Deutschland war eines der ersten Länder, das gezielt Gesundheits-Apps gefördert hat – und damit die Digitalisierung in der Medizin vorangetrieben hat. Das hatte durchaus seine Vorteile, brachte aber auch Risiken mit sich – wie immer bei der Digitalisierung. Gesundheitsdaten sind besonders sensibel und müssen deshalb auch besonders geschützt werden. Ich hätte da eine Forderung – die heute aktueller ist denn je.
Die Digitalisierung in der Medizin hat seit 2019 deutlich Fahrt aufgenommen. Was damals noch Vision war, ist heute Realität: Digitalisierung durchdringt alle Bereiche des Gesundheitswesens.
Vollkommen plausibel und wohl auch richtig, in der Medizin Prozesse zu optimieren und zu digitalisieren. Wer Patient ist, merkt: Vieles läuft heute digital ab – von der Terminbuchung über die elektronische Patientenakte (ePA) bis hin zu Videosprechstunden. Die Zeiten, in denen Laborbefunde tagelang auf dem Postweg unterwegs waren, sind größtenteils vorbei. Trotzdem gibt es noch genug Baustellen: Doppeluntersuchungen, fehlende Datenkompatibilität zwischen Systemen und Medienbrüche kosten nach wie vor Zeit und Geld.
KI-Diagnose und Wearables: Der neue Standard
Heute sind es nicht mehr nur einfache Health-Apps, sondern KI-gestützte Diagnosesysteme, die Ärzte bei der Befundung unterstützen. Machine Learning analysiert Röntgenbilder, Hautveränderungen oder EKGs oft schneller und präziser als Menschen. Wearables wie Apple Watch oder Samsung Galaxy Watch messen kontinuierlich Puls, Blutsauerstoff und können sogar Herzrhythmusstörungen erkennen.
Dazu kommen Gesundheits-Apps, die längst über simple Schrittzähler hinausgehen: Sie überwachen Schlafmuster, Stimmung, Medikamenteneinnahme oder Blutzuckerwerte. Die Apple Health App oder Google Fit sammeln Millionen von Datenpunkten – und das rund um die Uhr.
Sensible Gesundheitsdaten vertraulich behandeln
Doch wenn KI-Medizin und Health-Apps unseren Alltag durchdringen, sind die Anforderungen an den Datenschutz natürlich besonders hoch. Verständlicherweise – und auch vollkommen richtig so. Denn niemand möchte, dass seine Gesundheitsdaten in falsche Hände geraten. Zwar wird auch mit Daten auf Papier nicht immer sorgfältig umgegangen. In der digitalen Welt aber ist das Risiko für Indiskretionen, Pannen und Missbrauch besonders hoch.
Die Chat-App Ada zum Beispiel, die durch geschicktes Nachfragen Erstdiagnosen stellen soll, hat sensible Daten bei Dienstleistern wie Amplitude, aber sogar auch bei Facebook abgeliefert. Facebook!
Solche Fälle sind leider kein Einzelfall geblieben. Auch andere Gesundheits-Apps haben in den vergangenen Jahren Daten an Werbetreibende weitergegeben – oft ohne dass Nutzer davon wussten. Meta (ehemals Facebook) freut sich einen Ast, wenn das Unternehmen erfährt, dass jemand Allergiker ist, unter bestimmten Beschwerden leidet oder regelmäßig Medikamente nimmt. Bingo! Da lassen sich doch rezeptfreie Medikamente anbieten – oder Therapien. Oder, oder, oder… Solche Daten sind besonders kostbar. Werbekunden zahlen dafür besonders viel Geld.
Der gläserne Patient: Mehr Transparenz, mehr Risiken
Die Situation hat sich seit 2019 sogar verschärft. Heute sammeln nicht nur Apps Daten, sondern auch IoT-Geräte im Gesundheitswesen: Smarte Insulinpens, vernetzte Inhalatoren, digitale Pillen mit Sensoren oder Implantate mit Internetverbindung. Jedes Gerät erzeugt Datenströme – und jeder Datenstrom ist ein potenzielles Einfallstor.
Dazu kommen neue Akteure wie Amazon mit seinem Alexa Health Skills oder Google mit seinen Health-KI-Projekten. Diese Tech-Giganten haben längst erkannt: Gesundheitsdaten sind das neue Gold. Sie investieren Milliarden in Gesundheitstechnologie und bauen riesige Datensammlungen auf.
Auch Datenempfänger haftbar machen
Experten wissen: Es reichen oft schon wenige Daten und Informationen aus, um ein Profil zu erstellen – sogar, um diese Daten einer bestimmten Person zuzuordnen. Das gilt ganz besonders für den Fall, dass solche Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen werden können. Meta, Google, Amazon und einige andere sind Experten darin, Daten zu sammeln, zu horten und auszuwerten. Amazon hat längst eigene Gesundheitsprodukte auf den Markt gebracht – von Fitness-Trackern bis hin zu Telemedizin-Services. Und ganz sicher freut sich Jeff Bezos über jeden Datenpunkt…
Will sagen: Wir sollten nicht nur die Anbieter von Geräten und Apps dafür haftbar machen, wenn sie Daten veruntreuen. Wir sollten auch die großen Netzwerke – man könnte sagen: die üblichen Verdächtigen! – dafür haftbar machen, wenn sie solche Daten annehmen. Wenn auch das verboten ist, dann werden sie sich schon anstrengen und solche Daten verweigern.
Was sich ändern muss
Die EU hat mit der DSGVO und dem Digital Services Act wichtige Schritte unternommen. Doch das reicht nicht. Wir brauchen:
- Echte Datenhoheit: Nutzer müssen jederzeit sehen können, welche Daten gesammelt werden – und diese auch löschen können.
- Verschärfte Haftung: Nicht nur Datensammler, sondern auch Datenempfänger müssen zur Rechenschaft gezogen werden.
- Transparente KI: Wenn Algorithmen über unsere Gesundheit urteilen, müssen wir verstehen können, wie sie zu ihren Schlüssen kommen.
- Dezentrale Speicherung: Gesundheitsdaten gehören nicht in die Cloud-Zentren von Big Tech, sondern unter die Kontrolle der Patienten.
Anderenfalls wird das Unvermeidliche passieren: Die Daten landen bei Meta, Google und Co. – und irgendwann werden sich die CEOs für den massenweisen Missbrauch entschuldigen. Wieder einmal.
Also: Digitalisierung – ja, aber mit Fingerspitzengefühl. Und nur unter strengster Kontrolle. Das gilt heute mehr denn je.
Zuletzt aktualisiert am 03.03.2026