BigBrotherAward 2019: Datenschutz-Sünder von damals sind heute noch relevanter

von | 09.06.2019 | Digital

Einmal im Jahr vergibt der Bielefelder Verein Digitalcourage den Big Brother Award. Ausgezeichnet werden Ideen, Konzepte oder konkrete Projekte, die den Datenschutz nicht ernst nehmen oder die Privatsphäre beeinträchtigen könnten. Die Preise in den verschiedenen Kategorien sollen zum Nachdenken anregen – und tun dies meistens auch. Ein Rückblick auf die Awards von 2019 zeigt: Viele damalige Probleme sind heute noch relevanter geworden.

Keine Frage: Um Datenschutz und Privatsphäre ist es auch 2026 nicht sonderlich gut bestellt. Die rasant zunehmende Vernetzung weltweit, verstärkt durch KI-Systeme und das Internet der Dinge, mag hier und da praktisch sein, führt aber auch zwingend zu einem maximalen Datenschutzproblem.

Digitalisierung an sich führt automatisch zu Datenschutzproblemen – zumindest, wenn man sich nicht intensiv mit der Frage beschäftigt, auf welche Weise die Datenschutzinteressen jedes einzelnen betroffen sein könnten.

Von Facebook-Pixeln zu KI-Tracking

Diesen Job macht die Jury der Big Brother Awards. 2019 zeichnete die mehrköpfige Jury unter anderem das Onlineangebot von ZEIT.de aus – wegen der Werbetracker auf der Webseite und vor allem wegen der implementierten Facebook-Pixel.

Das Facebook-Pixel ermöglichte dem Meta-Konzern ein lückenloses Tracking der Interessen und gelesenen Artikel. Damals setzten 83% aller deutschen Nachrichtenseiten das Facebook-Pixel ein – meist ohne transparente Information der Leser.

Heute ist die Lage paradox: Einerseits haben DSGVO und verschärfte Datenschutzgesetze das bewusste Tracking eingedämmt. Andererseits sammeln KI-Systeme und Algorithmen noch viel mehr Daten – oft auf subtilere Weise. Moderne Tracking-Methoden wie Fingerprinting, Cross-Device-Tracking und KI-basierte Verhaltensanalysen sind schwerer zu erkennen und zu blockieren.

Wenn Polizei-Software von der CIA stammt

Besonders brisant war 2019 die Auszeichnung von Peter Beuth, damals Innenminister von Hessen. Der Grund: Anschaffung und Einsatz einer Analyse-Software der CIA-nahen US-Firma Palantir, die dadurch Zugang zum höchst sensiblen Datennetz der hessischen Polizei erhielt.

Solche Public-Private-Partnerships im Sicherheitsbereich haben sich seitdem noch ausgeweitet. Heute nutzen Behörden in ganz Europa KI-Systeme für Gesichtserkennung, Verhaltensanalyse und Predictive Policing – oft von US-Konzernen entwickelt. Die Abhängigkeit von ausländischen Tech-Giganten im kritischen Infrastrukturbereichen ist heute größer denn je.

DNA-Daten als Goldgrube

Auch die Firma Ancestry wurde 2019 ausgezeichnet – weil sie Menschen mit Interesse an Familienforschung dazu verleitete, Speichelproben einzusenden. Ancestry verkaufte die Gendaten an die kommerzielle Pharmaforschung.

Dieses Geschäftsmodell boomt heute noch stärker. Unternehmen wie 23andMe, MyHeritage und AncestryDNA haben Millionen von DNA-Profilen gesammelt. Die genetischen Informationen fließen in Pharmaforschung, Versicherungsmodelle und sogar in polizeiliche Ermittlungen. Längst können Verwandte über DNA-Datenbanken identifiziert werden – auch wenn sie selbst nie einen Test gemacht haben.

KI hört mit – überall

2019 erhielt die Aachener Firma Precire einen Big Brother Award für ihre Sprachanalyse-Software. Precire wurde nicht nur zur Vorauswahl von Bewerbern eingesetzt, sondern auch für Emotionsanalyse von Menschen, die eine Hotline anriefen.

Solche Stimmanalysen sind heute Standard. Amazon, Google, Apple und Microsoft analysieren permanent unsere Gespräche mit Sprachassistenten. KI erkennt nicht nur Emotionen, sondern auch Gesundheitszustand, politische Einstellung und Kaufbereitschaft. Moderne Call-Center nutzen Echtzeit-Stimmungsanalyse, um Verkaufsstrategien anzupassen.

Was 2019 noch wie Science Fiction klang, ist heute Realität: Deepfake-Stimmen, Echtzeit-Übersetzung mit Stimmerkennung und KI-Systeme, die aus wenigen Sekunden Audio komplette Persönlichkeitsprofile erstellen.

Was hat sich seit 2019 verändert?

Die Big Brother Awards 2019 waren ein Weckruf – aber haben sie gewirkt? Teilweise ja. Die DSGVO zeigt Wirkung, Cookie-Banner sind Standard geworden, und viele Unternehmen gehen transparenter mit Datensammlung um.

Gleichzeitig sind neue Probleme entstanden: Generative KI wie ChatGPT, Claude oder Gemini verarbeiten täglich Milliarden persönlicher Gespräche. Smart-Home-Geräte lauschen permanent mit. Social Media Plattformen wie TikTok sammeln Daten in einem Ausmaß, das 2019 noch undenkbar war.

Der Kampf um digitale Privatsphäre ist heute komplexer geworden. Es geht nicht mehr nur um Werbetracking, sondern um fundamentale Fragen: Wem gehören unsere Gedanken, wenn wir mit KI sprechen? Wie viel Überwachung akzeptieren wir für Komfort und Sicherheit?

Die Big Brother Awards bleiben notwendiger denn je. Sie erinnern daran, dass technischer Fortschritt nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt bedeutet. Manchmal braucht es einen Preis für die größten Datensünder, um uns alle wachzurütteln.

Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026