EU-Interoperabilität: Wie WhatsApp und Co. 2024/25 geöffnet wurden

von | 28.11.2021 | Social Networks

Der Digital Services Act und Digital Markets Act haben 2024/25 die Messenger-Landschaft grundlegend verändert. WhatsApp, Telegram und Co. müssen jetzt tatsächlich miteinander kommunizieren können. Doch die Umsetzung zeigt: Interoperabilität ist komplizierter als gedacht.

Die meisten von uns nutzen Messenger wie WhatsApp, Telegram, Signal oder Threema, um mit anderen zu kommunizieren. Einfach, schnell, meist kostenlos. Doch viele nutzen mehrere Messenger parallel, damit sie auch alle Menschen erreichen können, je nachdem, welchen Messenger die wiederum verwenden.

2024 ist endlich passiert, was das EU-Parlament schon lange gefordert hatte: Interoperabilität der großen Messengerdienste. Der Digital Markets Act (DMA) verpflichtet seit März 2024 die sogenannten „Gatekeeper“ – also Meta, Apple und Google – dazu, ihre Messenger für andere Dienste zu öffnen.

Was bringt Interoperabilität in der Praxis?

Seit der ersten Umsetzungsstufe im März 2024 könnt ihr theoretisch von Signal aus Nachrichten an WhatsApp-Nutzer senden. In der Realität sieht das allerdings noch holprig aus. Meta hat zunächst nur Textnachrichten und Bilder freigeschaltet – Sprachnachrichten, Videos oder Gruppenchats bleiben vorerst den eigenen Apps vorbehalten.

Die Idee dahinter ist bestechend: Es soll so werden wie beim Telefonieren oder bei E-Mails. Ihr könnt jeden anrufen, egal bei welchem Anbieter er ist. Ihr könnt jedem eine E-Mail schreiben, ohne zu wissen, ob er Gmail, Outlook oder einen anderen Dienst nutzt. Genau das sollte auch bei Messengern möglich sein.

Bis Ende 2027 müssen die Gatekeeper schrittweise alle Features öffnen: Gruppenchats, Sprachanrufe, Videoanrufe und Dateiübertragung. Apple iMessage ist übrigens raus – Apple konnte erfolgreich argumentieren, dass iMessage in Europa nicht dominant genug ist.

Die Realität der Messenger-Interoperabilität 2024/25

Wer jetzt schon mal versucht hat, die neuen Interoperabilitäts-Features zu nutzen, merkt schnell: Das ist noch ziemlich umständlich. Meta hat bewusst hohe Hürden eingebaut. Nutzer müssen die Funktion explizit aktivieren, separate Chats für externe Nachrichten akzeptieren und auf viele gewohnte Features verzichten.

Verschlüsselung ist dabei das große Streitthema. WhatsApp argumentiert, dass die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei externen Chats nicht garantiert werden kann. Signal kontert, dass das technisch durchaus machbar wäre – Meta wolle nur nicht.

Spannend wird es bei den Geschäftsmodellen: Während Signal oder Threema auf Spenden bzw. einmalige Käufe setzen, lebt WhatsApp von Datensammlung und Business-Features. Interoperabilität könnte diese Modelle durcheinanderwirbeln.

Matrix Protocol als echter Durchbruch

Parallel zur EU-Regulierung hat sich das Matrix-Protokoll als echter Game-Changer etabliert. Element, Beeper und andere Matrix-basierte Clients können bereits jetzt mit fast allen großen Messengern kommunizieren – oft sogar besser als die offiziellen Interoperabilitäts-APIs.

Beeper Mini hat 2024 für Aufsehen gesorgt, als es iMessage auch für Android-Nutzer zugänglich machte – bis Apple den Service blockierte. Solche Guerilla-Taktiken zeigen, wie sehr sich die Anbieter gegen echte Offenheit wehren.

Facebook fördert Wut

Neue Player durch Interoperabilität

Die erzwungene Öffnung hat tatsächlich Innovation ausgelöst – nur anders als gedacht. Neue Dienste wie Beeper oder Element haben sich als „Universal-Messenger“ positioniert. Sie aggregieren alle eure Chats in einer App, egal von welchem Dienst.

Deutsche und europäische Alternativen profitieren besonders. Threema verzeichnete 2024 deutlich mehr Neukunden, Signal wächst kontinuierlich. Der Zwang zur Interoperabilität macht es einfacher, von WhatsApp wegzugehen, ohne Kontakte zu verlieren.

Auch Unternehmen springen auf: Microsoft Teams, Slack und andere Business-Messenger arbeiten an Integrationen. Die Trennung zwischen privaten und geschäftlichen Messengern verschwimmt.

Die Schattenseiten der Messenger-Öffnung

Nicht alles läuft rund. Spam und Phishing haben zugenommen, seit Nachrichten auch von externen Diensten kommen können. Die Nutzerführung ist oft verwirrend – viele wissen gar nicht, dass sie externe Nachrichten empfangen können.

Datenschützer sind gespalten: Einerseits bricht Interoperabilität die Marktmacht der großen Konzerne. Andererseits entstehen neue Risiken, wenn Nachrichten über mehrere Systeme geleitet werden.

Die Entwicklungsgeschwindigkeit bei neuen Features hat sich tatsächlich verlangsamt. Warum komplexe AR-Filter entwickeln, wenn sie nur im eigenen System funktionieren?

Ausblick: Messenger-Zukunft 2026/27

Die EU-Kommission prüft gerade, ob die aktuellen Implementierungen ausreichen oder nachgeschärft werden müssen. Meta, Google und Apple liefern sich weiter Grabenkämpfe mit Brüssel.

Bis 2027 sollen alle Messenger-Features interoperabel sein. Dann wird sich zeigen, ob die Vision eines offenen Messenger-Ökosystems wirklich funktioniert oder ob die großen Anbieter genug Schlupflöcher gefunden haben.

Klar ist: Die Zeiten der komplett geschlossenen Messenger-Welten sind vorbei. Als Nutzer habt ihr endlich mehr Wahlfreiheit – auch wenn der Weg dorthin noch steinig ist.

Zuletzt aktualisiert am 23.02.2026