5G in Deutschland 2026: Städte hui, Land pfui

von | 26.11.2018 | Mobility

Deutschland verfügt heute über eines der dichtesten 5G-Netze weltweit – doch der Weg dorthin war steinig und die ursprünglichen Versprechen wurden nur teilweise eingelöst. Nach sechs Jahren 5G-Ausbau zeigt sich: Die Technologie ist da, aber der Flickenteppich ist geblieben. Zeit für eine ehrliche Bilanz.

5G hat seine Versprechen größtenteils eingehalten. Die theoretischen 10 GBit/Sekunde werden zwar selten erreicht, aber Geschwindigkeiten von 1-3 GBit/Sekunde sind in gut ausgebauten Gebieten Standard. Die minimalen Latenzzeiten von unter 5 Millisekunden ermöglichen tatsächlich Echtzeit-Anwendungen, die 2019 noch Science-Fiction waren.

Autonomes Fahren nutzt 5G für Verkehrsdatenanalyse, Telemedizin ermöglicht Fernoperationen und in der Industrie kommunizieren Maschinen über 5G-Campusnetze. Aber auch Smartphones profitieren: 8K-Videos streamen, Cloud-Gaming ohne Ruckler und AR-Anwendungen, die früher unmöglich waren.

5G; Rechte: Pixabay

Die Realität nach sechs Jahren 5G

5G ist heute keine Zukunftsmusik mehr, sondern Alltag – zumindest in den Städten. Die Deutsche Telekom versorgt über 95% der Bevölkerung, Vodafone erreicht ähnliche Werte, und selbst O2 hat massiv aufgeholt. Doch die Tücke liegt im Detail: Bevölkerungsabdeckung ist nicht gleich Flächenabdeckung.

Auf Autobahnen zwischen Großstädten, in kleineren Ortschaften und erst recht in abgelegenen Gebieten klafft nach wie vor ein riesiges Loch. Während ihr in München oder Hamburg problemlos mit Gigabit-Geschwindigkeiten surft, kämpft ihr auf der A96 Richtung Lindau noch immer mit Edge-Verbindungen. Der ländliche Raum bleibt digital abgehängt.

Das Problem: Die ursprünglichen Ausbauverpflichtungen der Bundesnetzagentur waren zu lasch. 98% Haushaltsabdeckung mit 100 Mbit/s bis 2022? Das war schon damals ein Witz. Diese Ziele wurden zwar größtenteils erreicht, reichen aber bei weitem nicht für echte 5G-Flächenabdeckung.

5G Advanced und die nächste Generation

Mittlerweile ist die Branche bereits bei 5G Advanced angekommen – einer Weiterentwicklung, die noch höhere Geschwindigkeiten und bessere Netzeffizienz verspricht. Parallel arbeiten Forschungsteams bereits an 6G, das um 2030 kommen soll. Doch was nützen diese Zukunftstechnologien, wenn wir nicht einmal das aktuelle 5G flächendeckend hinbekommen?

Die Netzbetreiber investieren mittlerweile verstärkt in sogenannte Small Cells – kleinere Sendestationen, die gezielt Funklöcher schließen. Diese sind deutlich günstiger als große Mobilfunkmasten und können flexibler eingesetzt werden. Zusätzlich kommt Satelliteninternet von SpaceX Starlink und anderen Anbietern als Ergänzung zum terrestrischen Netz.

Landkarte 5G;; Rechte: Pixabay

National Roaming bleibt Wunschtraum

Das National Roaming, das 2019 so heiß diskutiert wurde, ist nie gekommen. Die großen Netzbetreiber haben erfolgreich verhindert, dass kleinere Anbieter ihre teuer erkauften Netzvorteile nutzen können. Für euch als Verbraucher bedeutet das: Die Netzwahl bleibt entscheidend. Wer viel auf dem Land unterwegs ist, kommt um die Telekom kaum herum – trotz höherer Preise.

Alternativ haben sich Multinetzbetreiber wie congstar etabliert, die je nach Standort automatisch das beste verfügbare Netz wählen. Das ist zwar kein echtes National Roaming, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Kostenfrage und der Preiskampf

Positiv entwickelt haben sich die Preise. Unlimited-Tarife mit 5G-Zugang gibt es mittlerweile ab 30 Euro monatlich – 2019 noch undenkbar. Der Konkurrenzkampf zwischen den Anbietern hat zu deutlichen Preissenkungen geführt. Discounter wie Aldi Talk oder Lidl Connect bieten ebenfalls 5G-Tarife zu fairen Konditionen.

Doch die Gesamtkosten für den Netzausbau sind explodiert. Ursprünglich auf 20 Milliarden Euro geschätzt, liegen die Investitionen der Netzbetreiber mittlerweile bei über 40 Milliarden Euro – und ein Ende ist nicht in Sicht.

1782376 / Pixabay

Neue Hoffnung: Open RAN und KI-Optimierung

Eine Lösung könnte Open RAN bringen – offene Standards, die es ermöglichen, Netzkomponenten verschiedener Hersteller zu mischen. Das senkt Kosten und erhöht die Flexibilität beim Netzausbau. Zusätzlich optimieren KI-Algorithmen die bestehenden Netze, um mehr Kapazität aus vorhandener Infrastruktur herauszuholen.

Private 5G-Campusnetze haben sich vor allem in der Industrie durchgesetzt. Unternehmen können eigene 5G-Netze betreiben und sind nicht auf die großen Anbieter angewiesen. Das könnte auch für ländliche Gemeinden interessant werden, die ihre Versorgung selbst in die Hand nehmen wollen.

Fazit: Deutschland im 5G-Mittelfeld

Südkorea und China sind bei 5G nach wie vor Vorreiter, aber Deutschland hat aufgeholt. Die Städte sind gut versorgt, die Preise akzeptabel und neue Anwendungen etablieren sich. Der ländliche Raum bleibt jedoch problematisch – hier werden Satellitenlösungen und lokale Initiativen entscheidend sein.

Die nächste Herausforderung heißt 6G. Diesmal sollten wir von Anfang an flächendeckend denken und nicht wieder den Fehler machen, die ländlichen Gebiete zu vergessen. Sonst diskutieren wir 2032 wieder über denselben Flickenteppich – nur eine Generation weiter.

Zuletzt aktualisiert am 06.03.2026