Wir sind es gewohnt, dass das meiste im Netz kostenlos ist. Nun haben wir den Salat: Große Konzerne wie Meta, X (ehemals Twitter), Google und TikTok machen den meisten Umsatz mit Werbung – und indem die User manipuliert werden, sagt Jaron Lanier. Er fordert deshalb ein komplettes Umdenken. Und ein Ende der Gratis-Kultur.
Im Netz ist fast alles umsonst. Längst ist klar: Wir bezahlen zwar kein Geld für Dienstleistungen und Inhalte im Netz, dafür aber mit unseren ureigenen Daten. Darum ist Werbung im Netz omnipräsent, Spionage und Manipulation allgegenwärtig. Einige der Online-Konzerne setzen deshalb sogar süchtigmachende Techniken ein, damit die User möglichst oft ihre Dienste nutzen und so besonders viele Daten abliefern. Man könnte es auch so sagen: Der User wird ausgequetscht wie eine Zitrone.
KI verschärft das Problem zusätzlich
Die Situation hat sich seit 2024 mit der explosionsartigen Verbreitung von KI-Systemen wie ChatGPT, Claude und Gemini noch dramatisch verschärft. Diese Systeme wurden größtenteils mit Inhalten trainiert, die kostenlos aus dem Netz abgegriffen wurden – Texte, Bilder, Videos von Millionen Kreativen, ohne dass diese dafür entlohnt wurden. Jetzt generieren diese KIs selbst Inhalte und verdrängen die ursprünglichen Urheber aus dem Markt.
Gleichzeitig nutzen die Tech-Giganten diese KI-Tools, um noch präzisere Profile ihrer Nutzer zu erstellen. Die Manipulation wird raffinierter, personalisierter – und damit gefährlicher für unsere Demokratie. Die jüngsten Wahlkämpfe in Europa und den USA haben gezeigt, wie Desinformation und algorithmische Verstärkung ganze Gesellschaften spalten können.
Die User sollen zahlen – und selbst entlohnt werden
Das ist so weit nichts Neues, auch wenn es immer wieder in Vergessenheit gerät. Aber welche Konsequenzen ziehen wir aus dieser erschütternden Erkenntnis? Der Internetkritiker Jaron Lanier stellt gerne schon mal lautstarke Forderungen. Lanier hat die Virtual Reality mehr oder weniger erfunden und war quasi einer der Geburtshelfer des Internet, hat uns also die Probleme mit eingebrockt. Doch er ist vom Saulus zum Paulus geworden.
Heute fordert er lautstark: Lasst uns Schluss machen mit der Gratis-Kultur. Sie hat uns nur Unheil gebracht. Sie zerstört uns. Weil ein Ungleichgewicht entsteht: Die einen haben alle Macht, das sind die Konzerne. Unternehmen wie Meta wüssten heute mehr über jeden einzelnen als die Stasi, sagt Lanier. Und er hat zweifelsohne Recht.
Doch weil alles durch Werbung finanziert wird, kommen perverse Mechanismen zum Einsatz: Die User bekommen gezeigt, was ihnen gefällt. Was Aufmerksamkeit erzeugt. Nicht, was gut ist. Hauptsache Klicks, Hauptsache Werbung. Ein Geschäft, das auf Manipulation und Täuschung beruht.
Erste Ansätze für Wandel sind sichtbar
Interessant ist: Einige Plattformen experimentieren bereits mit neuen Modellen. X hat sein kostenpflichtiges Premium-Programm massiv ausgebaut. Meta testet in Europa werbefreie Abo-Modelle für Instagram und Facebook – allerdings nur unter dem Druck der DSGVO und des Digital Services Act. YouTube Premium wächst kontinuierlich, weil immer mehr User bereit sind, für werbefreie Erfahrungen zu zahlen.
Substack, Patreon und ähnliche Plattformen zeigen, dass Creator durchaus Geld verdienen können, wenn sie direkt von ihren Lesern bezahlt werden. Das Problem: Diese Modelle funktionieren nur für eine kleine Elite von Content-Erstellern. Die große Masse geht leer aus.
Öffentlich oder kommerziell?
Was also kann die Lösung sein? Lanier stellt zwei Möglichkeiten vor: (a) Das Internet wird öffentlich oder öffentlich-rechtlich. Das würde aber bedeuten, dass es in unzählige nationale Einheiten zerfällt – und es droht, dass einzelne Regierungen das Netz missbrauchen. China zeigt uns täglich, wie das aussehen kann.
Oder (b) eine Bezahlkultur. Alles soll bezahlt werden. Inhalte. Artikel. Videos. Aber auch die User, wenn sie Inhalte herstellen, die andere interessieren. Wenn sie etwas teilen. Daten zuliefern, sollte also bezahlt werden. Das wäre auf eine gewisse Weise fair, würde Arbeitsplätze bringen – aber trotzdem nicht alle Probleme lösen.
Denn mehr denn je wäre es reizvoll, unsinnige, aber reizstarke Inhalte anzubieten. Dennoch: Mit radikalen Ideen an das aktuelle Problem heranzugehen, ist der richtige Ansatz. Sonst ändert sich nichts.
Europa als Vorreiter für faire Digitalwirtschaft?
Die EU könnte eine Vorreiterrolle spielen. Der Digital Services Act und der AI Act zeigen bereits: Europa ist bereit, den Tech-Konzernen Grenzen zu setzen. Ein nächster Schritt könnte ein „Digital Fair Pay Act“ sein – ein Gesetz, das sicherstellt, dass Content-Ersteller angemessen für die Nutzung ihrer Werke entlohnt werden.
Einige EU-Politiker diskutieren bereits über eine „digitale Dividende“ – eine Art Grundeinkommen, das aus den Gewinnen der Datenökonomie finanziert wird. Utopisch? Vielleicht. Aber notwendig, wenn wir verhindern wollen, dass wenige Tech-Milliardäre über das Schicksal von Milliarden Menschen entscheiden.
Laniers Vision einer fairen Digitalökonomie ist radikaler denn je. Aber angesichts der aktuellen Entwicklungen – KI, die menschliche Kreativität ersetzt, Plattformen, die Demokratien destabilisieren – könnte sie auch notwendiger denn je sein.
Zuletzt aktualisiert am 06.03.2026

