Die US-Regierung hat angeordnet, dass US-Behörden keine Schutz-Software des russischen Anbieters Kaspersky mehr einsetzen dürfen – und zwar aus Gründen der „nationalen Sicherheit“. Was 2017 begann, hat sich zu einem kompletten Verbot entwickelt: Seit Juni 2024 ist Kaspersky vollständig vom US-Markt ausgeschlossen. Die damals gewährten 60 Tage für Strategieentwicklung und 90 Tage für die Software-Ablösung sind längst Geschichte.
Offizielle Begründung: Es sei nicht auszuschließen, dass der Kreml über die weit verbreitete Software bereits Spionage betrieben hat – oder noch betreiben wird. Inzwischen wurde das Verbot drastisch ausgeweitet: Kaspersky darf seine Produkte in den USA weder verkaufen noch updaten. Warenhäuser wie Best Buy haben die Produkte bereits 2017 aus dem Sortiment genommen.
Das komplette Verbot kam nicht überraschend: Bereits seit dem Ukraine-Krieg 2022 standen russische Tech-Unternehmen unter verschärfter Beobachtung. Die US-Regierung stuft Kaspersky als „unacceptable risk to national security“ ein – ein Verdikt, das praktisch nicht mehr umkehrbar ist.
Schutz-Software kann schnüffeln
Eine besondere Form von Protektionismus. Kaspersky selbst bestreitet die Vorwürfe vehement (was soll er auch sonst tun). Beweise vorlegen für ihre Vorwürfe kann die US-Regierung nicht. Grundsätzlich ist es absolut denkbar, dass mit solcher Software spioniert wird. Technisch ist es jedenfalls problemlos möglich, weil solche Software tief ins Betriebssystem eingreift und viele Rechte hat.
Das muss sogar so sein, damit das Schutzprogramm überhaupt funktionieren kann. Die Software kann alle verwendeten Programme „sehen“ und auch auf alle Dateien zugreifen, jedenfalls grundsätzlich. Selbst E-Mails mitlesen – gar kein Thema. Je nachdem, welche Software man verwendet.
Natürlich wäre es denkbar, dass so eine Software – von mir aus auf Anweisung aus dem Kreml – diese Möglichkeiten missbraucht. Allerdings würde das aller Wahrscheinlichkeit nach sehr schnell auffallen. Vielleicht nicht unbedingt dem privaten Windows-Benutzer, aber in Unternehmen ganz sicher.
Denn geklaute Daten müssten ja über das Internet transportiert werden. Ganz sicher würden die Alarmglocken läuten, wenn eine Schutz-Software plötzlich Gigabyte an Daten nach Hause schickt. Das wäre dann automatisch das Ende für Kaspersky in der westlichen Welt.
Globaler Trend: Digitale Souveränität
Das Kaspersky-Verbot ist Teil eines größeren Trends. Immer mehr Länder setzen auf „digitale Souveränität“ – ein euphemistischer Begriff für Tech-Protektionismus. Die EU diskutiert strengere Regeln für ausländische Software in kritischen Infrastrukturen. China hat westliche Tech-Produkte in Behörden bereits weitgehend verbannt. Indien blockiert chinesische Apps wie TikTok.
Besonders brisant: Die USA haben 2024 auch gegen chinesische Anbieter nachgelegt. TikTok steht vor dem Aus, Huawei ist praktisch vom Markt verschwunden, und selbst DJI-Drohnen geraten unter Druck. Das Argument ist immer dasselbe: nationale Sicherheit.
Auch US-Software kann schnüffeln
Der springende Punkt ist: Die US-Hersteller unterliegen generell denselben Schwierigkeiten wie ein russisches Unternehmen. Wenn NSA oder Homeland Security an ein Unternehmen herantritt und sie per Gesetz zwingt, Daten rauszurücken oder gezielt zu spionieren, werden sie das aller Wahrscheinlichkeit nach machen – und sie dürften nicht mal darüber reden.
Genau das ist – das wissen wir seit Snowden – bei den Internet-Providern ja auch passiert. Also wäre es denkbar, dass Produkte von Microsoft Defender, CrowdStrike oder SentinelOne – um aktuelle Beispiele zu nennen – genau das machen, was man Kaspersky nun unterstellt: Sie könnten jederzeit ihre Kundschaft ausspionieren. Natürlich ebenfalls mit dem Risiko, entdeckt zu werden.
Der CLOUD Act von 2018 gibt US-Behörden sogar explizit das Recht, auf Daten von US-Unternehmen zuzugreifen – egal wo diese gespeichert sind. Europäische Unternehmen sind deshalb zunehmend vorsichtig bei US-Cloud-Diensten.
Wie glaubwürdig ist also die Argumentation, die nationale Sicherheit sei gefährdet? Es ist eine politische Entscheidung. Man will vermutlich ablenken von den Untersuchungen, die Kontakte im Umfeld von Donald Trump nach zu Russland betreffend. Außerdem passt das Ganze natürlich auch wunderbar in die America-First-Strategie: Wenn kein ausländisches Produkt benutzt werden darf, dann natürlich das eines US-Konzerns. Wunderbar.
Die Folgen: Fragmentiertes Internet
Die Konsequenzen sind weitreichender, als die US-Regierung ahnt. Was, wenn sich nun die gesamte Welt sagt: Schluss mit Windows, Office, Google, Apple, Norton und Co. auf unseren Rechnern, Smartphones, Internetgeräten – weil zu unsicher?
Tatsächlich passiert genau das: Europa investiert Milliarden in eigene Cloud-Infrastrukturen wie Gaia-X. Russland baut sein „Sovereign Internet“ aus. China hat sein eigenes Tech-Ökosystem längst etabliert. Das offene, globale Internet fragmentiert sich zusehends in nationale oder regionale Blöcke.
Ohne Beweise, ohne Belege, sind die Vorwürfe gegen Kaspersky haltlos. Das Unternehmen hat sogar angeboten, den Quellcode seiner Software offenzulegen und Transparency Centers einzurichten – Schritte, die US-Konzerne bislang stets vermieden haben. Aber in Zeiten geopolitischer Spannungen zählen Fakten weniger als Befindlichkeiten.
Die Tech-Industrie wird das Nachsehen haben: Statt globaler Standards entstehen inkompatible Insellösungen. Innovation wird gebremst, Kosten steigen, Nutzer leiden unter schlechterer Interoperabilität. Der freie Markt? Geschichte. Willkommen im Zeitalter des digitalen Protektionismus.
Zuletzt aktualisiert am 01.04.2026


