Jahrelang hat Apple abgewinkt, jetzt ist es so weit: Das neue MacBook Pro lässt sich per Fingertipp bedienen. Dazu gibt’s ein OLED-Display, die Dynamic Island vom iPhone und ein deutlich leichteres Gehäuse. Der Haken: Der Spaß beginnt bei 3.299 Euro.
Erwischt ihr euch manchmal dabei, wie ihr auf den Bildschirm eures Laptops tippt – einfach, weil ihr es vom Smartphone so gewohnt seid? Beim Mac passierte bislang: nichts. Außer vielleicht ein Fingerabdruck mehr auf dem Display. Damit ist jetzt Schluss. Apple hat am 28. Oktober das neue MacBook Pro mit „PROLED XDR Display“ vorgestellt – den ersten Mac überhaupt, den ihr per Touch bedienen könnt.
Das ist ein größerer Schritt, als es klingt. Denn kaum ein Tech-Konzern hat sich so lange und so beharrlich gegen eine Funktion gesträubt, die bei der Konkurrenz längst Standard ist.
Warum Apple so lange Nein gesagt hat
Notebooks mit Touchscreen gibt es in der Windows-Welt seit vielen Jahren, von Microsofts Surface-Geräten bis zu den Klapp-Laptops von Lenovo, HP und Dell. Apple dagegen hat eine klare Linie gezogen: Der Mac wird mit Trackpad, Maus und Tastatur bedient, Touch gehört aufs iPhone und aufs iPad.
Schon Steve Jobs – Apple-Mitgründer und bis zu seinem Tod 2011 das Gesicht des Konzerns – hielt wenig von senkrechten Touchscreens. 2010 erklärte er auf einer Apple-Veranstaltung sinngemäß: Das sehe in Demos toll aus, aber nach kurzer Zeit werde der Arm müde. In der Branche hat das Phänomen sogar einen Spitznamen: „Gorilla-Arm“.
Diese Haltung hat sich lange gehalten. Wie der Spiegel erinnert, sagte John Ternus – damals Hardware-Chef, heute Apple-Chef – noch 2021 dem „Wall Street Journal“, das iPad sei für Touch optimiert, der Mac für Maus und Tastatur, und man habe keinen Grund gefunden, daran etwas zu ändern. Später fielen die Antworten auf die Touch-Frage zunehmend ausweichend aus. Jetzt wissen wir, warum.
Wer länger dabei ist, erinnert sich an Apples ersten Touch-Versuch am Mac: die Touch Bar. Das war eine schmale, berührungsempfindliche Leiste über der Tastatur, die 2016 ins MacBook Pro einzog – und nach einigen Jahren wieder verschwand, weil viele ihre echten Funktionstasten zurückhaben wollten. Diesmal geht Apple aufs Ganze: Das komplette Display reagiert auf Berührung.
Was der Touchscreen kann
Laut Apple funktionieren die Gesten so, wie ihr sie vom iPhone kennt: Mit einer Wischbewegung scrollt ihr durch Webseiten, mit zwei Fingern zoomt ihr in Fotos hinein, Folien zieht ihr per Drag & Drop von einer Präsentation in die andere. Ein Doppeltipp auf ein Fenster bringt es in den Vollbildmodus.
Technisch interessant: Der Berührungssensor sitzt direkt im Displaypanel, statt als zusätzliche Schicht darüber zu liegen. Das soll die Verzögerung so weit drücken, dass es sich anfühlt, als würdet ihr die Inhalte selbst anfassen. Ein neu konstruiertes Scharnier soll verhindern, dass der Bildschirm beim Antippen wackelt. Und weil ein wippendes Display im Videocall unschön aussieht, gleicht eine Bildstabilisierung das Kamerabild in Echtzeit aus.
Gute Nachricht für alle, die um ihre Lieblingsprogramme bangen: macOS wertet Berührungen automatisch als Mausklicks. Viele Apps funktionieren also ohne Anpassung. Apple nennt außerdem eine ganze Reihe von Programmen, die Touch gezielt unterstützen – darunter Word, Excel, PowerPoint, Outlook, Zoom, Canva und Notion, dazu Profi-Werkzeuge wie Adobe Lightroom, DaVinci Resolve oder Blender.
Die Zielgruppe ist klar: Profis. Apple denkt an Designerinnen, die das ganze Display als Zeichenfläche nutzen, an Musiker, die Software-Instrumente direkt auf dem Bildschirm spielen, oder an 3D-Künstler, die Modelle mit den Fingern drehen. Tastatur und Trackpad bleiben dabei erste Wahl – Touch kommt nur dazu. Von einem Eingabestift ist in Apples Ankündigung übrigens keine Rede.
