Amazon zieht den Stecker. Nach nur sieben Jahren macht der Online-Gigant seine kassenlosen Mini-Supermärkte Amazon Go und die größeren Amazon Fresh Läden dicht. Alle 72 Standorte in den USA werden geschlossen. Das klingt zunächst nach einem spektakulären Scheitern – doch die Geschichte ist komplexer und lehrt uns einiges über die Grenzen von Hightech im Einzelhandel.
Wie alles begann: Die Vision vom Einkaufen ohne Kasse
Erinnert ihr euch noch? 2016 präsentierte Amazon das erste Amazon Go Geschäft in Seattle. Die Idee klang futuristisch: Du gehst in den Laden, nimmst dir, was du brauchst, und verlässt das Geschäft einfach wieder. Kameras an der Decke, Gewichtssensoren in den Regalen und jede Menge KI im Hintergrund erkennen, was du eingepackt hast. Die Rechnung kommt automatisch aufs Amazon-Konto. Keine Kassenschlangen, kein Warten – einfach reinmarschieren, nehmen, gehen. Amazon nannte das „Just Walk Out“.
2018 öffneten die ersten Filialen für die Öffentlichkeit. Die Technik-Welt war begeistert. Endlich schien der nervige Kassiervorgang Geschichte zu sein. Viele sahen darin die Zukunft des Einzelhandels. Andere Händler sprangen auf den Zug auf – weltweit wurden über 360 Standorte mit ähnlicher Technologie ausgestattet, von Krankenhaus-Cafeterias bis zu Eishockey-Arenen.

Die bittere Realität: Technik allein reicht nicht
Doch jetzt kommt das große Aber. Amazon gibt selbst zu: „Wir haben es nicht geschafft, ein wirklich unverwechselbares Kundenerlebnis mit dem richtigen Wirtschaftsmodell zu schaffen, das für eine großangelegte Expansion erforderlich ist.“ Übersetzt heißt das: Die Technik funktioniert zwar, aber sie rechnet sich nicht.
Und genau hier liegt der Knackpunkt. Die Infrastruktur für kassenlose Läden ist extrem aufwendig und teuer. Hunderte Kameras, unzählige Sensoren, massive Rechenleistung im Hintergrund – das alles kostet Unsummen. Branchenkenner hatten bereits früh gewarnt: Das Ganze funktioniert vielleicht für kleine Flächen, lässt sich aber kaum auf größere Supermärkte skalieren.
Dazu kommt ein grundsätzliches Problem: Menschen gehen nicht in einen Supermarkt, weil dort coole Technologie rumsteht. Sie gehen dorthin, weil das Sortiment stimmt, die Preise fair sind und der Laden gut erreichbar ist. Die kassenlose Bezahlfunktion mag ein nettes Extra sein – aber sie ist kein Grund, einen bestimmten Laden zu bevorzugen. Das gilt zumindest nach dem ersten Besuch aus reiner Neugierde.
Amazon setzt auf andere Pferde
Interessant ist, wohin Amazon jetzt seine Energie steckt. Der Konzern schließt zwar Amazon Go und Amazon Fresh, baut aber gleichzeitig seine Lebensmittellieferung massiv aus. Mittlerweile beliefert Amazon über 5000 US-Städte mit frischen Lebensmitteln, in 2300 Orten gibt’s die Bestellung sogar noch am selben Tag. Und das rechnet sich offenbar: Seit Januar 2025 ist der Umsatz in diesem Bereich um das 40-fache gestiegen.
Die Botschaft ist klar: Statt Kunden in teure Hightech-Läden zu locken, bringt Amazon die Lebensmittel lieber direkt zu den Menschen nach Hause. Das ist ein strategischer Schwenk, der durchaus Sinn ergibt. Online-Handel kann Amazon schließlich besser als jeder andere.
Die erfolgreichen Whole Foods Märkte, die Amazon 2017 für stolze 13,7 Milliarden Dollar gekauft hat, bleiben übrigens bestehen. Dort läuft’s rund: 40 Prozent Umsatzwachstum seit der Übernahme, über 550 Standorte. Einige der geschlossenen Amazon Go und Fresh Läden werden sogar zu Whole Foods umgebaut.
Die Technik stirbt nicht – sie wandert nur
Hier wird’s spannend: Amazon gibt die „Just Walk Out“-Technologie nicht auf. Die wandert einfach woanders hin – dorthin, wo sie wirklich Sinn macht. In Kantinen, Stadien, Krankenhäusern. Dort, wo schnell gehen muss und die Flächen überschaubar sind. In einer Krankenhaus-Cafeteria sank die Wartezeit dank der Technik von 25 auf 3 Minuten. Das ist ein echter Mehrwert.
Auch in über 40 Amazon-Logistikzentren nutzt der Konzern die Technologie für die Verpflegung seiner Mitarbeiter. Und Amazon bietet das System weiterhin anderen Händlern an. Die Technologie funktioniert also – sie passt nur nicht ins klassische Supermarkt-Modell.
Was wir daraus lernen können
Das Ende von Amazon Go zeigt einmal mehr: Nicht jede technische Innovation ist automatisch ein Erfolg. Technologie muss einen echten Mehrwert schaffen und sich wirtschaftlich rechnen. Amazon Go war ein faszinierendes Experiment, aber letztlich eine Lösung auf der Suche nach einem Problem.
Der kassenlose Einkauf ist grundsätzlich eine gute Idee – aber vielleicht war die Umsetzung mit Kamera-Overkill und Sensor-Batterie einfach zu komplex und zu teuer. Andere Ansätze, etwa Selbstscanner-Systeme wie in schwedischen Supermärkten seit über zehn Jahren, sind deutlich kostengünstiger und funktionieren ebenfalls gut.
Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich der kassenlose Einkauf weiterentwickelt. Sicher ist: Die nächste Generation dieser Technologie wird schlanker, günstiger und praxistauglicher sein müssen. Amazon hat mit Go vorgelegt – und gezeigt, wie man es vielleicht nicht machen sollte. Manchmal sind die teuersten Lektionen die lehrreichsten.
Bis dahin gilt: Wer keine Lust auf Kassenschlangen hat, kann sich die Lebensmittel einfach nach Hause liefern lassen. Das scheint tatsächlich die Zukunft zu sein – zumindest aus Amazons Sicht.