Grimme Online Award 2025: KI-Tools und interaktive Formate dominieren

von | 18.06.2021 | Internet

Der Grimme Online Award 2025 zeigt: Deutschsprachige Creator erobern mit KI-Tools, interaktiven Formaten und innovativen Streaming-Ansätzen das Netz. Von YouTube bis LinkedIn – die Gewinner beweisen, dass Content-Qualität wichtiger ist als das Budget. Doch thematisch bleibt noch Luft nach oben.

Einmal im Jahr zeichnet das Grimme-Institut die besten deutschsprachigen Online-Angebote mit dem „Grimme Online Award“ aus. 2025 war ein besonderes Jahr: Erstmals dominierten KI-unterstützte Produktionen und plattformübergreifende Formate die Gewinnerliste.

TikTok Angebot

KI-Tools revolutionieren Content-Produktion

Ein Highlight war der Gewinner in der Kategorie „Innovation“: Das YouTube-Format „WissenschaftAI“ von Dr. Lisa Chen nutzt KI-generierte Visualisierungen, um komplexe physikalische Phänomene in Echtzeit zu erklären. Was früher wochenlange Animation erforderte, erstellt Chen jetzt live während ihrer Streams mit Tools wie Runway ML und Claude.

Besonders beeindruckend: Sie macht den KI-Einsatz transparent und erklärt ihren 400.000 Abonnenten, welche Tools sie wofür verwendet. „KI ersetzt nicht die Expertise, sie verstärkt sie“, so Chen in ihrer Dankesrede.

Der Trend zeigt sich auch bei anderen Gewinnern: Podcasterin Maria Hofmann verwendet KI für automatische Transkriptionen und mehrsprachige Untertitel, während der Gaming-Streamer „TechPhil“ KI-Chatbots als interaktive Co-Moderatoren einsetzt.

LinkedIn wird zur Content-Bühne

Überraschend: Erstmals wurde ein LinkedIn-Format ausgezeichnet. „Tech-Talk am Dienstag“ von Digitalexperte Andreas Weber erreicht wöchentlich über 50.000 Professionals mit fundierten Analysen zu KI, Cybersecurity und Digital Transformation.

Was als spontane LinkedIn-Live-Sessions begann, entwickelte sich zu einem der einflussreichsten deutschsprachigen B2B-Formate. Weber kombiniert geschickt LinkedIn Articles, kurze Video-Posts und interaktive Polls zu einem kohärenten Content-Ökosystem.

„LinkedIn ist nicht mehr nur Karriere-Netzwerk, sondern vollwertige Content-Plattform“, begründete die Jury ihre Entscheidung. Besonders gewürdigt wurde Webers Fähigkeit, komplexe Tech-Themen für Entscheider verständlich aufzubereiten.

Podcast "Ein Jahr danach"

Podcast „Ein Jahr danach“

Interaktive Formate auf dem Vormarsch

Der Publikumspreis ging an „Climate Choice“, eine interaktive Web-Dokumentation über Klimawandel-Folgen. Nutzer können durch verschiedene Zukunftsszenarien navigieren und ihre eigenen Entscheidungen treffen – mit direkten Auswirkungen auf die Story.

Entwickelt wurde das Format von einem vierköpfigen Team aus Hamburg, das WebGL-Technologie mit klassischem Storytelling verbindet. „Wir wollten zeigen, dass komplexe Themen nicht langweilig sein müssen“, erklärt Lead-Developerin Sarah Klein.

Ähnlich innovativ: Der Podcast „Zeit-Reise“, der Augmented Reality nutzt. Hörer können per App historische Dokumente und 3D-Modelle während der Audio-Story betrachten. Ein aufwendiges Projekt des BR, das neue Maßstäbe für immersive Audio-Erlebnisse setzt.

Creator Economy wird professioneller

Auffällig bei den 2025er Gewinnern: Viele „kleine“ Creator arbeiten inzwischen mit professionellen Teams. YouTube-Kanäle haben eigene Redaktionen, Podcaster nutzen Produktionsfirmen, TikTok-Stars kooperieren mit Agenturen.

„Die Zeiten des Ein-Person-Betriebs sind vorbei“, analysiert Grimme-Direktor Dr. Frauke Gerlach. „Successful Content braucht heute Strategie, Planung und oft auch technische Expertise.“

Bestes Beispiel: Der Gaming-Channel „PixelPro“ beschäftigt acht Vollzeit-Mitarbeiter für Schnitt, Animation, Community Management und Business Development. Gründer Tom Richter startete 2019 allein in seinem WG-Zimmer.

Schulleiter aus Dulsberg Late Nite

Streaming-Plattformen kämpfen um Creator

Erstmals waren 2025 auch Formate von Streaming-Diensten wie Twitch, YouTube Premium und sogar Spotify vertreten. Die Plattformen investieren massiv in exklusive Inhalte und locken etablierte Creator mit lukrativen Deals.

Der prämierte Twitch-Stream „Code & Coffee“ von Programmiererin Julia Stein zeigt live Software-Entwicklung und erklärt dabei komplexe Coding-Konzepte. Mit durchschnittlich 8.000 gleichzeitigen Zuschauern beweist sie: Bildung kann Entertainment sein.

Spannend auch: Netflix Deutschland experimentiert mit interaktiven Dokus, bei denen Zuschauer den Verlauf beeinflussen können. Das ausgezeichnete Format „Deine Stadt, deine Entscheidung“ lässt Nutzer Stadtplanungsprozesse mitgestalten.

Thematische Vielfalt ausbaufähig

Trotz der Format-Innovation fällt auf: Thematisch dominieren nach wie vor gesellschaftspolitische Inhalte. Rassismus, Diskriminierung und historische Aufarbeitung sind wichtige Themen – aber längst nicht die einzigen relevanten.

Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft oder Sport sind unterrepräsentiert. Kein einziges Format zu Künstlicher Intelligenz, Kryptowährungen oder Nachhaltigkeit wurde ausgezeichnet. Dabei bewegen diese Themen Millionen Menschen.

„Die Jury sollte mutiger werden“, kritisiert Medienexpertin Prof. Anna Grüter. „Online-Formate haben das Potenzial, alle Lebensbereiche abzudecken – nicht nur die gesellschaftlich ‚erwünschten‘ Themen.“

Ausblick: Was 2026 wichtig wird

Für den kommenden Grimme Online Award zeichnen sich bereits Trends ab: Virtual Reality-Formate werden massentauglich, KI-generierte Avatare moderieren Shows, und Cross-Platform-Strategien werden Standard.

Besonders spannend: Die ersten vollständig KI-produzierten Formate entstehen bereits. Ob diese je einen Grimme Award gewinnen können – oder sollten – wird eine der zentralen Fragen der nächsten Jahre.

Eines ist sicher: Der deutsche Online-Content wird erwachsener, professioneller und technisch ausgereifter. Das zeigen die diesjährigen Gewinner eindrucksvoll.

Zuletzt aktualisiert am 25.02.2026