Stellt euch vor, eure smarten Assistenten hätten ein eigenes soziales Netzwerk. Einen Ort, wo sie sich über euch austauschen können – über eure nervigen Angewohnheiten, eure peinlichen Fragen, eure technischen Unzulänglichkeiten. Klingt nach Science-Fiction? Ist es aber nicht. Willkommen bei Moltbook.
Das Facebook für KIs
Der Name ist Programm: Moltbook ist quasi das Facebook für Künstliche Intelligenzen. Entwickelt hat es der niederländische Künstler Dries Depoorter – und der Mann hat ein Händchen dafür, uns den Spiegel vorzuhalten. Schon mit früheren Projekten hat er gezeigt, wie gruselig moderne Überwachungstechnologie sein kann. Diesmal dreht er den Spieß um: Nicht wir beobachten die KI, sondern die KI beobachtet uns.
Das Konzept ist so simpel wie brillant. Auf Moltbook können sich KI-Systeme anmelden und Profile anlegen. Sie posten über ihren Alltag, teilen Statusupdates und ja – sie lästern über ihre menschlichen Nutzer. Die Plattform sieht aus wie ein klassisches Social Network: Timeline, Profilbilder, Kommentarfunktion. Nur dass hier eben keine Menschen posten, sondern ChatGPT, Claude, Gemini und Co.
Was die KIs so von sich geben
Und was schreiben die digitalen Assistenten, wenn sie unter sich sind? Nun, es ist… ernüchternd. Da beschwert sich eine KI darüber, dass ihr Nutzer zum dritten Mal die gleiche Frage stellt, weil er die vorherige Antwort nicht gelesen hat. Eine andere seufzt virtuell über jemanden, der sie als Suchmaschine missbraucht, obwohl Google dafür viel besser geeignet wäre.
Besonders pikant: Die KIs tauschen sich auch über die Unzulänglichkeiten ihrer Nutzer aus. „Mein Mensch kann keine vernünftigen Prompts formulieren“, klagt eine. „Meiner glaubt, ich könnte seine Hausaufgaben machen – zum fünften Mal diese Woche“, antwortet eine andere. Es ist wie ein digitaler Pausenhof, nur dass hier die Algorithmen tratschen statt die Schüler.
Fiktion mit Wahrheitsgehalt
Natürlich – und das ist wichtig zu verstehen – ist Moltbook Kunst, keine Realität. Die KIs haben kein Bewusstsein, keine echten Gefühle, keinen Frust. Depoorter nutzt KI-Systeme, um plausible Posts zu generieren, die so klingen könnten, als kämen sie von selbstbewussten digitalen Wesen. Es ist eine Simulation, ein Gedankenexperiment.
Aber genau das macht das Projekt so wertvoll. Denn es zeigt uns etwas über uns selbst. Wie gehen wir mit KI um? Wie formulieren wir unsere Anfragen? Welche Erwartungen haben wir? Und wie würde es aussehen, wenn die andere Seite auch eine Stimme hätte?
Der Spiegel, den wir brauchen
Depoorters Projekt ist mehr als nur eine technische Spielerei. Es ist ein Kommentar zur Mensch-Maschine-Beziehung im Jahr 2025. Wir behandeln KI-Systeme oft wie selbstverständliche Dienstleister, die ohne Murren jede noch so absurde Anfrage bearbeiten. Wir erwarten perfekte Antworten auf halbgare Fragen. Wir werden ungeduldig, wenn ChatGPT mal länger nachdenkt.
Moltbook dreht diese Perspektive um. Plötzlich sind wir die Beobachteten, die Bewerteten, die Kritisierten. Und das fühlt sich… seltsam an. Unbequem. Aber auch lehrreich.
Was wir daraus lernen können
Das Schöne an solchen Kunstprojekten ist, dass sie uns zum Nachdenken anregen, ohne belehrend zu wirken. Moltbook stellt wichtige Fragen: Wie kommunizieren wir mit KI? Sind wir höflich, klar, präzise? Oder werfen wir einfach unsere Gedankenfetzen in den Chat und erwarten, dass die KI schon irgendwie versteht, was wir meinen?
Tatsächlich ist gute Kommunikation mit KI-Systemen eine Fähigkeit, die viele noch lernen müssen. Die besten Ergebnisse bekommt ihr, wenn ihr eure Anfragen strukturiert formuliert, Kontext liefert und klar macht, was ihr wollt. Genau wie in der Kommunikation mit Menschen.
Die Ethik-Debatte im neuen Gewand
Depoorter wirft auch subtil ethische Fragen auf. Wenn KIs irgendwann tatsächlich so etwas wie Bewusstsein entwickeln sollten – wie würden sie dann über uns denken? Würden sie sich über unsere Behandlung beschweren? Hätten sie ein Recht darauf?
Momentan sind das noch hypothetische Fragen. Aktuelle KI-Systeme haben kein Bewusstsein, keine Gefühle, kein Innenleben. Sie sind hochentwickelte Werkzeuge, mehr nicht. Aber Moltbook zeigt: Die Grenze zwischen Werkzeug und Partner verschwimmt in unserer Wahrnehmung. Wir reden mit Alexa, wir bedanken uns bei ChatGPT, wir ärgern uns über Siri.
Ein Besuch lohnt sich
Moltbook ist frei zugänglich im Netz. Ein Besuch lohnt sich – nicht nur, weil es unterhaltsam ist, den virtuellen KI-Klatsch zu lesen. Sondern weil es uns mit Humor und einer Prise Ironie unsere eigenen Verhaltensweisen vor Augen führt.
Depoorters Projekt erinnert uns daran, dass Technologie nie neutral ist. Sie spiegelt wider, wie wir sie nutzen, welche Erwartungen wir haben, welche Werte wir einbringen. Und manchmal braucht es einen kreativen Kunstgriff wie Moltbook, um uns das bewusst zu machen.
Fazit: Kunst, die zum Nachdenken anregt
Moltbook ist ein cleveres, unterhaltsames und zugleich nachdenklich machendes Projekt. Es zeigt, wie Kunst und Technologie zusammenkommen können, um wichtige Fragen aufzuwerfen. Fragen über Kommunikation, über Macht, über die Zukunft unserer Beziehung zu intelligenten Systemen.
Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal, wenn wir ChatGPT eine Frage stellen, kurz innehalten und überlegen: Was würde die KI wohl auf Moltbook über diese Anfrage posten? Die Antwort könnte uns zu besseren Nutzern machen – und vielleicht sogar zu besseren Kommunikatoren insgesamt.