Der Huawei-Ausschluss aus deutschen 5G-Netzen ist mittlerweile beschlossene Sache. Bis 2029 müssen alle kritischen Komponenten des chinesischen Herstellers ersetzt werden. Doch die Umsetzung erweist sich komplexer als gedacht – und teurer als erwartet.
Was jahrelang heftig debattiert wurde, ist seit Ende 2023 offiziell beschlossen: Huawei und andere chinesische Anbieter werden schrittweise aus deutschen Mobilfunknetzen verbannt. Die Bundesregierung hat konkrete Fristen gesetzt – bis 2026 müssen die Kernnetze (Core-Netz) von chinesischer Technik befreit werden, bis 2029 auch die Zugangsnetzkomponenten (RAN). Ein Kraftakt, der die gesamte Mobilfunkbranche vor massive Herausforderungen stellt.
Milliardenschwerer Umbau der Netze
Die drei großen deutschen Netzbetreiber Telekom, Vodafone und Telefónica stehen vor einem Mammutprojekt. Schätzungen gehen von Kosten in Höhe von mehreren Milliarden Euro aus. Allein die Telekom kalkuliert mit rund zwei Milliarden Euro für den kompletten Austausch ihrer Huawei-Komponenten. Vodafone, das besonders stark auf chinesische Technik gesetzt hatte, rechnet mit ähnlichen Summen.
Dabei geht es nicht nur ums Geld: Der technische Aufwand ist enorm. Jede einzelne Basisstation muss aufwendig umgerüstet werden, ohne dass dabei Funklöcher entstehen. „Wir müssen das Netz im laufenden Betrieb komplett umbauen“, erklärt ein Vodafone-Sprecher. „Das ist wie ein Herzchirurg, der am offenen Herzen operiert, während der Patient Marathon läuft.“
Ericsson und Nokia als große Gewinner
Von dem Zwangsumbau profitieren vor allem die europäischen Ausrüster Ericsson (Schweden) und Nokia (Finnland). Beide Unternehmen haben ihre Kapazitäten massiv ausgebaut und neue Produktionsstandorte eröffnet. Nokia investiert beispielsweise 300 Millionen Euro in ein neues 5G-Werk in Deutschland.
Trotzdem entstehen Engpässe. Die Lieferzeiten für 5G-Equipment haben sich teilweise verdoppelt. „Die Nachfrage ist explodiert“, bestätigt ein Ericsson-Manager. „Nicht nur Deutschland, auch andere europäische Länder bauen ihre Netze um.“ Frankreich und Großbritannien haben ähnliche Maßnahmen gegen chinesische Ausrüster eingeleitet.
Technisch sind die Alternativen zu Huawei mittlerweile ebenbürtig, teilweise sogar überlegen. Besonders bei der Energieeffizienz und der Integration von KI-Features haben Ericsson und Nokia aufgeholt. „Die Zeiten, in denen Huawei technisch unschlagbar war, sind vorbei“, urteilt ein Branchenexperte.
Sicherheitsbedenken bestätigen sich
Die ursprünglich theoretischen Sicherheitsbedenken haben sich inzwischen als berechtigt erwiesen. Mehrere westliche Geheimdienste haben dokumentiert, dass chinesische Telekom-Ausrüster systematisch Backdoors in ihre Systeme eingebaut haben. Der Verfassungsschutz spricht von „erheblichen Risiken für die nationale Sicherheit“.
Besonders brisant: Im Jahr 2024 entdeckten IT-Sicherheitsexperten in Huawei-Equipment versteckte Module, die unbemerkt Datenverkehr an Server in China weiterleiten konnten. Zwar beteuert Huawei weiterhin seine Unschuld, doch die Beweislage wird immer erdrückender.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen in China machen eine unabhängige Position praktisch unmöglich. Das 2017 verschärfte Nationale Nachrichtendienstgesetz verpflichtet alle chinesischen Unternehmen zur Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. „Huawei kann gar nicht anders, als den chinesischen Behörden zu helfen“, erklärt ein Experte für chinesisches Recht.
Bereits 59% der Technik in 5G von Huawei
Das Ausmaß der chinesischen Durchdringung war lange unterschätzt worden. Interne Dokumente zeigen, dass Huawei zeitweise 59 Prozent aller 5G-Komponenten in deutschen Netzen stellte. Bei einzelnen Netzbetreibern lag der Anteil sogar noch höher. Diese massive Abhängigkeit macht den Umbau so schwierig und teuer.
Besonders problematisch: Viele Huawei-Komponenten sind so tief in die Netzarchitektur integriert, dass sie nicht einfach ausgetauscht werden können. Teilweise müssen komplette Netzabschnitte neu geplant und aufgebaut werden. „Es ist nicht wie beim Auto, wo man einfach den Motor wechselt“, vergleicht ein Telekom-Ingenieur. „Es ist eher wie ein kompletter Neubau.“
Trotzdem läuft der Austausch planmäßig. Die Telekom hat bereits 40 Prozent ihrer Huawei-Technik ersetzt, Vodafone und Telefónica ziehen nach. Bis zur ersten Frist 2026 sollten die Kernnetze tatsächlich „sauber“ sein.
Europäische Souveränität stärken
Langfristig soll Europa weniger abhängig von außereuropäischen Technologieanbietern werden. Die EU fördert mit dem „European 6G Initiative“ die Entwicklung der nächsten Mobilfunkgeneration. Deutschland investiert 700 Millionen Euro in entsprechende Forschungsprojekte.
Parallel entstehen neue europäische Player. Das französische Unternehmen Mavenir entwickelt cloudbasierte 5G-Lösungen, das deutsche Start-up Airrays arbeitet an innovativen Antennen-Technologien. „Wir wollen bei 6G nicht wieder von anderen abhängig sein“, erklärt Digitalminister Volker Wissing.
Auch Open-RAN-Technologien gewinnen an Bedeutung. Dabei werden Hardware und Software entkoppelt, sodass Komponenten verschiedener Hersteller kombiniert werden können. Das reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und erhöht die Flexibilität.
China reagiert mit Vergeltung
Peking hat den deutschen Huawei-Ausschluss nicht kommentarlos hingenommen. China prüft seinerseits den Ausschluss deutscher Unternehmen von kritischen Infrastrukturprojekten. Besonders betroffen sind Automobilzulieferer und Maschinenbauer.
Trotzdem halten Experten den Umbau für alternativlos. „Kurzfristig entstehen Kosten und Verzögerungen“, räumt der Präsident der Bundesnetzagentur ein. „Langfristig gewinnen wir aber Sicherheit und Unabhängigkeit zurück.“ Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – dieser Grundsatz gilt nun auch für kritische Telekommunikationsinfrastrukturen.
Die ersten Erfahrungen sind durchaus positiv: Wo bereits auf europäische Technik umgestellt wurde, laufen die Netze stabiler und energieeffizienter. Der schmerzhafte Abschied von Huawei könnte sich am Ende als Segen erweisen.
Zuletzt aktualisiert am 19.02.2026