Kurz aufs Display geschaut, schnell eine Nachricht getippt – kann doch nicht so schlimm sein, oder? Doch, kann es. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) schlägt jetzt Alarm und fordert den bundesweiten Einsatz von KI-gestützten Kameras gegen Handysünder am Steuer. Die sogenannten „Monocams“ sollen automatisch erkennen, wer während der Fahrt zum Smartphone greift. Rheinland-Pfalz macht’s bereits vor – und die Diskussion ist in vollem Gang.
Zwei Sekunden = 28 Meter im Blindflug
Bevor ihr jetzt die Augen rollt und „Überwachungsstaat!“ ruft: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 977 Menschen bei Unfällen verletzt, die durch Smartphone-Ablenkung verursacht wurden. 20 Menschen starben. Und das sind nur die offiziell erfassten Fälle – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Der DVR rechnet vor: Wer bei 50 km/h zwei Sekunden auf sein Handy schaut, legt 28 Meter im Blindflug zurück. Bei Tempo 100 sind es sogar 55 Meter. Das ist länger als ein halbes Fußballfeld – ohne einen einzigen Blick auf die Straße. Zeit genug, um ein Leben zu verändern oder zu beenden.
So funktioniert die digitale Handyjagd
Die Monocam-Technologie stammt aus den Niederlanden und ist technisch ziemlich clever: Die Kameras werden auf Brücken oder am Straßenrand montiert und filmen von oben in die vorbeifahrenden Autos. Eine Künstliche Intelligenz analysiert in Echtzeit, ob jemand ein Handy in der Hand hält. Dazu wertet die KI verschiedene Faktoren aus: Haltung des Fahrers, Armbewegungen, Blickrichtung.
Schlägt die KI Alarm, wird ein Foto gemacht und zur Überprüfung an die Polizei geschickt. Dort schauen sich geschulte Beamte die Aufnahme an – Vier-Augen-Prinzip inklusive. Nur wenn wirklich ein Verstoß vorliegt, wird das Bild gespeichert und ein Bußgeld verhängt. Alle anderen Aufnahmen werden sofort gelöscht.
In Rheinland-Pfalz läuft das System seit Anfang 2025 im Regelbetrieb. Manfred Wirsch, Präsident des DVR, bringt es auf den Punkt: „Der Blick gehört auf die Straße, nicht aufs Handy. Wer sich nicht selbst daran hält, den kann die Überwachung per Monocam sehr wirksam daran erinnern.“
Datenschutz vs. Verkehrssicherheit: Der ewige Kampf
Natürlich gibt es Kritik. Datenschützer sehen das System skeptisch, denn: Zunächst werden alle Autofahrer gefilmt – ohne konkreten Verdacht, ohne explizite Zustimmung. Das ist normalerweise ein No-Go.
Die Befürworter halten dagegen: Nur verdächtige Aufnahmen werden weiterverarbeitet, alle anderen fliegen sofort in den digitalen Papierkorb. Außerdem sei die Gefahr durch Handynutzung am Steuer so groß, dass ein bisschen Überwachung gerechtfertigt sei. Schließlich werden auch Geschwindigkeitssünder geblitzt, ohne vorher um Erlaubnis gefragt zu werden.
Die rechtliche Lage ist klar: In Rheinland-Pfalz wurde extra das Polizeigesetz angepasst, um die Monocams zu ermöglichen. Andere Bundesländer wie Niedersachsen drücken sich noch um eine Entscheidung – offiziell wegen fehlender Rechtsgrundlagen.
Das Problem ist hausgemacht
Hier wird’s spannend: Eine Studie des DVR aus 2020 zeigt, dass 25 Prozent aller Autofahrer während der Fahrt telefonieren oder Anrufe entgegennehmen. Bei jungen Fahrern zwischen 17 und 24 Jahren sind es sogar 49 Prozent – also praktisch jeder Zweite.
Warum? Weil die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, verschwindend gering ist. Mit herkömmlichen Methoden ist es für die Polizei fast unmöglich, Handysünder zu schnappen. Zu personalintensiv, zu teuer, zu ineffektiv. Die Gesetze sind da, aber ihre Durchsetzung ist ein Witz.
Genau hier setzen die KI-Kameras an: Sie können rund um die Uhr kontrollieren, brauchen kein Personal vor Ort und funktionieren unabhängig von Personalschwankungen. In den Niederlanden, den USA und Australien werden sie bereits großflächig eingesetzt – mit messbarem Erfolg bei der Reduzierung von Handyverstößen.
Hersteller in der Pflicht
Der DVR fordert aber nicht nur mehr Überwachung, sondern stellt auch die Autohersteller in die Verantwortung. Moderne Autos mit ihren riesigen Touchscreens sind selbst Ablenkungsmonster. Jede Klimaanlagen-Einstellung, jedes Radio-Tuning erfordert heute oft mehrere Bildschirm-Klicks.
Die Lösung? Intuitive Bedienkonzepte, die ohne visuelles Suchen funktionieren: Sprachsteuerung, haptische Tasten, Hebel. Seit Juli 2024 schreibt die EU vor, dass Neuwagen mit Systemen ausgestattet sein müssen, die Ablenkung durch Handys reduzieren – zum Beispiel durch akustische Signale oder Vibrationen im Sitz.
Mein Fazit: Notwendiges Übel oder übertriebene Kontrolle?
Ich weiß, viele von euch werden jetzt denken: „Noch mehr Kameras, noch mehr Überwachung – wo soll das enden?“ Und ich verstehe das. Wirklich. Die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit ist schwierig.
Aber mal ehrlich: Wenn ein Viertel aller Autofahrer während der Fahrt am Handy hängt und die Dunkelziffer vermutlich noch höher liegt, dann haben die bisherigen Maßnahmen versagt. Appelle an die Vernunft? Funktionieren nicht. Härtere Strafen? Bringen nichts, wenn niemand kontrolliert.
Die Monocams sind kein Allheilmittel. Aber sie könnten ein Baustein sein, um die Straßen sicherer zu machen. Und im Gegensatz zu permanenter Videoüberwachung werden hier gezielt nur Verstöße dokumentiert. Wer sich ans Gesetz hält, hat nichts zu befürchten.
Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht, ob wir die Technologie einsetzen sollten – sondern warum wir sie überhaupt brauchen. Die Antwort ist unangenehm: Weil zu viele Menschen nicht aus Einsicht auf ihr Handy verzichten. Dann bleibt nur noch die technische Lösung.!