Die geheime Machtzentrale: Telegram

von | 10.08.2020 | Social Networks

Telegram hat sich längst zur digitalen Machtzentrale entwickelt: Verschlüsselte Kommunikation, schwer kontrollierbare Gruppen und quasi Meinungsfreiheit ohne Grenzen. Was Dissidenten schützt, nutzen auch Extremisten für ihre Zwecke.

So wie Macht lässt sich auch jedes Instrument oder Werkzeug gebrauchen und missbrauchen. Ob jeweils das eine oder das andere vorliegt, ob also Gebrauch oder Missbrauch, liegt allerdings oft im Auge des Betrachters. Zumindest beim Messenger-Dienst Telegram ist das so: Anfangs wurde Telegram gelobt, weil Dissidenten in Russland damit geschützt (weil abhörsicher und nicht öffentlich) ihre Regierung kritisieren können. Bei den Protesten in Belarus 2020 oder den Iran-Protesten 2022 und 2024 war Telegram ebenfalls das zentrale Kommunikationsmittel.

Warum Telegram zur Lieblings-Plattform von Extremisten wurde

Doch längst setzen auch bei uns extremistische Gruppen aller Couleur erfolgreich Telegram ein – um sich virtuell zu treffen und auszutauschen. Das alles vollkommen anonym, diskret und schwer nachverfolgbar. Denn bei Telegram ist die Kommunikation standardmäßig verschlüsselt. Weil die Kommunikation über den Messenger nicht öffentlich ist, sondern in geschlossenen Gruppen oder Kanälen abläuft, können Inhalte nicht so einfach gelöscht, gesperrt oder blockiert werden wie bei anderen Social Media Plattformen.

Das allein macht Telegram verständlicherweise schon beliebt bei allen, die sich von der Moderation auf anderen Plattformen eingeschränkt fühlen. Nach der Verhaftung des Telegram-Gründers Pavel Durov im August 2024 in Frankreich wurde die Diskussion um die Plattform noch intensiver geführt.

Von Corona-Leugnern zu Putin-Propagandisten

Während der Corona-Pandemie explodierten die Nutzerzahlen von Telegram geradezu. Querdenker, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker fanden hier ihr digitales Zuhause. Namen wie Attila Hildmann, der zeitweise über 100.000 Abonnenten hatte, oder Michael Wendler nutzten Telegram als ihre Hauptplattform für Verschwörungserzählungen.

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich Telegram zu einem zentralen Instrument der Desinformation entwickelt. Russische Propaganda-Kanäle erreichen hier Millionen deutschsprachige Nutzer. Gleichzeitig nutzen ukrainische Soldaten und Zivilisten die App zur Koordination und Information.

Geschlossene Gruppen – schwer kontrollierbare Räume

Wer wissen will, was in den geschlossenen Gruppen passiert, muss sich diesen anschließen. Aber weil es geschlossene Gruppen sind, gelten die Beiträge und Posts nicht als öffentlich. Sie lassen sich nicht einfach lesen, korrigieren oder einschränken – selbst wenn sie strafrechtlich relevant sein sollten.

Antisemitische Aussagen, Holocaust-Leugnung, Aufrufe zu Gewalt oder Terror-Propaganda – auf Telegram findet sich alles. Die Plattform löscht zwar mittlerweile mehr Inhalte als früher, aber längst nicht so konsequent wie andere soziale Netzwerke. Terrorgruppen wie der ISIS nutzten Telegram jahrelang ungestört für Rekrutierung und Propaganda.

Neue Herausforderungen durch KI und Deepfakes

Seit 2024 verschärft sich das Problem zusätzlich durch KI-generierte Inhalte. Deepfake-Videos von Politikern, KI-generierte Falschnachrichten und automatisiert erstellte Verschwörungstheorien verbreiten sich über Telegram besonders schnell. Die Plattform hat bisher kaum Maßnahmen gegen solche synthetischen Medien ergriffen.

Besonders problematisch: Telegram-Bots können mittlerweile automatisch Fake-News erstellen und verbreiten. So entstehen binnen Minuten nach realen Ereignissen bereits die ersten Verschwörungserzählungen, die sich viral verbreiten.

Behörden im Dilemma

Für Ermittler eine schwierige Situation. Wer mitbekommen möchte, was auf Telegram los ist, muss schon Mitglied in den Gruppen sein. In einige kommt man ganz leicht hinein – in andere nur per Empfehlung oder durch komplexe Einladungsverfahren. Das macht Telegram-Gruppen faktisch zu einem schwer kontrollierbaren Raum.

Nach Durovs Verhaftung kündigte Telegram zwar mehr Kooperation mit Behörden an, aber die grundsätzlichen Probleme bleiben bestehen. Deutsche Sicherheitsbehörden haben mittlerweile eigene Teams, die extremistische Telegram-Gruppen observieren.

Die Zukunft der ungezähmten Kommunikation

Was also ist Telegram nun: Ein heilsbringendes Instrument, weil Dissidenten sich dort verstecken können (was den meisten im Westen gefällt) – oder Teufelszeug, weil sich auch extremistische Gruppen dort verstecken können (was den meisten wohl eher nicht gefällt)?

Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Telegram zeigt exemplarisch das Dilemma der digitalen Meinungsfreiheit: Dieselbe Technologie, die Demokratie-Aktivisten in Diktaturen schützt, ermöglicht auch Extremismus in Demokratien.

Es muss überlegt werden: Sind Kanäle mit mehreren hunderttausend Mitgliedern nicht doch auch irgendwie öffentlich? Wie umgehen mit solchen mächtigen Werkzeugen? Die Diskussion darüber hat gerade erst begonnen.

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Zuletzt aktualisiert am 28.02.2026