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Warum Facebook Watch für deutsche Verlage zum Fiasko wurde

von | 05.09.2019 | Digital

Meta und die großen Medienkonzerne kämpfen weiterhin um die Vormacht im digitalen Raum. Mit über 3 Milliarden aktiven Nutzern weltweit bleibt das Meta-Ökosystem für Verlage unverzichtbar – trotz aller Risiken. Die ursprünglichen Kooperationen bei Facebook Watch haben gezeigt, wie gefährlich diese Abhängigkeiten werden können. Ein Rückblick und Ausblick auf die aktuellen Entwicklungen.

Was 2019 als vielversprechende Partnerschaft zwischen Meta (damals noch Facebook) und europäischen Verlagshäusern wie Springer, Burda und Gruner+Jahr begann, ist heute ein Paradebeispiel für die Unberechenbarkeit der Tech-Giganten. Die damalige Kooperation bei Facebook Watch sollte beiden Seiten nutzen – doch die Realität sah anders aus.

Von Facebook Watch zu Meta’s Creator Economy

Die ursprünglichen Formate wie „Bild Daily“, „Welt News“ und „Focus Life Hacks“ auf Facebook Watch sind längst Geschichte oder haben sich stark gewandelt. Meta hat seine Video-Strategie grundlegend überarbeitet und setzt heute primär auf Reels, die TikTok Konkurrenz machen sollen. Facebook Watch als separarte Plattform spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Stattdessen konzentriert sich Meta auf seine „Creator Economy“ – ein Ökosystem, das Inhalte-Ersteller über verschiedene Plattformen hinweg monetarisieren soll. Instagram, Facebook, WhatsApp und das Metaverse sollen nahtlos ineinandergreifen. Für Verlage bedeutet das: Noch mehr Abhängigkeit von einem einzigen Konzern.

Die Werbeeinnahmen-Verteilung, die damals als Win-Win-Situation beworben wurde, entpuppte sich schnell als einseitiges Geschäft. Meta behielt die Kontrolle über Algorithmus, Reichweite und letztendlich auch über die Einnahmen. Viele der ursprünglichen Partner zogen sich zurück oder reduzierten ihr Engagement drastisch.

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TikTok verändert die Spielregeln

Der Aufstieg von TikTok hat die Machtverhältnisse im Social Media Bereich nachhaltig verändert. Plötzlich musste Meta reagieren statt zu agieren. Die Folge: Radikale Algorithmus-Änderungen, die traditionelle Medieninhalte benachteiligten. Kurze, unterhaltsame Videos wurden bevorzugt – ein Format, das etablierte Nachrichtenformate oft nicht bedienen können oder wollen.

Verlage, die auf Facebook Watch gesetzt hatten, mussten feststellen, dass ihre aufwendig produzierten Formate plötzlich kaum noch Reichweite erzielten. Der Algorithmus bevorzugte andere Inhalte, ohne Vorwarnung oder Erklärung. Ein klassisches Beispiel dafür, wie schnell sich die Spielregeln bei Tech-Plattformen ändern können.

Heute experimentieren die meisten Verlage mit TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts parallel – eine teure Mehrgleisigkeit, die aber notwendig ist, um nicht von einer Plattform abhängig zu sein.

Aktuelle Strategien der Verlage

Die deutschen Medienkonzerne haben aus den Facebook Watch Erfahrungen gelernt. Springer setzt verstärkt auf eigene digitale Plattformen und Newsletter. Burda investiert in E-Commerce und eigene Apps. Gruner+Jahr (heute Teil von RTL Deutschland) fokussiert sich auf crossmediale Inhalte.

Trotzdem können die Verlage nicht ganz auf Meta verzichten. Zu groß ist die Reichweite, zu wichtig der Traffic für die eigenen Websites. Die Strategie hat sich aber gewandelt: Statt exklusiver Inhalte für Meta-Plattformen setzen die meisten auf Teaser-Content, der User auf die eigenen Websites locken soll.

Die Newsletter-Renaissance zeigt dabei einen klaren Trend: Verlage wollen wieder direkten Kontakt zu ihren Lesern, ohne Algorithmus-Filter und ohne Abhängigkeit von Tech-Giganten. Paid Content und Abo-Modelle gewinnen an Bedeutung.

KI verändert das Spiel erneut

Mit ChatGPT, Gemini und anderen KI-Systemen steht die nächste Disruption bereits vor der Tür. Diese Tools können Nachrichten zusammenfassen, analysieren und sogar eigenständig Inhalte erstellen. Für Verlage bedeutet das eine weitere Bedrohung ihrer traditionellen Rolle als Informations-Gatekeeper.

Meta experimentiert bereits intensiv mit KI-generierten Inhalten und personalisierter Content-Erstellung. Die Frage ist: Braucht es dann überhaupt noch traditionelle Verlage auf den Plattformen? Oder können KI-Systeme die Inhalte gleich selbst erstellen?

Einige Verlage setzen daher bereits auf Kooperationen mit KI-Unternehmen, anstatt erneut in eine einseitige Abhängigkeit zu geraten. Lizenzdeals mit OpenAI oder Google sollen sicherstellen, dass journalistische Inhalte fair vergütet werden, wenn sie zum Training von KI-Modellen verwendet werden.

Lehren aus der Facebook Watch Ära

Die Geschichte von Facebook Watch und den deutschen Verlagen zeigt exemplarisch, warum Tech-Plattformen für Medienunternehmen so gefährlich sein können. Mark Zuckerbergs (heute Meta CEO) Versprechen erwiesen sich als kurzlebig. Was heute großzügig gefördert wird, kann morgen schon bedeutungslos sein.

Smart agieren heute die Verlage, die ihre Abhängigkeit diversifizieren. Multi-Channel-Strategien sind Standard geworden. Newsletter, Podcasts, eigene Apps und Communities sorgen für direkten Kundenkontakt. Social Media wird nur noch als Teaser-Kanal genutzt, nicht mehr als primäre Publikationsplattform.

Die Zukunft gehört wahrscheinlich den Medienunternehmen, die eine eigene, loyale Community aufbauen können – unabhängig von den Launen der Tech-Algorithmen.

Zuletzt aktualisiert am 03.03.2026

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