Abschied von X: Warum Politiker die Plattform verlassen

von | 14.09.2022 | Social Networks

Was damals noch ungewöhnlich war, ist heute Realität: Immer mehr Politiker und Prominente verabschieden sich von X (ehemals Twitter) oder reduzieren ihre Präsenz drastisch. Kevin Kühnerts Schritt von 2022 war ein Vorbote für eine Entwicklung, die das gesamte Social-Media-Ökosystem verändert hat.

370.000 Follower zählte das Twitter-Profil von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, als er 2022 seinen Account deaktivierte. Für einen deutschen Account eine beachtliche Reichweite, schließlich war Kühnert kein Entertainer. „Das scheint gerade für meine politische Arbeit nicht das richtige Medium zum Senden und Empfangen zu sein“, begründete er damals seinen Rückzug.

Heute, vier Jahre später, wirkt diese Entscheidung prophetisch. Was als Einzelfall begann, hat sich zu einem Trend entwickelt, der das gesamte Social-Media-Verhalten von Politikern und Medienschaffenden verändert hat.

370.000 Follower sehen auf Kevin Kühnerts Twitter Account aktuell - gar nichts

370.000 Follower sehen auf Kevin Kühnerts Twitter Account aktuell – gar nichts

Von Twitter-Zwang zur Platform-Diversifizierung

Spätestens seit Donald Trumps Twitter-Präsidentschaft galt ein Account auf der Plattform als unverzichtbar für Politiker. Doch seit Elon Musks Übernahme 2022 und der Umbenennung zu X hat sich das Blatt gewendet. Viele Politiker sind zu Threads, Bluesky oder Mastodon gewechselt – oder nutzen verstärkt LinkedIn und ihre eigenen Websites.

Die Gründe sind vielfältig: Der zunehmend toxische Diskurs, Algorithmus-Änderungen, die bestimmte politische Richtungen bevorzugen, und die Rückkehr gesperrter extremistischer Accounts haben das Klima auf X nachhaltig vergiftet. Was früher als lebendige Debattenkultur galt, ist oft zu einem Schlachtfeld verkommen.

KI-Bots und Desinformation im Jahr 2026

Das Bot-Problem, das 2022 noch Diskussionen anheizte, ist 2026 zur existenziellen Bedrohung geworden. Moderne KI-generierte Accounts sind kaum noch von echten Nutzern zu unterscheiden. Sie produzieren nicht nur Falschmeldungen, sondern beteiligen sich scheinbar authentisch an Diskussionen – bis sie koordiniert ihre Desinformationskampagnen starten.

Russische „Trollfabriken“ betreiben unzählige Bot-Accounts, aber auch andere staatliche und kommerzielle Akteure haben nachgezogen. Experten schätzen, dass mittlerweile über 40% der Accounts auf X automatisiert sind – eine Entwicklung, die ernsthafte politische Diskussionen praktisch unmöglich macht.

Trolle stören den Diskurs auf Twitter und anderswo

Trolle stören den Diskurs auf Twitter und anderswo

Die große Social-Media-Migration

Robert Habeck, der bereits 2019 den sozialen Netzwerken den Rücken kehrte, nutzt heute primär Threads und LinkedIn. Viele seiner Kollegen sind gefolgt. Die Bundesregierung setzt verstärkt auf eigene Kanäle und diversifizierte Kommunikation.

Die Alternative Threads von Meta konnte 2024 und 2025 massiv Nutzer gewinnen, während Bluesky zur bevorzugten Plattform für Journalisten und Intellektuelle wurde. X verlor allein in Deutschland über 2 Millionen aktive Nutzer – viele wanderten ab oder reduzierten ihre Aktivität drastisch.

Neue Kommunikationsstrategien

Politiker haben gelernt: Statt auf eine Plattform zu setzen, nutzen sie heute Multi-Channel-Strategien. Newsletter, Podcasts, LinkedIn-Articles und eigene Apps gewinnen an Bedeutung. Die direkte Kommunikation mit Bürgern erfolgt zunehmend über Plattformen, die weniger von Algorithmen und Bots dominiert werden.

Kevin Kühnerts damalige Kritik hat sich als hellsichtig erwiesen: „Die Art und Weise, wie dort Gesellschaft repräsentiert oder absolut gar nicht repräsentiert wird, führt zu Fehlschlüssen in politischen Entscheidungen.“ Diese Erkenntnis ist heute Common Sense.

X ist nicht Deutschland

Die Zahlen geben Kühnert recht: Während X in Deutschland nur noch etwa 4 Millionen aktive Nutzer hat (gegenüber 8 Millionen vor Musks Übernahme), nutzen 45 Millionen Menschen Instagram und 38 Millionen TikTok. Threads hat bereits 12 Millionen deutsche Nutzer erreicht.

Wer sich politisch informieren will, nutzt heute eine Mischung aus traditionellen Medien, YouTube, Podcasts und verschiedenen Social-Media-Plattformen. Die Zeit, in der eine einzige Plattform den politischen Diskurs dominierte, ist vorbei.

Die Zukunft der politischen Kommunikation

Die Entwicklung zeigt: Politiker sind nicht mehr auf einzelne Plattformen angewiesen. Authentische Kommunikation funktioniert heute über diversifizierte Kanäle besser als über die toxischen Echokammern von X. Kevin Kühnerts früher Ausstieg war kein Rückzug, sondern ein strategisch kluger Schachzug.

Die Lehre für 2026: Wer ernsthaft politisch kommunizieren will, braucht eine durchdachte Multi-Platform-Strategie – und sollte Plattformen meiden, auf denen Bots und Extremisten den Ton angeben. Die Demokratie braucht Räume für echte Debatten, nicht für algorithmisch verstärkte Empörung.

Kevin Kühnert war seiner Zeit voraus. Heute folgen ihm viele nach.

Zuletzt aktualisiert am 20.02.2026