Der Chaos Communication Congress (C3) bleibt ein unverzichtbares Forum für digitale Zukunftsdebatten. Was dort diskutiert wird, zeigt oft Jahre später gesellschaftliche Relevanz – wie die aktuellen KI-Debatten und Staatstrojanerthemen beweisen.
Ende Dezember findet traditionell der Chaos Communication Congress des Chaos Computer Club (CCC) statt. Nach den Corona-Jahren kehrt der 38C3 wieder in die Hamburger Messehallen zurück – mit hybriden Formaten für maximale Reichweite.
Auf der Veranstaltung analysieren technisch versierte Menschen kritisch digitale Entwicklungen und decken Schwachstellen auf, bevor sie zum gesellschaftlichen Problem werden. Die Themen von heute sind oft die Schlagzeilen von morgen.
KI-Überwachung: Das neue Social Scoring
Während das chinesische Social Scoring System inzwischen technisch ausgereift ist, entstehen auch in westlichen Demokratien bedenkliche Überwachungsstrukturen. KI-basierte Gesichtserkennung, automatisierte Verhaltensbewertung und algorithmic bias werden 2026 intensiv diskutiert.
Das chinesische System hat sich dabei weiterentwickelt: Mittlerweile nutzt es fortschrittliche KI-Algorithmen und kann sogar Emotionen und „verdächtige“ Verhaltensmuster in Echtzeit analysieren. Die ursprüngliche Befürchtung der rückwirkenden Regeländerung hat sich bestätigt – das System passt kontinuierlich seine Bewertungskriterien an.
Besonders alarmierend: Ähnliche Technologien finden bereits in europäischen Städten Anwendung. Smart City Projekte sammeln massiv Daten, und die Grenzen zwischen Komfort und Überwachung verschwimmen zunehmend.

Von Luca-App zu digitalen Identitäten
Die Corona-Apps sind Geschichte, aber ihre Lehren bleiben relevant. Die Luca-App ist längst eingestellt, doch die dahinter stehenden Fragen zu digitaler Identität, Datenschutz und staatlicher Digitalstrategie sind aktueller denn je.
2026 stehen wir vor neuen Herausforderungen: Die EU-Digital-Identity-Wallets kommen, KI-generierte Deepfakes bedrohen die Authentizität, und Quantencomputing stellt bisherige Verschlüsselungsverfahren infrage. Diese Themen prägen die aktuellen Congress-Debatten.
Die Lessons Learned aus der Pandemie-Software zeigen: Schnell entwickelte staatliche IT-Projekte sind oft mangelhaft konzipiert und werden teuer nachgebessert. Ein Muster, das sich bei der Digitalisierung der Verwaltung fortsetzt.
Sicherheitsexpertin Lilith Wittmann setzt sich für mehr OpenData ein
OpenData vs. Staatsgeheimnisse
Der Umgang mit Sicherheitsforschern hat sich kaum verbessert. Noch immer reagieren Behörden auf entdeckte Schwachstellen eher mit Anzeigen als mit Dankbarkeit. Lilith Wittmann und andere Aktivisten kämpfen weiter für mehr Transparenz – nun verstärkt im Bereich KI-Algorithmen der öffentlichen Hand.
Das Portal bund.dev hat sich etabliert und dokumentiert mittlerweile über 500 APIs von Behörden. Trotzdem fehlt eine systematische OpenData-Strategie. Während Estland oder Dänemark digital vorangehen, hinkt Deutschland weiter hinterher.
Besonders problematisch: Bei KI-Anwendungen der Verwaltung fehlt oft jede Transparenz. Welche Algorithmen entscheiden über Sozialleistungen oder Steuerbescheide? Die Blackbox-Mentalität deutscher Behörden wird in der KI-Ära zum echten Demokratieproblem.
Quantencomputing und Post-Quantum-Kryptografie
Ein brandaktuelles Thema auf dem Congress 2025/26: Die Post-Quantum-Kryptografie wird real. Nachdem Google und IBM bedeutende Fortschritte bei Quantencomputern gemacht haben, müssen alle Verschlüsselungsverfahren erneuert werden.
Für Unternehmen und Behörden bedeutet das: Massive Investitionen in neue Sicherheitstechnologien stehen an. Wer jetzt nicht plant, steht bald mit nackten Daten da. Der CCC fordert eine nationale Taskforce für den Quantenübergang.
KI-Regulierung: Europa als Vorreiter?
Der EU AI Act ist seit 2024 in Kraft, aber seine praktische Umsetzung wirft Fragen auf. Wie lässt sich KI-Compliance tatsächlich durchsetzen? Welche Auswirkungen hat das auf Innovation und Wettbewerbsfähigkeit?
Congress-Diskussionen zeigen: Die Balance zwischen Regulierung und Innovation ist schwer zu finden. Während China und die USA bei KI-Entwicklung voranpreschen, droht Europa zwischen Überregulierung und technologischem Rückstand eingeklemmt zu werden.
Digitale Souveränität vs. Tech-Abhängigkeit
Covid, Ukraine-Krieg und Handelskonflikte haben gezeigt: Technologische Abhängigkeiten sind Sicherheitsrisiken. Der Congress diskutiert intensiv über europäische Cloud-Infrastrukturen, eigene Chip-Produktion und digitale Souveränität.
Projekte wie GAIA-X kämpfen weiter um Relevanz, während amerikanische und chinesische Tech-Konzerne ihre Marktmacht ausbauen. Die Frage bleibt: Kann Europa noch technologisch aufholen oder bleibt es dauerhaft abhängig?
Der Chaos Communication Congress liefert auch 2026 wieder wichtige Impulse für diese Debatten. Seine Relevanz als digitalpolitisches Frühwarnsystem ist ungebrochen – vielleicht wichtiger denn je.
Zuletzt aktualisiert am 22.02.2026