Die Situation im Iran eskaliert. Während Zehntausende gegen das Regime auf die Straße gehen, greift die Regierung zu ihrem bewährten Werkzeug der Unterdrückung: Sie schaltet das Internet ab. Doch die Menschen wehren sich – mit erstaunlicher Kreativität und der Hilfe der weltweiten Netzgemeinde.
Seit Ende Dezember 2025 erlebt der Iran die größten Proteste seit der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung von 2022. Ausgelöst durch den dramatischen Verfall der Währung und eine Inflation von über 42 Prozent, haben sich die wirtschaftlichen Proteste längst in einen Aufschrei gegen das gesamte System verwandelt. „Tod dem Diktator“ rufen die Menschen auf den Straßen von Teheran bis Isfahan.
Und wie reagiert das Regime? Genau so, wie es das seit Jahren tut: Es macht das Land digital unsichtbar.
Wenn ein Land vom Netz geht
Am 8. Januar 2026 war es wieder so weit. Um 22 Uhr Ortszeit brach die Internetverbindung im gesamten Land zusammen. Laut der Monitoring-Organisation NetBlocks fielen 99 Prozent des iranischen Internets aus. Nicht nur das Netz – auch Telefonleitungen wurden gekappt. Eine digitale und kommunikative Totalisolation.
Das Kalkül dahinter ist ebenso simpel wie grausam: Ohne Internet können sich Protestierende nicht koordinieren, keine Videos von Übergriffen der Sicherheitskräfte verbreiten, keine Hilfe rufen. Die Welt soll nicht sehen, was passiert. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International sprechen von mindestens 51 Toten seit Beginn der Proteste – die Dunkelziffer dürfte höher liegen.
Diese Taktik hat das Regime perfektioniert. Schon während der „Blutigen November“-Proteste 2019 schaltete es das Internet für sechs Tage ab. Hunderte Menschen wurden getötet, manche Berichte sprechen von bis zu 1.500 Opfern. Die Welt erfuhr davon erst mit tagelanger Verzögerung.
VPN: Das Katz-und-Maus-Spiel
Für viele Iraner ist ein VPN-Dienst (Virtual Private Network) die erste Verteidigungslinie gegen die Zensur. Die Technik ist eigentlich simpel: Der Datenverkehr wird durch einen verschlüsselten Tunnel zu einem Server im Ausland geleitet. Für die Zensoren sieht es dann so aus, als würde jemand aus Deutschland oder den USA surfen. Plötzlich sind gesperrte Seiten wie Instagram, WhatsApp oder unabhängige Nachrichtenportale wieder erreichbar.
Doch das Regime schläft nicht. Iranische Behörden blockieren systematisch bekannte VPN-Anbieter. Die Dienste wechseln ihre Server-Adressen, verstecken ihren Datenverkehr – und werden trotzdem immer wieder entdeckt und gesperrt. Ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel.
Das größere Problem: Wenn das Internet komplett abgeschaltet wird, hilft auch das beste VPN nichts mehr. Denn ohne Grundverbindung gibt es keinen Tunnel, den man nutzen könnte.
Starlink: Internet aus dem All
Hier kommt Elon Musks Satelliteninternet Starlink ins Spiel. Die Technologie umgeht die staatliche Infrastruktur vollständig. Die Daten gehen direkt ins All und zurück – funktioniert auch bei totalen Internet-Blackouts. Musk hat Starlink 2022 für den Iran freigeschaltet, sogar kostenlos.
Während des aktuellen Blackouts berichten einige Iraner tatsächlich über Starlink ins Ausland. Hotels, einzelne Privathäuser und Büros nutzen das System. Doch die Reichweite bleibt begrenzt.
Der Haken ist gewaltig: Die Empfangshardware kostet mehrere hundert Euro und muss ins Land geschmuggelt werden. Das ist nicht nur teuer, sondern lebensgefährlich. Die Revolutionsgarden durchsuchen systematisch Pakete und Gepäck. Wer mit Starlink-Equipment erwischt wird, riskiert jahrelange Haft.
Es gibt internationale Spendenaktionen, die genau diesen Schmuggel finanzieren. Mutige Menschen riskieren ihre Freiheit, um Satellitenempfänger in den Iran zu bringen. Tropfen auf den heißen Stein – aber manchmal entscheidend.
Übrigens: Die iranische Regierung hat angeblich eine gefälschte Starlink-App in Umlauf gebracht, um Bürger auszuspionieren. Selbst die Hoffnung wird zur Falle.
Snowflake: Jeder kann helfen
Und jetzt wird es richtig interessant. Denn es gibt eine Möglichkeit, wie du – ja, du, während du das hier liest – den Menschen im Iran konkret helfen kannst.
Das Projekt heißt Snowflake und ist Teil des Tor-Netzwerks. Die Idee ist genial einfach: Wenn du Snowflake in deinem Browser aktivierst, wird dein Computer zu einer kleinen Brücke ins freie Internet. Menschen in zensierten Ländern können sich über deinen Rechner mit dem Tor-Netzwerk verbinden und so die Sperren umgehen.
Das Besondere: Im Gegensatz zu klassischen Tor-Bridges sind Snowflake-Proxys kurzlebig und zahlreich. Aktuell sind etwa 100.000 freiwillige Proxys aktiv. Die Zensoren können einzelne IP-Adressen blockieren – aber nicht 100.000 auf einmal, die sich ständig ändern.
Die Einrichtung dauert keine Minute: Einfach die Snowflake-Erweiterung für Firefox, Chrome oder Safari installieren und aktivieren. Das grüne Schneeflocken-Symbol zeigt an, wenn jemand deine Verbindung nutzt. Du kannst deinen Browser ganz normal weiter benutzen – im Hintergrund hilfst du Menschen, die um ihr Recht auf Information kämpfen.
Laut einer Studie der USENIX Security Conference von 2024 sind die meisten Snowflake-Nutzer weltweit tatsächlich Iraner. Das System hat sich besonders während der Proteste 2022 bewährt und ist seitdem ein unverzichtbares Werkzeug des digitalen Widerstands.
Was wir daraus lernen
Die Situation im Iran zeigt, wie fragil digitale Freiheit ist – und wie wichtig dezentrale Technologien werden. Während Regierungen weltweit ihre Überwachungs- und Zensurkapazitäten ausbauen, entwickelt die digitale Zivilgesellschaft immer neue Werkzeuge des Widerstands.
VPN, Tor, Snowflake, Starlink – jede Technologie hat Stärken und Schwächen. Zusammen bilden sie ein Ökosystem der digitalen Resilienz. Und jede einzelne Schneeflocke in diesem Netzwerk macht einen Unterschied.
Die Menschen im Iran kämpfen nicht nur für sich selbst. Sie zeigen uns, was passiert, wenn Regierungen die Kontrolle über das Internet übernehmen. Und sie erinnern uns daran, dass Freiheit im digitalen Zeitalter keine Selbstverständlichkeit ist.
Jeden Tag aufs Neue.
Du willst helfen? Installiere die Snowflake-Browser-Erweiterung unter snowflake.torproject.org oder aktiviere Snowflake in der Orbot-App auf deinem Smartphone. Jede Verbindung zählt.