Was sind sie denn jetzt: Ein neuer Kult, eine Modeerscheinung, Rettung unserer Innenstädte oder Hassobjekt für Fußgänger und Radfahrer? Die Rede ist natürlich von den eScootern, die mittlerweile in vielen großen Städten massenweise herumstehen und herumfahren. Sieben Jahre nach dem großen Hype sind sie fester Bestandteil der urbanen Mobilität geworden – doch viele Fragen bleiben: Entlasten die Geräte wirklich die Innenstädte? Sind sie nachhaltig? Was ist mit den Akkus? Und: Welche Daten fallen an? In unserem Cosmotech-Podcast sind Dennis Horn und ich diesen Fragen auf den Grund gegangen.
Ja, ich bin jetzt ein paar Mal eScooter gefahren. Und: Es macht sogar Spaß. Ist aber auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig, was das Fahren anbelangt – und das Ausleihen.
Jeder eScooter-Verleiher hat eine eigene App am Start. Da muss man sich registrieren – und jeder Leihvorgang geht über die App. Das bedeutet: Der Verleiher weiß ganz genau, wer hat wann und wo welchen eScooter ausgeliehen und ist wohin gefahren? Da kommen einige Bewegungsprofile zusammen. Sowohl generell von eScooter-Fahrern als auch individuell von jedem einzelnen, wenn er den Dienst regelmäßig nutzt.
Mittlerweile haben die großen Anbieter wie Tier, Lime und Voi ihre Marktposition gefestigt. Sie sammeln täglich Millionen von Datenpunkten: GPS-Koordinaten, Fahrtdauer, Geschwindigkeit, Routenwahl. Diese Daten sind Gold wert für Stadtplaner, Werbekunden und andere Interessenten.

Welche Daten fallen an?
Aber welche Daten können das schon sein: Ich bin von der Arbeit zur Salatbar gefahren?
Durchaus auch solche harmlosen Daten. Oder: Du fährst jeden Dienstag zum Therapeuten. Oder wer fährt neben Dir her? Wen triffst Du, der auch eScooter fährt? Das geht schon deutlich weiter, als man im ersten Moment denken mag.
Die DSGVO hat zwar für mehr Transparenz gesorgt, aber die Praxis zeigt: Viele Nutzer akzeptieren die Datenschutzbestimmungen, ohne sie zu lesen. Die Anbieter können so detaillierte Profile erstellen: Wann seid ihr unterwegs? Welche Strecken fahrt ihr? Wie oft nutzt ihr öffentliche Verkehrsmittel?
Besonders problematisch wird es, wenn Daten aus verschiedenen Quellen zusammengeführt werden – eScooter, Carsharing, ÖPNV-Apps, Navigationsdienste. Dann entstehen scharfe Bewegungsprofile, selbst wenn ihr im Smartphone das GPS-Tracking deaktiviert habt. KI-Systeme können aus diesen Daten Rückschlüsse auf euren Beruf, eure Gewohnheiten oder sogar eure politischen Einstellungen ziehen.

Aber nachhaltig sind sie schon – oder?
Die einen lieben eScooter, die anderen hassen sie, weil sie überall herumliegen und eScooter-Fahrer sich nicht an die Regeln halten. Nach sieben Jahren Praxiserfahrung lässt sich die Nachhaltigkeitsfrage differenzierter beantworten.
Die Lebensdauer der eScooter hat sich deutlich verbessert. Während die ersten Generationen nach 6-12 Monaten Schrott waren, halten moderne Geräte bei guter Wartung bis zu 3 Jahre. Anbieter wie Tier setzen inzwischen auf robustere Konstruktionen und bessere Wartungskonzepte.
Entscheidend ist aber nach wie vor: Was ersetzen die eScooter-Fahrten? Studien zeigen ein gemischtes Bild: Etwa 30% der Fahrten ersetzen tatsächlich Autofahrten, 40% ersetzen Fußwege oder ÖPNV-Nutzung, 30% sind zusätzliche Fahrten, die ohne eScooter gar nicht stattgefunden hätten.
Umweltfreundlich sind eScooter also nur dann, wenn sie Autoverkehr reduzieren. Dafür müssen sie intelligent in Gesamtverkehrskonzepte integriert werden. Einige Städte wie Paris oder Barcelona haben das bereits umgesetzt: eScooter als „letzte Meile“ zu U-Bahn-Stationen, Parkverbotszonen in der Innenstadt, Mengenbegrenzungen für Anbieter.
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Swappable Batteries und KI-gesteuerte Verteilung
Wie werden die Dinger eigentlich wieder aufgeladen? Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan.
Die meisten großen Anbieter setzen inzwischen auf austauschbare Akkus. Teams fahren mit Elektrofahrzeugen durch die Stadt und tauschen leere gegen volle Batterien aus. Das ist effizienter als das Einsammeln ganzer Geräte.
Das „Juicer“-System, bei dem Privatleute eScooter zum Aufladen mit nach Hause nehmen, nutzen heute nur noch wenige Anbieter. Zu unzuverlässig, zu wenig kontrollierbar.
Spannend ist die Entwicklung bei der Positionierung: KI-Algorithmen analysieren Nutzungsmuster und sagen voraus, wo eScooter benötigt werden. Morgens am Bahnhof, abends in den Ausgehvierteln. Das reduziert Leerfahrten und verbessert die Verfügbarkeit.
Viele Anbieter laden ihre Akkus inzwischen mit Ökostrom auf. Tier beispielsweise wirbt mit 100% erneuerbarer Energie. Aber auch hier gilt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Was bleibt nach sieben Jahren?
Der große Hype ist vorbei, eScooter sind Normalität geworden. In vielen Städten gehören sie inzwischen zum Stadtbild wie Busse oder Straßenbahnen. Die wilden Anfangsjahre mit Scootern auf Gehwegen und in Flüssen sind größtenteils Geschichte.
Städte haben gelernt, den Markt zu regulieren: Mengenbegrenzungen, Parkverbotszonen, Qualitätsstandards. Anbieter haben gelernt, nachhaltiger zu wirtschaften: robustere Geräte, bessere Wartung, intelligente Verteilung.
Die Datenschutzprobleme bleiben aber bestehen. Wer regelmäßig eScooter nutzt, sollte sich bewusst machen: Ihr bezahlt nicht nur mit Geld, sondern auch mit euren Bewegungsdaten. Das ist der Preis für die Bequemlichkeit.
Am Ende kommt es darauf an, wie eScooter in Gesamtverkehrskonzepte integriert werden. Als Ergänzung zum ÖPNV können sie durchaus sinnvoll sein. Als Ersatz fürs Zufußgehen eher nicht.
Zuletzt aktualisiert am 04.03.2026