Digitalisierung: Nur Bequemlichkeit – oder Menschheitsgewinn?

von | 29.01.2020 | Digital

Die Digitalisierung scheint nicht mehr aufzuhalten. Sie dringt in praktisch alle Bereiche unseres Lebens vor und ein. Per Smartphone. Per Smarthome. Cloud. 6G. KI-Assistenten. Ohne Digitalisierung scheint nichts mehr zu gehen. Und vieles scheint wirklich einfacher, bequemer, transparenter, demokratischer zu werden durch die Digitalisierung. Aber es gibt auch einige Schattenseiten.

Digitalisierung first, Bedenken second.“ Ein Wahlspruch aus einem vergangenen Bundestagswahlkampf.

Ein Spruch, der fast so zweischneidig ist wie die Digitalisierung und Vernetzung selbst. Der Begriff „Digitalisierung“ ist offensichtlich populär genug, um auf einem Wahlplakat zu stehen. Aber „Bedenken second“ ist aus meiner Sicht alles andere als klug, dumm ist es. „Digital first, Bedenken second“ heißt nichts anderes als: Erst mal machen – und später nachdenken. Wenn überhaupt.

Digitalisierung lässt sich nicht ignorieren

Das können wir heute nicht mehr tun. Denn Digitalisierung dringt in jede Ritze unseres Lebens. Ob wir es wollen oder nicht. Bitte nicht falsch verstehen, die Digitalisierung und Vernetzung hat die Welt verändert und oft zum Positiven. Wir erfahren in Sekunden, wie es Verwandten auf der anderen Seite der Welt geht. Kleinbauern in Entwicklungsländern können auf ihrem Smartphone die Weltmarktpreise für Kaffee vergleichen, um nicht betrogen zu werden und fast jede Frage, die wir haben beantwortet das Netz sofort.

GenAI-Tools wie ChatGPT, Claude oder Gemini helfen uns dabei, komplexe Probleme zu lösen, Texte zu verfassen oder Code zu schreiben. Augmented Reality zeigt uns Informationen direkt in der realen Welt ein. Quantencomputer versprechen Durchbrüche in der Medizin und Materialforschung. Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos.

Auf der anderen Seite nervt die ständige Vernetzung auch unglaublich, immer online, immer eine Datenspur hinterlassend, immer gläserner. Die Digitalisierung hat strahlende Licht und düstere Schattenseiten – Klar, wir entscheiden selbst, ob wir ein Smartphone haben wollen und wie wir es nutzen. Aber allzu oft bleibt uns kaum eine Wahl. Zum Beispiel, ob wir WhatsApp benutzen wollen. Wenn nicht, bleiben Eltern von Kindern außen vor beim Klassen-Chat oder bekommen keine Infos aus dem Sportverein. Digitalisierung ist also quasi ein Muss geworden.

Sehenswürdigkeit im Display

Abhängigkeiten nehmen dramatisch zu

Es gibt wirklich viele Beispiele, die mir einfallen, wo Digitalisierung das eigene Leben bequemer zu machen scheint. Ich kann online einkaufen, von unterwegs im Smarthome die Temperatur im Wohnzimmer für meine Ankunft hochstellen. Auf Fingertipp ein Taxi bestellen. Die Rechnung landet im Gerät. Bezahlt wird mit einem digitalen Zahlungssystem. Wie praktisch.

Heute kommen noch viel mehr Abhängigkeiten dazu: Wer kein Smartphone hat, kann in vielen Restaurants nicht mehr bestellen – QR-Codes führen zur digitalen Speisekarte. Parkscheine gibt es oft nur noch per App. Selbst Behördengänge laufen zunehmend digital ab. In Schweden ist Bargeld praktisch verschwunden, ohne Smartphone kommt ihr dort nicht weit.

Aber die Abhängigkeiten nehmen zu. Was, wenn das Smartphone weg ist – oder kaputt? Wie öffne ich das Garagentor, wenn alles elektronisch und digital funktioniert? Was ist, wenn mal der Internetzugang ausfällt, oder der Strom? Ganz zu schweigen davon, dass alles, was vernetzt ist, auch angreifbar ist. Und schon öffnet der Hacker die Haustür, nicht jemand aus der Familie.

KI verändert alles – zum Guten und Schlechten

Auch die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ ist keineswegs nur ein Segen. Klar, sie kann helfen Energie zu sparen, den Verkehr richtig zu lenken oder Krankheiten zu heilen. Generative KI macht uns kreativer und produktiver. Machine Learning optimiert Lieferketten und reduziert Verschwendung.

Sie ist aber auch das Lieblingsinstrument für Herrscher jeder Art, egal ob sie im Silicon Valley sitzen oder auf irgendeinem Regierungsstuhl. Nie war Totalüberwachung so einfach wie heute. Gesichtserkennung funktioniert in Echtzeit, Verhalten lässt sich präzise vorhersagen, Deepfakes machen es schwer, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden.

Dazu kommt: KI-Systeme treffen bereits heute Entscheidungen über Kredite, Jobchancen oder Strafmaß. Oft undurchsichtig und manchmal diskriminierend. Wenn Algorithmen bestimmen, wen wir auf Dating-Apps sehen oder welche Nachrichten in unserer Timeline landen, prägen sie unsere Realität.

Nachhaltigkeit als neues Dilemma

Ein weiteres Problem: der ökologische Fußabdruck. Rechenzentren verbrauchen mittlerweile mehr Strom als ganze Länder. Das Training großer KI-Modelle produziert so viel CO2 wie hunderte Flugreisen. Jedes Smartphone braucht seltene Erden, oft unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut.

Paradox: Dieselbe Technologie, die uns beim Klimaschutz helfen könnte, heizt die Klimakrise mit an. Smart Grids können erneuerbare Energien besser verteilen, aber Bitcoin Mining frisst ungeheure Strommengen.

Was bedeutet das für uns?

Wir – und das heißt Politik, Gesellschaft, jeder einzelne von uns – wir sollten lernen, Digitalisierung besser zu begreifen, wo sie Probleme löst und wo sie Probleme schafft. Wir brauchen digitale Souveränität statt blinder Technik-Hörigkeit.

Das heißt: Bewusst entscheiden, welche Tools wir nutzen. Datenschutz ernst nehmen. Alternative Plattformen unterstützen. Open Source bevorzugen. Und vor allem: Die Debatte führen, bevor die Weichen gestellt sind, nicht erst danach.

Denn eins ist klar: Digitalisierung wird weitergehen, ob mit oder ohne uns. Die Frage ist nur, ob wir sie gestalten oder uns von ihr gestalten lassen.

Zuletzt aktualisiert am 02.03.2026