Wenn du fotografierst oder filmst, hast du das Thema Speicherkarten vermutlich nie als besonders spannend empfunden. Man kauft eine, steckt sie rein, fertig. Doch damit könnte es bald vorbei sein: Sony hat am 27. März 2026 den Verkauf fast aller seiner SD- und CF-Express-Speicherkarten gestoppt. Keine Bestellungen mehr von Händlern, nichts mehr im eigenen Onlineshop. Einfach: Schluss.
KI frisst den Speichermarkt auf
Der Grund ist so simpel wie weitreichend: Es gibt nicht genug Speicherchips. Und zwar nicht, weil eine Fabrik abgebrannt wäre oder ein Containerschiff im Suezkanal feststeckt. Sondern weil die großen Tech-Konzerne – Google, Microsoft, Amazon, Meta – gerade im Rekordtempo KI-Rechenzentren aus dem Boden stampfen. Und diese Rechenzentren brauchen unfassbare Mengen an Speicher.
Die Chiphersteller Samsung, SK Hynix und Micron haben darauf reagiert, wie es die Logik des Marktes verlangt: Sie produzieren das, was am meisten Profit bringt. Und das ist nicht die SD-Karte für deine Kamera, sondern High-Bandwidth Memory (HBM) und Hochleistungs-SSDs für KI-Server. Die Fertigungslinien für normalen NAND-Flash-Speicher – den Baustein jeder Speicherkarte und Consumer-SSD – werden deshalb systematisch heruntergefahren.
Die Zahlen sind dramatisch: Im ersten Quartal 2026 sind die Vertragspreise für DRAM um bis zu 95 Prozent gestiegen, für NAND-Flash um 55 bis 60 Prozent – jeweils im Vergleich zum Vorquartal. Marktbeobachter sprechen von den stärksten Preissprüngen, die die Branche je gemessen hat. Und eine Entspannung? Ist nicht in Sicht. Analysten rechnen damit, dass die Krise bis mindestens Ende 2027 andauert, manche Prognosen reichen sogar bis 2030.
Nicht nur Fotografen betrifft es
Sony hat die betroffenen Produkte konkret benannt: CF-Express-Karten der Tough-Serie in Typ A (240 bis 1.920 GB) und Typ B (240 und 480 GB), dazu SDXC- und SDHC-Karten verschiedener Serien. Für Profifotografen und Filmschaffende ist das ein echtes Problem. Wer mit einer Sony A9 III bei 120 Bildern pro Sekunde im Raw-Format fotografiert, braucht schnelle CF-Express-Karten – da gibt es keine Alternative.
Aber die Speicherkrise trifft längst nicht nur die Fotowelt. In derselben Woche hat Sony auch die Preise für die PlayStation 5 um satte 100 Euro erhöht – die dritte Preiserhöhung seit dem Launch 2020. Die Digital Edition kostet jetzt 600 Euro statt ursprünglich 400 Euro, die PS5 Pro kommt auf 900 Euro. Offiziell begründet Sony den Schritt mit „anhaltendem Druck in der globalen Wirtschaftslage“. Tatsächlich sind es die explodierenden Kosten für GDDR6-Speicher und SSD-Bausteine, die jede Konsole deutlich teurer in der Produktion machen.
Der Welleneffekt hat gerade erst begonnen
Was wir gerade erleben, ist kein normaler Marktzyklus. Es ist eine strukturelle Verschiebung. Die Speicherhersteller verdienen mit KI-Speicher deutlich mehr als mit Standardprodukten – und investieren entsprechend. Neue Fabriken brauchen Jahre, bis sie in Serie produzieren. Der Phison-Chef rechnet damit, dass kleinere Hersteller von Elektronikgeräten 2026 vom Markt verschwinden könnten, weil sie schlicht keinen Speicher mehr bekommen. Er erwartet außerdem, dass die weltweite Smartphone-Produktion um 200 bis 250 Millionen Geräte pro Jahr sinkt – das wären bis zu 20 Prozent weniger.
Micron hat bereits seine Verbrauchermarke Crucial eingestellt, um die Kapazitäten komplett auf Großkunden und KI-Rechenzentren umzulenken. Die beliebte Sandisk Extreme Pro mit 128 GB hat sich seit Sommer 2025 im Preis verdoppelt. Und selbst Festplatten sind betroffen: Western Digital hat bestätigt, dass die gesamte HDD-Produktion für 2026 bereits ausverkauft ist.
Was du jetzt tun kannst
Falls du demnächst eine Speicherkarte brauchst: Kauf sie jetzt. Ernsthaft. Die Sony-Karten sind bei europäischen Händlern aktuell noch verfügbar und noch nicht dramatisch teurer geworden – aber das wird sich ändern, sobald die Lagerbestände schrumpfen. Dasselbe gilt für SSDs, RAM-Module und eigentlich jede Form von Speicher.
Falls du eine neue SSD für deinen PC oder dein Notebook geplant hast: Auch hier gilt, dass Warten keine gute Strategie ist. Die Zeiten, in denen Speicher von Quartal zu Quartal billiger wurde, sind vorerst vorbei.
Und wenn du dich fragst, warum dein nächstes Smartphone, dein nächster Laptop oder deine nächste Spielkonsole teurer wird als erwartet: Es liegt nicht an Gier der Hersteller. Es liegt daran, dass die KI-Industrie gerade den weltweiten Speichermarkt leerkauft – und alle anderen die Zeche zahlen.
Die Ironie dabei: Dieselbe KI, die dir im Alltag das Leben erleichtern soll, sorgt gerade dafür, dass die Hardware, auf der sie läuft, für alle anderen unbezahlbar wird.