Mehr als nur Touch
Der Touchscreen ist nicht die einzige Neuerung. Erstmals steckt ein OLED-Display im MacBook – also ein Bildschirm, bei dem jeder Bildpunkt selbst leuchtet. Das ermöglicht tiefes Schwarz und starke Kontraste. Apple setzt dabei auf „Tandem-OLED“: zwei leuchtende Schichten übereinander, die für mehr Helligkeit und ein gleichmäßigeres Bild sorgen sollen. Bis zu 2.000 Nits Spitzenhelligkeit verspricht Apple – genug, um auch in heller Umgebung noch etwas zu erkennen.
Dazu kommt die Dynamic Island. Kennt ihr vom iPhone: Das ist die schwarze Insel am oberen Bildschirmrand, die sich bei Bedarf ausdehnt und laufende Aktivitäten anzeigt – etwa einen Anruf, die gerade spielende Musik oder eine eingehende AirDrop-Übertragung. Auf dem Mac ersetzt sie die bisherige Kerbe im Display, die sogenannte Notch.
Spürbar ist auch das Gewicht. Das 14-Zoll-Modell wiegt 1,38 Kilogramm und ist damit rund 230 Gramm leichter als der Vorgänger, das 16-Zoll-Modell bringt 1,82 Kilogramm auf die Waage – 320 Gramm weniger. Im Inneren arbeiten die Chips M5 Pro und M5 Max, der Akku soll bis zu 24 Stunden durchhalten. Und für Nostalgiker: Der leuchtende Apfel auf der Rückseite des Deckels feiert sein Comeback. Den hatte Apple vor rund zehn Jahren abgeschafft.
Der Preis tut weh
Jetzt kommt der Teil, bei dem viele schlucken dürften. Das 14-Zoll-MacBook-Pro mit Touchscreen und M5 Pro kostet in Deutschland ab 3.299 Euro, die 16-Zoll-Version ab 3.899 Euro. Wer den stärkeren M5 Max will, zahlt mindestens 5.119 beziehungsweise 5.599 Euro. In den USA beginnt der Preis bei 2.899 Dollar. Vorbestellen könnt ihr seit dem 28. Oktober, ausgeliefert wird ab dem 6. November.
Gut zu wissen: Die bisherigen MacBook-Pro-Modelle ohne Touch verkauft Apple weiter, zu unveränderten Preisen. Die Rechenleistung ist dort vergleichbar, ihr verzichtet auf OLED, Touch, Dynamic Island und das leichtere Gehäuse. Parallel hat Apple außerdem ein 14-Zoll-MacBook-Pro mit dem neuen M6-Chip vorgestellt.
Brauche ich das?
Ehrliche Antwort: Die meisten von euch eher nicht – zumindest nicht sofort. Wer am Laptop vor allem schreibt, surft, mailt und Videocalls führt, kommt mit Tastatur und Trackpad weiterhin prima zurecht. Der „Gorilla-Arm“ ist keine Erfindung: Dauerhaft den Arm zum Bildschirm auszustrecken, strengt an. Touch am Laptop spielt seine Stärken eher in kurzen Momenten aus – mal schnell scrollen, ein Foto aufziehen, eine Schaltfläche antippen.
Spannend wird es für Kreative und alle, die beruflich mit Bildern, Tönen und 3D-Modellen arbeiten. Für sie kann der direkte Zugriff aufs Display Arbeit erleichtern. Ob das im Alltag so gut funktioniert, wie Apple es verspricht, müssen die ersten ausführlichen Tests zeigen.
Und noch etwas lohnt den Blick nach vorn: Bei Apple wandern neue Funktionen traditionell von den teuren Profi-Modellen nach unten. Ein MacBook Air mit Touchscreen ist nicht angekündigt. Aber wer einmal A sagt …
Mein Fazit
Apple hat nicht die Erfindung des Jahrzehnts gemacht – Touchscreen-Laptops gibt es seit Langem. Bemerkenswert ist etwas anderes: Ein Konzern, der jahrelang erklärt hat, warum etwas nicht passt, ändert seine Meinung. Unter Chef John Ternus, der Anfang des Monats erst ein faltbares iPhone vorgestellt hat, wirkt Apple experimentierfreudiger als lange zuvor. Das Touch-MacBook ist ein Statement – für Profis mit dickem Budget. Für alle anderen gilt: entspannt abwarten, was die Tests sagen. Und den Bildschirm bis dahin ruhig weiter putzen.