Das nenne ich mal einen Medien-Coup: Joko und Klaas von Pro7 räumen iranischen Aktivistinnen nicht nur Sendezeit auf Pro7 ein, sondern „spenden“ auch ihre erfolgreichen Instagram-Accounts. Was bedeutet das eigentlich konkret? Und wie hat sich diese Form des digitalen Aktivismus seitdem entwickelt?
Joko Winterscheit und Klaas Heufer-Umlauf sind die Gute-Laune-Clowns bei Pro7. Immer gut drauf. Alles ist eine Pointe wert. Sie sind aber auch erfahrene Medienprofis. Sie wissen ganz genau, was sie tun. Knallharte Geschäftsleute.
Und deshalb dürfen wir beim damaligen Move Kalkül unterstellen – auch wenn die Aktion durchaus authentische Solidarität zeigte.
Der eine 1 Mio., der andere 1,2 Mio. Follower
2022 haben sie den Aktivistinnen und Aktivisten im Iran nicht nur viel Sendezeit geschenkt, sondern einen weiteren Kniff angewandt: Die beiden haben ihre Instagram-Accounts gespendet. Der eine (Joko) hat mittlerweile über 1,4 Mio. Follower, der andere (Klaas) knapp 1,2 Mio. Follower.
Das ist für deutsche Verhältnisse wirklich extrem viel. Mit so vielen Followern lässt sich eine Menge Geld verdienen – zwischen 5.000 und 15.000 Euro pro gesponserten Post sind bei dieser Reichweite durchaus realistisch. Die beiden Accounts zu spenden – und das auch noch „für immer“, wie die beiden Moderatoren betonten –, war also ein Commitment, das die beiden zum einen Reichweite kostete, aber auch ganz konkret Geld.
Deshalb war es ehrenwert, den Aktivistinnen aus Iran den Kanal auf Instagram zur Verfügung zu stellen. Ein starkes Sprachrohr. Auch wenn so etwas schon andere Prominente gemacht hatten. Die Idee war also nicht neu – aber die Umsetzung konsequent.
Instagram Accounts gespendet
Im Iran gibt es kein Instagram – aber Umwege
Wie viel es den Aktivistinnen am Ende allerdings brachte, über 1 Mio. Menschen in Deutschland zu erreichen, war damals fraglich. Wichtig wäre es ja gewesen, Menschen im Iran zu erreichen. Aber die waren nicht auf den Follower-Listen von Klaas und Winterscheit. Außerdem ist Instagram im Iran nach wie vor gesperrt.
Allerdings nutzen viele Iraner*innen VPNs und Proxy-Server, um Zensurmaßnahmen zu umgehen. Tools wie Tor, ProtonVPN oder sogar das Projekt Snowflake haben geholfen, die digitalen Mauern zu durchbrechen. 2024 und 2025 sind diese Technologien noch ausgereifter geworden – mit besserer Verschlüsselung und einfacherer Bedienung.
Was ist aus der Aktion geworden?
Rückblickend war die Aktion durchaus erfolgreich – wenn auch anders als ursprünglich gedacht. Die gespendeten Accounts generierten massive Aufmerksamkeit für die Proteste im Iran, auch international. Andere Prominente zogen nach, nicht nur in Deutschland. In den USA spendeten Celebrities wie Mark Ruffalo zeitweise ihre Accounts, in Großbritannien folgten mehrere Schauspieler*innen.
Der wahre Impact lag aber woanders: Die Aktion machte Menschen außerhalb des Iran bewusst, wie wichtig digitale Solidarität ist. Sie zeigte, dass Social Media mehr sein kann als Katzenvideos und Influencer-Marketing. Plattformen können zu Sprachrohren für die werden, die sonst nicht gehört werden.
Neue Formen des digitalen Aktivismus
Seit 2022 haben sich neue Formen des digitalen Aktivismus entwickelt. Thread-Spenden auf X (ehemals Twitter), temporäre Account-Übernahmen auf TikTok oder koordinierte Hashtag-Kampagnen sind alltäglich geworden. Sogar auf LinkedIn protestieren Menschen gegen Unterdrückung – eine Plattform, die früher nur für Jobsuche und Business-Networking genutzt wurde.
Besonders interessant: KI-Tools helfen heute dabei, Inhalte in verschiedene Sprachen zu übersetzen und kulturell anzupassen. Was 2022 noch manuell übersetzt werden musste, macht heute ChatGPT oder DeepL. Dadurch erreichen Protest-Botschaften viel schneller ein globales Publikum.
Das Geschäft mit der Aufmerksamkeit
Winterscheit und Heufer-Umlauf haben übrigens tatsächlich neue Accounts gemacht und ihre Follower-Zahlen schnell wieder aufgebaut – genau wie prognostiziert. Ihre Hauptaccounts blieben aber weiterhin den iranischen Aktivist*innen überlassen. Ein seltenes Beispiel dafür, dass Prominente bei ihrem Wort geblieben sind.
Das zeigt auch: Digitale Reichweite ist nicht nur Geld wert, sondern kann echten gesellschaftlichen Impact haben. Die Frage ist nur, wie wir sie einsetzen. Für oberflächliche Werbung oder für wichtige gesellschaftliche Anliegen?
Was wir daraus lernen können
Die Joko-und-Klaas-Aktion war ein wichtiger Präzedenzfall. Sie zeigte, dass digitale Solidarität funktioniert – wenn sie authentisch und nachhaltig umgesetzt wird. Gleichzeitig machte sie deutlich, wie schwierig es ist, Menschen in autoritären Systemen wirklich zu erreichen.
Heute, fast vier Jahre später, ist klar: Echte Veränderung braucht mehr als gespendete Social-Media-Accounts. Sie braucht technische Lösungen gegen Zensur, internationale Zusammenarbeit und vor allem: langfristiges Engagement. Nicht nur für die Dauer eines Medienhypes.
Dennoch bleibt die Aktion wichtig – als Symbol und als Beweis dafür, dass auch in unserer oberflächlichen Social-Media-Welt noch Platz für echte Solidarität ist.
Zuletzt aktualisiert am 20.02.2026