Rückblick: Als Wikipedia 2019 gegen Upload-Filter protestierte

von | 20.03.2019 | Internet

Das Jahr 2019 war geprägt von hitzigen Debatten über die EU-Urheberrechtsreform. Jede Woche gingen Menschen auf die Straße und demonstrierten gegen Artikel 11 und 13 – heute bekannt als Artikel 15 und 17 der DSM-Richtlinie. Auch Wikipedia demonstrierte damals auf seine Weise: mit einem 24-stündigen Blackout.

Am 21. März 2019 ging die deutschsprachige Wikipedia-Seite für 24 Stunden offline. 35 Millionen Anfragen liefen ins Leere – so viele Pageviews erreicht Wikipedia Deutschland an einem normalen Werktag. Suchmaschinen konnten keine Wikipedia-Ergebnisse präsentieren. Das Online-Wissen war weg.

Was ist aus den Befürchtungen geworden?

Seit der Umsetzung der Richtlinie 2021 zeigt sich: Einige Sorgen waren berechtigt, andere erwiesen sich als übertrieben. Wikipedia selbst blieb weitgehend verschont – als nicht-kommerzielle Enzyklopädie genießt sie Schutz vor den schärfsten Bestimmungen. Dennoch hat sich die Landschaft verändert.

Das Leistungsschutzrecht (Artikel 15) führte zu komplexen Verhandlungen zwischen Verlagen und Plattformen. Google News stellte zeitweise den Dienst in mehreren EU-Ländern ein, kehrte aber nach Lizenzvereinbarungen zurück. Kleinere Nachrichtenaggregator-Dienste verschwanden hingegen vom Markt.

Upload-Filter (Artikel 17) wurden zur Realität auf großen Plattformen. YouTube, Facebook und andere investierten Millionen in Content-ID-Systeme. Das führte zu dem, was Kritiker „Overblocking“ nennen: Legitime Inhalte werden fälschlicherweise blockiert.

Die digitale Landschaft nach der Reform

Fünf Jahre später zeigt sich ein gemischtes Bild. Große Tech-Konzerne haben sich angepasst – sie hatten die Ressourcen dafür. Kleinere Plattformen und Start-ups kämpfen hingegen mit den Compliance-Kosten. Viele innovative Dienste entstehen heute eher außerhalb der EU.

Wikipedia profitierte paradoxerweise sogar von der Reform. Als vertrauensvolle, werbefreie Quelle gewann sie an Bedeutung, während andere Informationsquellen unter regulatorischen Einschränkungen leiden. Die Seitenaufrufe stiegen kontinuierlich – 2024 erreichte die deutsche Wikipedia über 50 Millionen tägliche Zugriffe.

Doch neue Herausforderungen entstanden: KI-generierte Inhalte bedrohen die Qualität der Enzyklopädie. Deepfakes und AI-Texte erfordern neue Verifikationsverfahren. Wikipedia entwickelte eigene KI-Tools zur Erkennung automatisch generierter Artikel und Bilder.

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Neue Regulierungsrunden am Horizont

Die EU arbeitet bereits an weiteren Regulierungen. Der Digital Services Act und der AI Act bringen neue Verpflichtungen. Wikipedia muss sich als große Plattform (über 45 Millionen monatliche Nutzer in der EU) nun an strengere Transparenzregeln halten.

Gleichzeitig entstehen neue Bedrohungen: Staatliche Zensur nimmt zu, Desinformationskampagnen werden raffinierter. Autoritäre Regierungen blockieren Wikipedia in ihren Ländern oder versuchen, Inhalte zu manipulieren.

Lehren aus dem Wikipedia-Protest

Der Blackout von 2019 war mehr als symbolischer Protest – er zeigte, wie verwundbar unsere digitale Infrastruktur ist. Wikipedia bewies damals, dass auch nicht-kommerzielle Akteure eine starke Stimme haben können.

Heute kämpft Wikipedia andere Schlachten: gegen KI-Plagiate, Hassrede und staatliche Zensur. Die Herausforderungen haben sich gewandelt, aber das Grundprinzip bleibt: Freies Wissen braucht Schutz vor übermäßiger Regulierung und kommerziellen Interessen.

Die Ironie der Geschichte: Während 2019 viele um Wikipedias Überleben fürchteten, ist die Plattform heute stärker denn je. Sie profitierte vom Vertrauensverlust in soziale Medien und dem wachsenden Bedürfnis nach verlässlichen Informationen.

Trotzdem bleibt die Lehre relevant: Wenn Wikipedia – eine der nützlichsten und unkommerziellsten Plattformen im Internet – Alarm schlägt, sollten wir zuhören. Denn oft geht es um mehr als einzelne Gesetze – es geht um die Zukunft des freien Internets.

Zuletzt aktualisiert am 05.03.2026