Was viele befürchtet haben, ist inzwischen Realität geworden: Die EU-Urheberrechtsrichtlinie mit Uploadfiltern und Leistungsschutzrecht ist seit 2021 in nationales Recht umgesetzt. Sechs Jahre später zeigt sich: Die Befürchtungen waren berechtigt. Kleinere Plattformen kämpfen mit den Kosten, kreative Inhalte werden gefiltert und das Leistungsschutzrecht bleibt weitgehend wirkungslos.
Die 2019 beschlossene EU-Urheberrechtsrichtlinie sollte das digitale Zeitalter für Kreative und Verlage fairer machen. Doch die Artikel 15 (Leistungsschutzrecht) und 17 (Uploadfilter) haben andere Auswirkungen als geplant. Während große Tech-Konzerne die neuen Regeln verkraften, leiden kleinere Anbieter und Nutzer unter den Folgen.

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Leistungsschutzrecht: Auch europaweit ein Flop
Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage existiert in Deutschland seit 2013. Die Bilanz nach über zehn Jahren: katastrophal. Google zahlt zwar inzwischen an einige große Verlage – aber nur, weil das Unternehmen freiwillig Lizenzverträge abgeschlossen hat, nicht wegen des Gesetzes.
In anderen EU-Ländern sieht es ähnlich düster aus. Frankreich war 2019 das erste Land, das die neue Richtlinie umsetzte. Doch auch hier mussten die Behörden Google erst zu Verhandlungen zwingen. Die erzielten Summen? Verschwindend gering im Vergleich zu den Hoffnungen der Verlage.
Spanien hatte bereits 2014 eine noch schärfere Version eingeführt – mit dem Resultat, dass Google News komplett aus dem Land verschwand. Erst 2022 kehrte der Service zurück, nachdem das Gesetz abgemildert wurde. Die spanischen Verlage verloren jahrelang massiv Traffic.
Die Ironie: Während kleine Nachrichtenseiten und Blogs von Abmahnwellen bedroht werden, haben die Tech-Giganten längst andere Wege gefunden. Sie setzen verstärkt auf eigene Inhalte oder lizenzieren direkt bei den großen Verlagen.
Uploadfilter: Der Kollateralschaden ist real
Artikel 17 der Richtlinie verpflichtet Plattformen, urheberrechtlich geschützte Inhalte bereits beim Upload zu erkennen und zu blockieren. Was in der Theorie sinnvoll klingt, führt in der Praxis zu erheblichen Problemen.
YouTube verschärfte sein Content-ID-System massiv. Mittlerweile werden auch kurze Musikausschnitte in Vlogs automatisch erkannt und monetarisiert – allerdings für die falschen Rechteinhaber. Das System kann nicht zwischen erlaubter Nutzung (Zitate, Parodie, Kritik) und Rechtsverletzung unterscheiden.
Besonders problematisch: Viele kleinere Plattformen können sich die teuren Filtersysteme nicht leisten. Twitch beispielsweise löschte 2021 massenweise alte Streams, weil nachträglich Musik erkannt wurde. Kreative Creator verloren jahrelange Arbeit.
Instagram und TikTok blockieren mittlerweile selbst eindeutig erlaubte Inhalte. Memes mit Filmzitaten, politische Satire oder Musikcritiques landen im Filter – oft ohne sinnvolle Widerspruchsmöglichkeit.
Ein Cartoon erklärt Jugendlichen die Nachteile von Upload-Filtern
KI macht das Problem noch größer
Die Entwicklung generativer KI hat die Situation zusätzlich verkompliziert. ChatGPT, Midjourney und Co. trainieren mit urheberrechtlich geschützten Werken – aber die Uploadfilter können nicht zwischen KI-generierten und menschlichen Inhalten unterscheiden.
Viele Künstler beklagen sich über falsche Treffer: Ihre eigenen, KI-unterstützten Werke werden blockiert, weil der Filter Ähnlichkeiten zu Trainings material erkennt. Gleichzeitig schlüpfen clevere Urheberrechtsverletzungen durch, wenn sie leicht modifiziert werden.
Die großen Plattformen investieren Milliarden in immer ausgefeiltere Filter. Meta entwickelt beispielsweise Systeme, die sogar Gesichtsmimik und Körpersprache analysieren. Doch je perfekter die Überwachung wird, desto größer wird auch das Potenzial für Missbrauch.

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Die Gewinner und Verlierer
Nach sechs Jahren EU-Urheberrechtsrichtlinie zeichnet sich ein klares Bild ab: Die großen Tech-Konzerne haben sich arrangiert und ihre Marktposition sogar gestärkt. Wer das nötige Kleingeld für Lizenzen und Filtertechnologie hat, kommt zurecht.
Die Verlierer sind kleinere Plattformen, die sich teure Compliance-Maßnahmen nicht leisten können, und Kreative, deren Inhalte in den automatisierten Systemen untergehen. Viele europäische Video-Plattformen und Social-Media-Startups haben aufgegeben oder sind in die USA abgewandert.
Besonders absurd: Während legale Inhalte gefiltert werden, floriert die Piraterie auf dezentralen Plattformen und im Darknet unvermindert weiter. Die Gesetze treffen hauptsächlich die legal agierenden Akteure.
Ausblick: Reform oder Verschlimmerung?
Die EU-Kommission arbeitet bereits an einer Überarbeitung der Richtlinie. Doch statt die offensichtlichen Probleme zu beheben, drohen weitere Verschärfungen. Der „AI Act“ soll auch KI-generierte Inhalte erfassen – eine technisch kaum umsetzbare Aufgabe.
Meanwhile entwickeln sich alternative Ansätze: Blockchain-basierte Lizenzierung, NFT-Systeme für Urheberrechte und dezentrale Creator-Economy-Modelle. Diese Innovation findet allerdings hauptsächlich außerhalb Europas statt.
Die ursprünglich gut gemeinte Idee, Kreative zu stärken, ist in bürokratischen Monstern und technischen Sackgassen versandet. Europa hat sich damit selbst aus dem Rennen um die digitale Zukunft katapultiert – zugunsten einer Scheinlösung, die niemand wirklich hilft.
Update 2026: Mittlerweile zeigen Studien, dass die EU-Urheberrechtsrichtlinie ihre Ziele verfehlt hat. Kleine Plattformen sind verschwunden, Kreative kämpfen mit Overblocking und das Leistungsschutzrecht bringt nur großen Verlagen minimale Einnahmen. Eine grundlegende Reform wird diskutiert.
Zuletzt aktualisiert am 09.03.2026
