps wie „DataViewer“ oder „Privacy Dashboard“, die eure Datenrechte automatisiert durchsetzen.

Was bedeutet das für uns als Nutzer?

Die gute Nachricht: Wir haben heute deutlich mehr Kontrolle über unsere Daten als vor ein paar Jahren. Die Transparenz ist gestiegen, die Einstellungsmöglichkeiten sind feiner geworden.

Die weniger gute: Die Datensammlung ist trotzdem komplexer und umfassender geworden. KI-Systeme können aus scheinbar harmlosen Daten sehr persönliche Rückschlüsse ziehen.

Mein Rat: Nutzt die Kontrollmöglichkeiten, die da sind. Schaut regelmäßig in eure Datenschutz-Einstellungen. Und macht von eurem Auskunftsrecht Gebrauch – ein Datenschutz, den niemand nutzt, ist wertlos.

Besonders wichtig: Redet auch mit Familie und Freunden darüber. Viele wissen gar nicht, welche Möglichkeiten sie haben. Datenschutz ist kein Einzelkämpfer-Sport – je mehr Leute mitmachen, desto mehr müssen sich auch die großen Tech-Konzerne bewegen.

Zuletzt aktualisiert am 07.04.2026